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"Ich kann nicht verstehen, warum Beatrix noch immer bei der AfD mitmacht"

Beatrix von Storchs Äußerung, auch Frauen und Kinder mit Waffen am Grenzübertritt zu hindern, brachte der AfD-Frau harsche Kritik ein. Auch Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe findet im stern-Interview deutliche Worte für seine Verwandte.

Fürst Alexander zu Schaumburg-Lippe und AfD-Frau Beatrix von Storch

Fürst Alexander zu Schaumburg-Lippe äußerte im stern-Interview kein Verständnis für die AfD-Karriere seiner Verwandten Beatrix von Storch

Mit ihrer indirekt auf Facebook geäußerten Forderung, man solle auch Frauen und Kinder mit Waffengewalt am Grenzübertritt nach Deutschland hindern, sorgte AfD-Politikerin Beatrix von Storch am Wochenende für Wirbel. Später ruderte die stellvertretende Bundesvorsitzende der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland zwar ein Stück zurück und schränkte ein, ihr "Ja" zum Schusswaffengebrauch habe sich nur auf Frauen, nicht aber auf Kinder bezogen.

Die Kritik an ihr ebbte dennoch nicht ab. Auch Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe, wie von Storch dem Geschlecht der Oldenburger entstammend, bereitet der politische Werdegang seiner Verwandten große Bauchschmerzen. Inwiefern er einen Ansehensverlust für den deutschen Adel befürchtet und für wie gefährlich er die AfD hält , verriet der 57-Jährige nun im Interview mit dem stern.

Herr zu Schaumburg-Lippe, in der Flüchtlingskrise hat Deutschland bewegte Wochen hinter und noch vor sich. Wie empfinden Sie die aktuelle Stimmungslage im Land?

Die Stimmung in Deutschland gibt es meiner Meinung nach nicht. Vielmehr herrscht einfach eine Vielzahl von Auffassungen, wie mit der Flüchtlingskrise am besten umzugehen ist. Dennoch nehme ich die aktuelle Diskussion als sehr gereizt wahr. Oft klingen private Konversationen auch völlig anders als die - etwa auf Facebook - veröffentlichten Meinungen. Manche Menschen scheinen sich vor einem zunehmenden Lagerdenken zu fürchten, das sich immer stärker in gegenseitigen Unterstellungen ausdrückt und sich an Begriffen, Vokabeln abarbeitet. Mir scheint, der inhaltliche Diskurs rückt demgegenüber immer mehr in den Hintergrund.

Die rechtspopulistische Alternative für Deutschland profitiert davon. Dem aktuellen stern-RTL-Wahltrend zufolge kommt die Partei unverändert auf zehn Prozent. Muss sich Deutschland angesichts dieses Rechtsrucks Sorgen machen?

Dass die AfD derart im Aufwind ist, finde ich persönlich sehr beunruhigend. Auch, weil eine Verwandte von mir dort in führender Position tätig ist.

Sie meinen Beatrix von Storch.

Richtig. Ich bin ehrlich gesagt erschrocken, dass sie immer noch bei diesen Leuten mitwirkt, nachdem sich der Wirtschaftsflügel um Bernd Lucke verabschiedet hat und Hans-Olaf Henkel die Restpartei als ein "Monstrum" bezeichnet, das er mit in die Welt gesetzt habe (Henkel trat nach der Wahl von Frauke Petry zur Parteivorsitzenden aus Protest über den Richtungswechsel aus der AfD aus, Anm. d. Red.).Ich habe Beatrix nie als eine Person wahrgenommen, die besonders radikal oder populistisch ist. 

Warum hat sie sich der Partei einst angeschlossen?

Sie war Gründungsmitglied der AfD, weil sie eine streng eurokritische Position einnimmt. Das war immer ihr Thema, bei dem wir meistens geteilter Meinung waren. Und ja, sie ist ausgesprochen wertekonservativ, viel mehr als ich. Inzwischen hat sich die Alternative für Deutschland aber längst zu einer rein rechtsradikalen Partei entwickelt. Ich kann deshalb nicht verstehen, warum sie noch immer da mitmacht, zusammen mit indiskutablen Personen wie Frauke Petry, Alexander Gauland oder gar dem unfassbaren Rassetheoretiker Björn Höcke. Das passt nicht zu ihr.

Hätte Frau von Storch in Ihren Augen nach der Spaltung der AfD im Juli 2015 austreten müssen?

Ich frage mich schon, warum sie sich damals nicht Professor Lucke und seiner Alfa-Partei angeschlossen hat, mit der ich übrigens auch nicht sympathisiere. Wie gesagt, ich betrachte Beatrix als eine sehr intelligente, besonnene und keineswegs radikale Person. Es kommt mir momentan jedoch so vor, als spiele sie einfach im falschen Film.

Am Wochenende sorgte Frau von Storch mit ihrer Äußerung für Wirbel, auch Frauen und Kinder sollten mit Waffengewalt am Grenzübertritt gehindert werden. Später ruderte sie leicht zurück. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie davon gehört haben?

Zunächst muss man einschränkend sagen, dass Beatrix auf eine in diese Richtung zielende Frage schlicht mit "Ja" geantwortet hat. Das hat auch etwas mit dem auf Facebook üblichen Debattenstil zu tun, und die Sache folgte einer Bemerkung von Frau Petry. Trotzdem: Sich mit dem Thema "Waffengewalt" in einer so aufgeheizten Situation zu positionieren und zu profilieren, wie wir sie gerade erleben, finde ich in hohem Maße unverantwortlich. Wie die AfD zu argumentieren, dass entspreche nun mal dem geltenden Recht, ist einfach falsch. Der Gebrauch von Schusswaffen unterliegt in dem einschlägigen "Gesetz über unmittelbaren Zwang" sehr strengen Voraussetzungen, die regelmäßig nur dann vorliegen, wenn ein Verbrechen begangen wird. Illegaler Grenzübertritt ist aber ein Vergehen. Sich auf die Rechtslage zu berufen, verkürzt und verfälscht also die Zusammenhänge. Das ist purer Populismus. 

Glauben Sie, Frau von Storchs Äußerung könnte Auswirkungen auf das Ansehen des deutschen Adels haben?

Es besteht natürlich die Gefahr, dass Aussagen einer Einzelperson von manchen der Gesamtheit der Aristokraten zugeordnet werden. So etwas lässt sich nicht verhindern. Beatrix hat sich in dem Fall jedoch als ein AfD-Mitglied geäußert, der Inhalt ihres Statements sollte daher auch dort verortet werden. Ich selber bin übrigens Liberaler, während die meisten Aristokraten eher der CDU beziehungsweise CSU zuzuneigen scheinen. AfD-Sympathisanten sind dort sehr selten.

Anders als in der Bevölkerung, wo die Ansichten der AfD zunehmend Gehör finden. Wie erklären Sie sich diesen Zuspruch?

Die AfD versteht es sehr gut, an Ängste zu appellieren, die durch die Flüchtlingskrise geschürt werden.  Ich glaube, Herr Gauland hat einmal das Wort "Flüchtlingstsunami" verwendet, den er als "Geschenk" für die Partei bezeichnete. Dumpfe Ängste nützen immer den Radikalen. Dass die Partei derzeit so im Aufwind ist, verwundert mich daher nicht. Angst ist aber immer ein schlechter politischer Ratgeber.

Die Koalition stritt zuletzt und streitet noch immer darüber, wie sie der Flüchtlingskrise Herr werden will. Welche Rolle haben die Altparteien am Erfolg der AfD?

Ich gebe ihnen eine große Schuld daran, dass die AfD in Umfragen derzeit so gut dasteht. Auch dass versucht wurde, die Partei von den TV-Debatten zu den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg auszuschließen, empfinde ich als Riesenfehler und obendrein als demokratisch fragwürdig. Wenn man versucht, etwas totzuschweigen, wird die Sache schnell größer, als sie ist. Die AfD sollte unbedingt in den Sendungen dabei sein, allein schon, damit sie sich selbst demontiert. Das hat auch Christian Lindner in einer exzellenten Rede vor dem Düsseldorfer Landtag klargestellt.

In der Flüchtlingskrise stehen in den kommenden Wochen wichtige Entscheidungen an. Worauf kommt es jetzt an?

Es wird dringend Zeit, dass sich die Parteien zusammensetzen und einen tragfähigen Kompromiss aushandeln. Entscheidungen, wie zuletzt der Beschluss des Asylpakets II, dürfen einfach nicht so lang rumliegen, ehe sie verabschiedet werden. Damit das gelingt, müssen das tägliche Gezänke und die gegenseitigen Schuldzuweisungen endlich eingestellt werden. Nur wenn sie gut zusammenarbeiten, sehe ich es als realistisch an, dass eine Lösung gefunden wird.

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