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23. März 2010, 17:46 Uhr

Seehofers Kampfhund

Nein, die CSU hat kein neues Gesundheitskonzept. Söder wollte Bundesgesundheitsminister Rösler nur mal wieder ins Bein beißen - und sich Schlagzeilen sichern. Ein Porträt. Von L. Kinkel, G. Rettner-Halder, H. P. Schütz

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Marschmusik in Berlin: Bayerns Gesundheitsminister Markus Söder© Christof Stache/APN

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler, 37, ein Waisenkind aus Vietnam, erfüllt bei manchen Auftritten das Klischee eines Asiaten. Ausnehmend höflich. Ständig lächelnd. Immerzu auf Gesichtswahrung bedacht, auch im Streit mit der politischen Konkurrenz. In einem Interview mit den ARD-Tagesthemen ließ er kürzlich ein langgezogenes "Tschüüüß" verlauten, so, als sei's eine nette Plauderei beim Kaffee gewesen.

Bayerns Gesundheitsminister Markus Söder, 43, ist all' das, was Rösler nicht ist: laut, penetrant, rabaukig. Bei seinen öffentlichen Auftritten ähnelt er einem Kampfhund, der an der Kette zerrt und jederzeit zubeißen könnte. Die politischen Konflikte haben Söder tiefe Falten ins Gesicht gegraben - unvergessen, wie er 2007, damals war er noch CSU-Generalsekretär, seinen Chef Edmund Stoiber bis zur letzten Sekunde mit grotesken Beschwichtigungsformeln verteidigte, obwohl Stoiber schon erledigt war.

Am Montag haben sich Rösler und Söder im Bundesgesundheitsministerium getroffen. Es heißt, sie könnten sich nicht riechen. Alles andere wäre auch eine Überraschung. Söder wäre selbst gerne Bundesgesundheitsminister geworden.

Verhandlung oder Antrittsbesuch?

Es ging, mal wieder, um die Gesundheitspolitik. Söder hatte vor dem Treffen ein "Konzept" an die Presse gespielt, das vorsieht, die paritätisch finanzierten Krankenkassenbeiträge einzufrieren und die zusätzlichen Kosten mit einem weiteren, einkommensabhängigen Beitrag zu finanzieren, den allerdings allein die Arbeitnehmer zu tragen hätten. Das "Konzept" war allerdings mit niemandem abgestimmt, weder mit der CSU-Gesundheitskommission noch mit der CSU-Landesgruppe in Berlin, geschweige denn mit den Koalitionspartnern. Das "Konzept" war einfach Begleitmusik, Marschmusik, die Söders Auftritt einen Rahmen geben sollte, den er gar nicht hatte.

Söder wollte seinen Besuch wie eine gesundheitspolitische Verhandlung aussehen lassen, eine Begegnung auf Augenhöhe zwischen ihm und Rösler. Doch noch bevor er einen Fuß ins Ministerium gesetzt hatte, bezeichnete ein Sprecher des Gesundheitsministeriums Söders Termin als "Antrittsbesuch", so wie es schon viele Antrittsbesuche anderer Landesgesundheitsminister gegeben hatte. Zugleich ließ Rösler über seinen Staatssekretär Daniel Bahr, FDP, das "Konzept" zurückweisen. Die CDU lehnte ebenfalls ab. Schließlich hatte die CSU diese Vorstellungen schon bei den Koalitionsverhandlungen präsentiert und war damit gescheitert. Im Koalitionsvertrag ist ein anderes Ziel festgehalten: die Einführung der Kopfpauschale.

Also war das Gespräch bereits gelaufen, bevor es überhaupt angefangen hatte. Söder stellte danach fest, dass es keine Annäherung der Standpunkte gegeben hätte. Wie auch.

"Suboptimaler Kommunikationsprozess"

Dafür einmal mehr helle Aufregung in Berlin. Und zwar nicht nur bei FDP und CDU. "Ich habe die Schnauze voll. Das ist Selbstdarstellung und nicht mehr", zürnte Söders Parteifreund, der CSU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Zöller am Dienstag. Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich, der auch dann noch zurückhaltend formuliert, wenn er innerlich kocht, sagte, Söder habe allenfalls eine "Gedankenskizze" formuliert. Im Übrigen sei der "Kommunikationsprozess" zwischen Berlin und München "suboptimal". Soll heißen: Söder vertritt nicht die Position der CSU-Landesgruppe im Bundestag. Die hat mit Bundesagrarministerin Ilse Aigner eine eigene Vertreterin in die Regierungskommission zur Gesundheitsreform geschickt. Dort wird offiziell darüber verhandelt, wie die Kopfpauschale eingeführt werden soll. Mit seinem Auftritt hat Söder Aigner vorgeführt - ganz nach dem Motto: Ist uns Münchnern doch wurscht, was ihr in Berlin verhackstückt.

Und Horst Seehofer, bayerischer Ministerpräsident und CSU-Chef? Hält sich vornehm zurück. Er sei "näher an Söder als an Rösler", ließ er verkünden. Also handelt Söder in Seehofers Auftrag, mindestens mit seinem Wohlwollen. Seehofer ist es, der den Kampfhund von der Kette gelassen hat.

Seite 1: Seehofers Kampfhund
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KOMMENTARE (10 von 24)
 
Albert-13 (24.03.2010, 11:25 Uhr)
Stoppt die FDP....
mit allen Mitteln, sonst ruiniert diese Partei den Sozialstaat schneller als uns allen lieb ist.
Niedriglöhne führen unweigerlich zur Altersarmut und zu weiteren Belastungen für den Staatshaushalt.
Die FDP verbrennt unsere Zukunft und die unserer Kinder, steht auf und wehrt euch gegen diese Brandstifter, noch ist es nicht zu spät.
In NRW kann ein erstes Zeichen gesetzt werden, gegen eine Politik, die nur für die Klientel der FDP und die Großkonzerne gemacht wird.
Prologo (24.03.2010, 00:15 Uhr)
n8g8, Ich könnte mich ja auch ohne Ende auskotzen.
Denn durch die Geringverdiener und alles was die FDP macht, werden die Sozialkassen später so belastet, dass der Staat pleite wird.

Die FDP ist der Untergang des Landes.

MfG,
T.
n8g8 (24.03.2010, 00:00 Uhr)
Spät wirds, aber nicht gerechter!!!
"Im Umkehrschluss heißt das natürlich auch, das die Firma die eher faire Löhne zahlt, zusätzlich durch den höheren Sozialversicherungsanteil benachteiligt wird."
Und was wollen Sie damit schreiben, dass das derzeitige Modell UNGERECHT ist? Das habe ich Ihnen vor zwei Stunden schon geschrieben!!!
Und ich attestiere Ihnen ausdrücklich das gleiche Ergebnis gerechtigkeitshalber für die röslersche oder södernde Methoden.
Es ist doch klar: Bei den bisherigen politisch durchgesetzten und den aktuell angestrebten Modellen profitiert nur eine Seite bzw. zwei Seiten: die Arbeitgeber und die private Versicherungswirtschaft, die beide ihre Kompetenz als Zocker in der letzten Finanzkrise ausreichend unter Beweis gestellt haben.
Bankster- und Unternehmensrettung durch steuerzahlende Arbeitnehmer, die für den Abbau ihrer sozialversicherungspflichtigen Jobs mit staatlich von oben spendenbedingt angeordneten Schutzschirmen für Bankrotteure blechen, weil sie damit angeblich ihresgleichen alias Kurzarbeiter, Aufstocker und Rent-a-1-Euro-Jobber unterstützen, sogar bei der AWO!!!
Prologo (23.03.2010, 23:45 Uhr)
@Springbok59, Jetzt bringen Sie einiges durcheinander.

Die Lohdumpingfirmen ruinieren das Solidaritätsprinzip der Sozialversicherung, die ruinieren den Sozialstaat.

Das muss durch einen gesetzlichen Mindestlohn abgestellt werden.

Sie haben das Problem richtig erkannt.

Niedriglöhne und Lohndamping zerstören das Solidaritätsprinzip. Und die ehrlichen Firmen.

Und die FDP setzt mit der Kopfpauschale die Krone drauf.

MfG,
T.
SpringbokCT (23.03.2010, 23:31 Uhr)
> n8g8
Für Langsamversteher verschiebe ich meine Träume dann nochmal für 10 Min..

Holen wir doch ein Praxisbeispiel das sich an das vorherige Beispiel von Prologo anlehnt und sich einfach rechnen läßt:
Eine Reinigungsfirma bezahlt einer Reinigungskraft 10 Euro Stundenlohn, bei 200 Monatstunden (läßt sich leicht rechnen) ergibt das ein Brutto von 2000 Euro und nach Prologo ein Arbeitgeberanteil zur Krankenversicherung von 140 Euro.

Wenn eine andere Reinigungsfirma ihrer Reinigungskraft nur 5 Euro Stundenlohn zahlt, wird sie gerade wegen des Dumpinglohns noch zusätzlich durch die geringere Sozialversicherungsbeiträge bevorteilt.

Im Umkehrschluss heißt das natürlich auch, das die Firma die eher faire Löhne zahlt, zusätzlich durch den höheren Sozialversicherungsanteil benachteiligt wird.

Jetzt aber ...., mir ist egal ob Sie noch weitere Einwände bringen.
Prologo (23.03.2010, 23:18 Uhr)
n8g8, Ich freue mich über Gleichgesinnte.
Bis Bald.

MfG,
T.
n8g8 (23.03.2010, 23:03 Uhr)
@SpringbokCT
Nun kommen Sie Prolog und der restlichen Leser bitte nicht mit so nem billigen Argumentenverdreher. Er hat Ihnen nur rechnerisch die Folgen von Lohndumping dargestellt. Sie versuchen anscheinend schon bloß deshalb die letzte zerfledderte Reißleine zu finden ... Naja! :-)
Schönen Abflug ins Land Ihrer Träume & gute N8.
Prologo (23.03.2010, 23:02 Uhr)
@n8g8, Sehr gut, genau so ist es.
Der Angriff auf das Solidaritätsprinzip zu Lasten der Arbeitnehmer läuft schon über 20 Jahre. Mit perfiden Methoden wurden die Gewerkschaften überfahren und eingekauft. Das Ergebnis haben wir ja jetzt.

Und sie machen weiter so, aber sie haben nicht kapiert, dass ein Geringverdiener sich kein Auto mehr kaufen kann. Sie verheizen das Land, bis ein Flächenbrand entsteht.

Aber sie sind auf gutem Weg.

MfG,
T.
SpringbokCT (23.03.2010, 22:54 Uhr)
> Prologo
Naja, wenn Sie unter dem Solidarprinzip verstehen das bei Lohndumping Arbeitgeber auch weniger zur Sozialversicherung zahlen, je weiter der Lohn gedrückt wird, ist es Ihre Meinung und schlecht zu widersprechen.

Ich verabschiede mich aus der Runde!
n8g8 (23.03.2010, 22:50 Uhr)
Praxisgebührende Pauschalierung
@ SpringbokCT:
Es ist doch simpel. Mit Einführung der Praxisgebühr von Ulla wurde das paritätische Prinzip erstmals im Bereich der gesetzlichen Krankenkasse ausgehebelt. Die Regierungen zimmern an diesem Modell seit Jahren weiter und entlassen Arbeitgeber einseitig aus der Finanzierung des Solidarbeitrags und legen das sich daraus ergebende Defizit allein auf die Arbeitnehmer um. Dabei gehören alle Sozialabgaben zum Arbeitslohn des Arbeitnehmers, denn er hat ihn sich verdient mitsamt der Absicherung im Krankheitsfall oder bei Arbeitslosigkeit, die ihm damit gewährleistet sein sollte. Jedenfalls sollte dies in einer sozialen Marktwirtschaft so sein, wie sie von unserem Grundgesetz gefordert wird!!!
Allein, um das Grundgesetz schert sich bislang keine Regierung etwas! Fakt ist: Das stetig steigende Lohndumping geht strikt zugunsten der Arbeitgeber und strikt zulasten der Arbeitnehmer, die darüber hinaus durch ständig weitere Leistungskürzungen ihrer sozialen Absicherung zunehmend beraubt werden. Das beste Beispiel einer echten politischen Bildungsoffensive ist die Rente mit 67 für Akademiker, die werden nämlich frühestens mit 74 aufwärts im Durchschnitt verrentet, vielleicht reicht die honorige und mies honorierte Bildungslaufbahn ja sogar zu ner monatlichen Rente in Höhe von 150.- Ökken monatlich? Von der Generation Praktikum brauchen wir hier eh nicht schreiben, die werden vermutlich zur Generation Hartz-IV-Empfänger mit 80 Jahren und Null Euro zählen, sofern sie überhaupt dieses Alter erreichen können, gerade weil unsere Regierung in den letzten Jahrzehnten strikt das Wohl des Arbeitnehmers und sein möglichst frühes Ableben politisch strikt auf großspendende Arbeitgeberinteressen geeicht hat und weiter eicht.
Fazit: Der Arbeitgeberanteil gehört zum Arbeitslohn, den der Arbeitnehmer mit seiner Leistung erwirtschaftet und verdient! Deshalb dürfte strikt weiter gedacht nur mit Zustimmung aller Arbeitnehmer eine Änderung des paritätischen Systems politisch umgesetzt werden. Denn es ist nicht Geld des Arbeitgebers, sondern Geld des Arbeitnehmers für SEINE Absicherung, das hier zur Disposition steht und das ihm weiter einseitig aufgebürdet werden soll.
Ich bin in keiner Weise für das derzeitige Modell, bitte unterlassen Sie solche bösartigen Unterstellungen!!! Ich bin für Solidarität und das Solidarprinzip und damit gegen Söder und die röslersche Kopfpauschale und gegen die Praxisgebühr.
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