Nicht nur Angela Merkel hat eine Bildungsreise gemacht, sondern auch stern-Autor Walter Wüllenweber. Während die Kanzlerin funktionierende Computer und saubere Toiletten sah, entdeckte Wüllenweber jene Schulen und Kindergärten, bei denen der Putz abbröckelt. Eine Bildungsreise der ehrlichen Art.

Angela Merkel auf "Bildungsreise": eine Pappfigur der Kanzlerin steht auf dem Schulhof der Gesamtschule Porta-Westfalica in Minden© Michael Trippel
Wenn Erich Honecker seine Berliner Scheinwelt verließ, wurden Straßenzüge renoviert, Wohnungen neu eingerichtet, Gärten angelegt. Honecker bekam eine perfekte Inszenierung geboten mit funktionierenden Fabriken, zufriedenen Arbeitern, hervorragende Schulen. Das wahre Gesicht der Mangelwirtschaft zeigte man ihm nicht. Im Spätsommer hat auch Angela Merkel ihre Berliner Scheinwelt verlassen, um sich auf den gestrigen Bildungsgipfel vorzubereiten. Auf ihrer Protokollstrecke besuchte sie preisgekrönte Schulen, Vorzeigekindergärten, vorbildliche Ausbildungsbetriebe, frisch eingeweihte Studiengänge. Die real existierende Mangelwirtschaft in der von Merkel ausgerufenen "Bildungsrepublik Deutschland" zeigte man der Kanzlerin nicht.
"Zu uns hätte sie mal kommen sollen und sich die Situation anschauen, wie sie wirklich aussieht", sagt Schulleiter Egon Ruch. "Aber das tut sich ja niemand freiwillig an." Ruch leitet eine Berufsschule in Eisenach. Namenspatron ist Merkels Amtsvorgänger Ludwig Erhard. Nach der Umbenennung 1990 wurde an die Hausfassade eine Marmorplatte mit Erhards eingraviertem Namen geschraubt. Das war die größte Veränderung, die an dem Gebäude jemals vorgenommen wurde, seit die Schule 1976 eingeweiht worden war. Sonst ist alles noch im Originalzustand.
Die Erhard-Schule ist ein räudiger Plattenbau. Die meisten Fenster lassen sich nicht mehr öffnen. "Und bei den anderen muss man immer aufpassen, dass das Glas nicht aus dem Rahmen fällt. Im Winter zieht das hier wie Hund", sagt Ruch. Aus Platzmangel steht der Kopierer auf dem Damenklo. Wenn die Lehrer mit einem Betrieb telefonieren wollen, müssen sie sich vom Sekretariat verbinden lassen, weil es nur eine Amtsleitung gibt. Den Umgang mit High-Tech-Maschinen können sie nicht lehren, weil die Statik des morschen Gebäudes solche Geräte nicht mehr trägt. Und die Toiletten. "Also das", Ruch lacht verlegen. "Das hätte man der Kanzlerin nicht zumuten können."
Dabei hätten die zahlreichen Zumutungen der Ludwig-Erhard-Schule für Angela Merkel eine Lehre sein können: Um aus der baufälligen Notunterbringung eine voll funktionsfähige Berufsschule zu machen, ist keine große Reform notwendig. Direktor Ruch braucht vor allem Geld. Für mehr Lehrer, für Technik aus diesem Jahrtausend, für einen kompletten Neubau. Darin sind sich die Experten einig: Geldmangel ist das größte Problem des deutschen Bildungswesens.
Betroffen sind alle Bereiche, von der Kita bis zur Universität. Bildungswissenschaftler haben ausgerechnet, dass jährlich bis zu 45 Milliarden Euro zusätzlich investiert werden müssten, um zu den erfolgreichen Bildungsnationen wenigstens aufzuschließen. Die Armut im Bildungssystem hat Tradition. Seit über 30 Jahren gibt Deutschland weniger für Bildung aus als der Durchschnitt der in der OECD organisierten Industrieländer. In den letzten zehn Jahren ist der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt sogar gesunken, von 5,4 Prozent auf 5,1 Prozent. OECD-Schnitt ist heute 6,1 Prozent.
Deutschland liegt bei den Investitionen in Bildung unter 27 Industrie-Staaten auf dem viertletzten Platz. Doch dazu sagte die Kanzlerin auf ihrer Bildungsreise nichts. Der Geldfrage wich sie konsequent aus. Und wenn sie zu einer Antwort gezwungen wurde, flüchtete sie in Plattitüden: "Computer sind nun mal teurer als Tafel und Kreide." In der Ludwig-Erhard-Schule hätte sie das nicht gesagt. Es wäre ihr selber peinlich gewesen. Merkels Reise ist nicht nur typisch für die Bildungspolitik. So funktioniert Politik insgesamt. Politiker weihen Neubauten ein, schneiden Bänder durch, überreichen Preise. Sie zeigen sich mit Symbolen der Hoffnung und des Erfolges.
In der schmutzigen Realität, im Umfeld von echten Problemen, wollen sie nicht gesehen werden. Und schon gar nicht fotografiert. Sie verlassen ihre Berliner Scheinwelt in Wahrheit nie. Sie nehmen sie immer mit. Weil sie sich in den baufälligen Turnhallen, den geschlossenen Bibliotheken, den stinkenden Schulklos nicht blicken lassen, sehen sie das wahre Elend nie. Das alleine kann den erbärmlichen Zustand des deutschen Bildungswesens nicht erklären. Aber es erklärt schon einiges.
Um die zuständigen Politiker wenigstens zum Hinschauen zu zwingen, ließen sich die Studenten der Uni Würzburg etwas einfallen: Beim Bayerischen Landtag haben sie eine Petition eingereicht. "Hier kann man eigentlich kaum noch richtig studieren", sagt Andreas Hanka, Vorsitzender der Studierendenvertretung. Seit der Petition darf er ab und zu niederrangige Landespolitiker durch eine Welt aus zerbröselndem Beton führen: die Julius-Maximilians-Universität. Der Horrortrip beginnt in der Tiefgarage, wo Eisenstützen die Decken vor dem Einstürzen bewahren müssen.
Hankas Tour führt durch Seminarräume, in denen die Regenrinnen innen angebracht sind, weil es auch innen regnet. Höhepunkt der gruseligen Tour des Studentenvertreters ist die Uni-Bibliothek. Auch die ist undicht. Darum ließ der Bibliotheks-Chef Karl Südekum Bleche auf die Regale schweißen, damit die Bücher nicht im Regen stehen. Über den Computerarbeitsplätzen lässt das Dach besonders viel Wasser durch. Unter den Tischen liegen darum Plastikplanen bereit. Bei Regen ziehen die Studenten die Planen auf Kommando schnell über Tische und Computer. Genau wie in Wimbledon, wenn der Schiedsrichter ruft: "The court is wet".
Beim Planenziehen gehört die Würzburger Uni-Bibliothek zu den Besten der Welt. In vielen anderen Disziplinen droht sie abgehängt zu werden. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Zahl der Bibliotheksnutzer um 20 Prozent erhöht. Zusätzlich hat die Uni-Bibliothek heute pro Woche 35 Stunden länger geöffnet als vor zehn Jahren. "Mein Etat hat sich in dieser Zeit nicht verändert", sagt Karl Südekum. Die Folge: Es können immer weniger Bücher angeschafft werden, viele Fachzeitschriften mussten abbestellt werden. "Mir als Bibliothekar blutet da das Herz, das können Sie mir glauben", sagt Südekum.
"Ein begeisterndes Beispiel", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel auf ihrer Bildungsreise. Nein, nein, sie meinte natürlich nicht die Uni Würzburg. Die hat sie ja gar nicht besucht. Die Begeisterung überwältigte sie in einer preisgekrönten Schule. Beim Besuch des außergewöhnlichen Projektes "9-Plus" sagte sie "ein ganz herzliches Dankeschön für die gute Arbeit". Im handverlesenen Gymnasium mit Spezialklassen für Naturwissenschaften lobte sie: "Ich bin beeindruckt." Hätten ihr Stab sie in die Würzburger Uni-Bibliothek geführt, womöglich an einem Regentag, vielleicht hätte sie gesagt: "Ich bin schockiert." "Ein bedrückendes Beispiel." "Hier muss sich dringend etwas ändern." Es wird sich natürlich nichts ändern. Und die Petition der Studenten verläuft im Sand.
Und was haben Sie erlebt? Bildung baut oft keine Brücken - sondern vertieft Gräben. Schreiben Sie uns, was Sie erlebt haben. An folgenden Themen sind wir sehr interessiert:
1) Was sieht es in Kindergärten aus?
2) Wie klappt der Sortierungsprozess in der vierten Klasse?
3) Was sind die Vor- und Nachteile der Gesamtschule?
4) Wie erleben Sie die Abwertung der Hauptschule?
Bitte schildern Sie uns - möglichst konkret - Ihre Erlebnisse. Schreiben Sie dafür einfach eine Mail an aktion@stern.de. Vielen Dank!