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Was ist wahr an der ZDF-Story über Beate Zschäpe?

Das ZDF nähert sich heute Abend in einem großen Dokudrama der mutmaßlichen NSU-Terroristin Beate Zschäpe. Der Film produziert überraschende An- und Einsichten - umso ärgerlicher, dass Fakten nicht von Fiktion zu unterscheiden sind.

Von Alina Schwermer

Die mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe

"Glauben Sie, ich hab' keinen Willen?" - in München steht Beate Zschäpe wegen der Morde des NSU vor Gericht

Es gibt eine Szene im Dokudrama "Letzte Ausfahrt Gera - Acht Stunden mit Beate Zschäpe" (ZDF, Dienstag, 20.15 Uhr), in der wir plötzlich eine Ahnung bekommen, wie diese Frau funktioniert. Die von sich sagt, "so einen Fall wie mich gab es noch nie", die ganz gern auf überheblich macht, die lässige Nazi-Braut. Zschäpe, gespielt von Lisa Wagner, sitzt vor dem Polizeiauto und raucht. Faktisch quarzt sie Kette, und auf der Fahrt haben die BKA-Beamten ihr schon geraten, doch einfach aufzuhören - worüber man eben so redet, wenn man sonst kein großes Gesprächsthema hat. "Sie können ruhig noch zu Ende rauchen", sagt die Beamtin jetzt zu Beate Zschäpe, bevor die Fahrt weitergeht. Da kippt etwas in Zschäpe: Irgendwas an dem Satz lässt sie einschnappen. "Glauben Sie, ich hab keinen Willen?" Trotzig wirft sie die Kippe weg: "Ich kann jederzeit aufhören." Dann schaut sie die Beamtin herausfordernd an. Die ist überrascht: Erwartet die mutmaßliche Terroristin gerade ein Kompliment von ihr?

Sie wirkt unheimlich fixiert auf die Meinung der Polizisten, diese Beate Zschäpe. Nichts scheint sie so zu fürchten wie Spott über ihre eigene Person. Sie fordert Komplimente für ihre Haare ein, sie hasst es, wenn man sie als "bauernschlau" bezeichnet. Sie sei doch nicht blöd. Beate Zschäpe, die Frau, die sich im Prozess so herablassend gibt, will respektiert werden. Die Opfer des NSU? Sind ihr ziemlich egal. Aber ihr eigenes Image ist es nicht: Zschäpe versucht, sich als starke Frau darzustellen. Die BKA-Beamten wollen hinter die Fassade blicken. Und genau daraus entsteht die Spannung bei diesem Dokudrama des ZDF, das in dem kleinen Polizeiwagen wie ein Kammerspiel wirkt.

Hoffen auf Geständnis von Beate Zschäpe

Der Film von Raymond Ley nähert sich dem NSU-Thema nach einer wahren Begebenheit: Im Sommer 2012 fährt Beate Zschäpe, begleitet von einer großen Polizei-Eskorte, nach Gera, um ihre kranke Großmutter ein letztes Mal zu besuchen. Der Trip wird ihr nicht ohne Hintergedanken gewährt. Das BKA erhofft sich hier, fernab vom Gerichtssaal, Erkenntnisse über die NSU-Morde, vielleicht sogar ein Geständnis von Zschäpe - auch, wenn klar ist, dass nichts von dem Gesagten vor Gericht verwendet werden dürfte. "Vielleicht haben sie auf den Moment gewartet, wo Zschäpe sagt: Ich kann nicht mehr", mutmaßt Joachim Król, der in dem Dokudrama den leitenden BKA-Beamten spielt. "Sie haben sich an jeden Strohhalm geklammert."

Nein, so blöd ist Beate Zschäpe nicht

Das wirkt im Nachhinein etwas bizarr und juristisch fragwürdig, schließlich wird Zschäpe ohne Beisein ihrer Anwälte befragt; eine Ermittlung auf eigene Faust, die offiziell gar keine ist. Wir können uns denken, dass die Rechnung nicht aufgeht. So blöd, den BKA-Leuten ihr Herz auszuschütten, ist Beate Zschäpe dann doch nicht. Aber in dem Dokudrama geht es auch nicht um ein dramatisches Geständnis in letzter Minute. Aber es führt uns zeitweise bemerkenswert nahe an die Person Beate Zschäpe. Lisa Wagner glänzt als die streitbare Zschäpe, die mal einfältig, mal mit unterhaltsam trockenem Humor daherkommt. Dazu sehen wir Interviews mit Opfer-Angehörigen, nachgestellte Szenen aus dem Prozess und Szenen aus der Vergangenheit des NSU-Trios. So wird die Handlung auch für die verständlich, die nicht jeden Tag den Prozess verfolgt haben. Wäre also alles gut und schlüssig, wenn da nicht die Sache mit den Fakten und der Fiktion wäre.

"Mit Vorsicht zu genießen"

Blöderweise nämlich werden wir nie informiert, ob wir gerade echte Protagonisten oder Schauspieler sehen. Mal sind es echte Opfer-Angehörige, denen wir begegnen, mal professionelle Darsteller. Und "Letzte Ausfahrt Gera" verrät nicht, wann ein Interview nachgestellt und wann es live aufgenommen ist. Dass die Sequenzen im Gerichtssaal nachgestellt sind, kann sich der Zuschauer noch halbwegs erschließen, immerhin sind Bildaufnahmen im Prozess verboten. Doch irritierenderweise sind die dort auftretenden Schauspieler etwa als "Frau X, Witwe des ermordeten Herrn Y" untertitelt. Dann präsentiert uns Regisseur Ley in der nächsten Szene echte Opfer-Angehörigen, die in gleicher Weise betitelt werden. Warum die fehlende Sorgfalt? Wäre der Film eine Mockumentary, wäre das kein Ding. Beim Thema NSU-Terror ist es ein Problem.

Wichtige Szenen der Fahrt mit Beate Zschäpe sind frei erfunden

Auch an anderen Stellen lässt das Team die dringend nötige Sorgfalt vermissen. Das Dokudrama sei auf Basis des Fahrtprotokolls entstanden, heißt es von Ley. Doch wie sich später herausstellt, wurden wichtige Szenen der Fahrt frei dazu erfunden, so unter anderem ein Streit des BKA-Beamten mit seinem Chef über die Ermittlungsfehler der Polizei. Das Gespräch wirkt eindrucksvoll, wir sind überrascht über die offenen Konflikte unter Ermittlern über Fehler beim NSU-Prozess - und dann heißt es auf der Pressekonferenz, dass der Streit reine Fiktion des Regisseurs ist. Der Zuschauer wird darüber nicht informiert. Bei einem derart heiklen Thema hat so viel eigene Phantasie nichts zu suchen, umso mehr, wenn die Erfindungen nicht gekennzeichnet sind. Und spätestens an diesem Punkt stellt sich die Frage, wie viel von der angeblich authentischen Fahrt wirklich so passiert ist. Zumal es da noch ein kleines Problem mit dem Material gibt: "Es ist ein Protokoll, das der Staatsschutz schreibt, um im Prozess gehört zu werden", sagt Ley. "Wir wissen alle, dass man das mit Vorsicht genießen sollte." Es hätte dem Film gut getan, wenn auch der Zuschauer diese differenzierte Sicht erfahren hätte.

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