Eltern verbringen zu wenig Zeit mit ihren Kindern, kritisiert der Pädagoge Bernhard Bueb. Im Interview mit stern.de erklärt der ehemalige Leiter des Internats Schloss Salem, warum viele Studenten für den Beruf des Lehrers nicht geeignet sind und Hauptschüler nicht mehr an die eigene Zukunft glauben.

Wenn Lehrer verbeamtet werden führt das laut Bueb zu" obrigkeitsstaatlichem Denken"© colourbox
Wir sind Wissenschaftler und Politiker, die versuchen, bei Themen, die nicht vorankommen, etwas zu bewegen. Die Gruppe "Erziehung und Bildung" will die gravierendsten Defizite herausgreifen. Das sind ist die mangelnde Wertschätzung der Person des Lehrers und die Ganztagserziehung.
Sie werden die zentralste Rolle spielen müssen, die man sich überhaupt nur denken kann.
Bildung ist für mich nicht Ausbildung. Bildung ist die Haltung, wie man der Welt begegnet. Man erwirbt sie durch Aneignung des Wissens und der Werte der Vorfahren, mit deren Hilfe man die Welt interpretiert.
Zwei zentrale Defizite: Das eine ist, dass Kinder und Jugendliche an einem Mangel an gestalteter Gemeinschaft leiden. Das resultiert aus dem Rückgang des Vereinslebens, aus den zu kleinen Familien und der Tatsache, dass es nicht einmal mehr eine Straßengemeinschaft gibt. Das zweite Defizit ist der Mangel an Zeit und Zuwendung von Erwachsenen.
Die Veränderung der Familien, die sich in vielen Fällen schon sehr früh auflösen. Hinzu kommt ein hemmungsloser Individualismus, ein Mangel an Gemeinsinn. Das hängt wiederum zusammen mit dem vorherrschenden Materialismus unserer Wohlstandsgesellschaft.
So ist es. Die heutige Halbtagsschule in Deutschland ist eine Belehrungsschule und keine Charakterschule. Sie stellt keine Gemeinschaft dar, in der Kinder ihren Charakter bilden können. Und die Lehrer haben keine Zeit, sich den Kindern in diesem Sinne zuzuwenden.
Bildung ist immer die Einheit von akademischer Bildung und Charakterbildung. Wir Deutschen haben Bildung auf akademische Bildung und Ausbildung reduziert. Das ist die Krankheit der deutschen Schulen.
In der Grundschule ganz sicher. Daher ist sie der unproblematischste Bereich. Am meisten Sorge bereitet die Sekundarstufe 1, zwischen zehn und sechzehn, wo die Pubertät stattfindet. Da müssten die Lehrer bereit sein, auch als Erzieher zu wirken. Die junge Lehrergeneration scheint mir zum Glück dazu in hohem Maße bereit zu sein. Dieser neuen Generation muss man aber auch die Gelegenheit geben, dass sie auch erziehend tätig sein kann.
Man müsste Ausbildung und Fortbildung ändern, ihr Selbstverständnis vor allem. Nicht nur Wissensvermittler sein zu müssen, sondern Erziehung zu leisten. Sie müssten einen Arbeitsplatz an der Schule haben und bereit sein, bis 17 Uhr in der Schule zu bleiben.
Weil in der Halbtagsschule man davon ausgeht, dass der Lehrer mittags nach hause geht und dort arbeitet.
So ist es. Man hat Strukturen verändert, aber nicht die Personen, die die Strukturen mit Leben füllen sollen. Dahinter steht der Irrglaube, dass die Veränderung der Strukturen auch die Menschen verändert. Die Gesamtschule ist nicht in der Lage, die Chancenungerechtigkeit zu beheben. Nur die Lehrer können begabte Kinder der bildungsfernen Schichten entdecken und fördern. Dazu brauchen sie Zeit mit Schülern, und die bietet ihnen die Ganztagsschule.
Das wäre das wichtigste. Aus Unterrichtern müssen "Menschenbildner" werden, Lehrer sollten Schüler und nicht Fächer unterrichten. Sie müssten schon bei der Wahl des Berufes Gelegenheit haben zu prüfen, ob sie aus Zuneigung zu diesen Kindern den Beruf wählen. Sie müssten eine Fortbildung erhalten, die sie immer wieder in erzieherischen Belangen schult. Die heutige Fortbildung ist ja rein akademischer Natur, es findet kein Coaching statt, kein Verhaltenstraining. Vor allem darf man die Lehrer nicht einfach ins Wasser werfen zu Beginn ihrer Arbeit an der Schule und dann sehen sie 30, 40 Jahre ihren Schulleiter nur als verwaltenden Manager oben. Sie bedürfen der Führung, der Anerkennung, der Begleitung. Das Hauptleiden deutscher Lehrer ist, dass ihre Arbeit nicht wahrgenommen wird.
Und was haben Sie erlebt? Bildung baut oft keine Brücken - sondern vertieft Gräben. Schreiben Sie uns, was Sie erlebt haben. An folgenden Themen sind wir sehr interessiert:
1) Was sieht es in Kindergärten aus?
2) Wie klappt der Sortierungsprozess in der vierten Klasse?
3) Was sind die Vor- und Nachteile der Gesamtschule?
4) Wie erleben Sie die Abwertung der Hauptschule?
Bitte schildern Sie uns - möglichst konkret - Ihre Erlebnisse. Schreiben Sie dafür einfach eine Mail an aktion@stern.de. Vielen Dank!
Zur Person Bernhard Bueb ist der stellvertretende Vorsitzende des Frankfurter Zukunftsrates. Von 1974 bis 2005 leitete er das Internat Schloss Salem.