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22. Februar 2009, 11:50 Uhr

Nicht von dieser Welt

Ein Mann des Zeitgeistes war Benedikt XVI. nie. In seiner Abkehr vom Weltlichen und der Betonung des Mysteriums trifft er sich eher mit Traditionalisten als mit Liberalen. Und darum öffnete er den Piusbrüdern die Kirchenpforte. Von Frank Ochmann

Papst, Benedikt, Bischof Williamson, Holocaust, katholische Kirche, Piusbrüder

Das Kreuz von Papst Benedikt XVI. reflektiert die einfallende Sonne. Seine momentane Situation stellt sich alles andere als sonnig dar© Vincenzo Pinto/AFP

Nehmt mich und werft mich ins Meer, damit das Meer sich beruhigt und euch verschont. Denn ich weiß, dass dieser gewaltige Sturm durch meine Schuld über euch gekommen ist." Mit diesem Zitat aus dem alttestamentlichen Buch Jona reagierte Bischof Richard Williamson auf den Sturm der Entrüstung, der über den Vatikan und Benedikt XVI. im Besonderen gekommen war. "Unnötige Pein und Probleme", so Williamson in einem Brief an den zuständigen Kardinal Darío Castrillón Hoyos, habe er durch seine "unklugen Bemerkungen" im schwedischen Fernsehen hervorgerufen.

"Unklug" war es demnach gewesen, mit goldenem Brustkreuz und violettem Zingulum bekleidet von höchstens vielleicht 200.000 oder 300.000 in Konzentrationslagern ermordeten Juden zu sprechen, von denen aber kein einziger in einer Gaskammer gestorben sei. Die seien dazu technisch nämlich gar nicht geeignet gewesen, erläuterte Williamson ungerührt wie ein Ingenieur des Genozids.

Weder Reue noch Entschuldigung

Was dann aus allen Himmelsrichtungen über Papst und Kirche fegte, war lange nicht gesehen worden. Das Spektrum der Vorwürfe reichte von dilettantischer Kommunikation bis zum unverhohlenen Antisemitismus. Je eine Messe werde er darum für Castrillón und Ratzinger als Zeichen seiner Dankbarkeit "opfern", schloss Williamson sein Schreiben. Von einer Rücknahme der Leugnung des Holocausts kein Wort. Kein Wort der Reue. Kein Wort der Entschuldigung beim jüdischen Volk. Stattdessen später die Ankündigung, er wolle sich noch einmal mit der Beweislage in Sachen Holocaust vertraut machen, was allerdings Zeit brauche. Williamson wurde seither nicht ins Meer geworfen. Als Direktor des Priesterseminars im argentinischen La Reja wurde er zwar inzwischen abgesetzt.

Trotzdem gilt weiter, was per Dekret der Bischofskongregation vom 21. Januar verfügt worden war: Der Bischof der traditionalistischen Piusbruderschaft, die 1970 vom französischen Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet worden war, ist mit seinen traditionsverliebten Brüdern und einigen Schwestern zurück im Schoß der Kirche. "Bewegt von väterlichen Empfindungen", so der Begnadigungserlass, hatte der Papst ihnen die Tür geöffnet.

Halbgare Klarstellung

Bevor er sich nicht klar von seiner Position zum Holocaust distanziere, dürfe er das Amt eines Bischofs allerdings nicht ausüben, stellte der Vatikan einige Tage nach der Wiederaufnahme klar. Nicht aber, um zusätzlichen Druck auf Williamson auszuüben, sondern weil in den Medien und auch etlichen Politikerköpfen "Exkommunikation" und "Suspendierung" kreuz und quer purzelten, als wäre das ein und dasselbe. So folgte eine widerwillig gegebene Klarstellung, die angeblich beim Staatssekretariat, der obersten Regierungsbehörde des Vatikans, ohnehin in Arbeit gewesen sei. Dass sich da in einem diplomatisch außergewöhnlichen Akt bereits die deutsche Bundeskanzlerin aus der sonst in kirchlichen Fragen üblichen Deckung gewagt und Klarheit eingefordert hatte, wurde als Zufall heruntergespielt. Dazu gab es bei Fernsehinterviews noch den herablassenden Hinweis, man sollte die Wirkmacht einer solchen politischen - und von der Kurie trotz eines folgenden Telefonats des Papstes mit der Kanzlerin als überaus ärgerliche Einmischung gewerteten - Forderung nicht überschätzen.

Doch auch die römische Aufforderung zum Widerruf an Williamson ist nicht sonderlich kraftvoll, selbst wenn einige deutsche Bischöfe sich ein härteres Durchgreifen wünschten: Ändert Williamson seine Haltung zum Völkermord an den Juden nicht, weil er vielleicht zuvor noch zwei oder auch 20 Bücher studieren will, hat das fürs Erste keine weiteren kirchenrechtlichen Folgen. Und selbst wenn er in ein paar Wochen bekennen würde, es habe den Holocaust wohl doch gegeben, wer sollte ihm eine ehrliche Wandlung seines verwirrten Geistes abnehmen? Wieso also konnte ein solcher Mann überhaupt wieder in die Kirche aufgenommen werden?

Die Exkommunikation - die strafweise Trennung von der Gemeinschaft der in Treue zu Papst und katholischer Lehre verbundenen und in den Sakramenten vereinten Gläubigen also - ist durch das Dekret vom 21. Januar tatsächlich aufgehoben. Daran ändert auch die fortwährende Leugnung des Holocausts nichts. Denn kirchenrechtlich hat die nicht mehr Bedeutung als Zweifel an der Versklavung des Volkes Israel unter Babylons König Nebukadnezar. Das mag einen ärgern, aufregen und entsetzen. Doch ändert es nichts an der Rechtslage, die für falsche Sachaussagen ebenso wenig eine Exkommunikation vorsieht wie das deutsche Recht eine Aberkennung der Staatsbürgerschaft. Selbst wer gegen besseres Wissen handelt und Juden oder sonst jemandem dadurch schaden will, sollte nach kirchlicher Lehre zwar sein Gewissen prüfen, möglichst auch bereuen und seine Sünde bei der Beichte bekennen. Doch mit der Absolution ist der Fall abgeschlossen. Mehr noch: Da nicht einmal der Papst die Seele Bischof Williamsons durchleuchten kann und darum nicht weiß, ob der mit echter Überzeugung spricht, ist nicht einmal sicher, ob Williamson überhaupt im theologischen Sinne "sündigt".

Einmal geweiht, immer geweiht

Er ist und bleibt auch gültig geweihter Bischof, egal was er glaubt und verkündet. Denn jeder ist ein gültig geweihter Bischof, der von einem gültig geweihten Bischof - wie Erzbischof Lefebvre es war - zum Bischof geweiht wird. Diese magisch anmutende Auffassung macht gerade das Sakramentale am Akt der Weihe aus und unterscheidet sie beispielsweise von der rein weltlichen Ernennung Angela Merkels zur Kanzlerin. Auch George Bush ist nur noch Expräsident ohne bleibende Amtsgewalt. Anders in der Kirche: einmal geweiht, immer geweiht. Ebenso kann niemand "enttauft" werden, denn auch die Taufe setzt wie die Weihe eine Art himmlisches Brandzeichen in die empfangende Seele.

Mögen Amtsträger also sündigen, was das Zeug hält, vom Glauben abfallen, die Kirche spalten, huren oder auch morden - sie bleiben in jedem Fall geweiht. Allerdings kann ihnen verboten werden, ihr Amt - in bestimmten Fällen oder generell - auszuüben. Denn der Papst hat in der Kirche "die höchste, volle, unmittelbare und universale ordentliche Gewalt, die er immer frei ausüben kann". So steht es im Kanon 331 des kirchlichen Gesetzbuches, und es bedeutet: Über ihm ist nur noch Gott.

Das immerhin hatte Erzbischof Marcel Lefebvre mit den Seinen nicht bezweifelt. Was aber Johannes XXIII. und sein Nachfolger Paul VI. von 1962 bis 1965 mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in Gang gesetzt hatten, brachte die Traditionalisten auf die Zinne. Daran konnte auch nichts ändern, dass solche feierlichen Versammlungen des weltweiten Bischofskollegiums zusammen - und nur zusammen - mit dem Papst die höchste Autorität der katholischen Kirche darstellen. Vom "aggiornamento" war damals die Rede gewesen, von einer zeitgemäßen Erneuerung. Die fiel mit entsprechenden gesellschaftlichen Umwälzungen von der Bürgerrechtsbewegung bis zu den Massendemonstrationen der "68er" zusammen und weckte bei vielen Hoffnungen, auch in der Kirche werde nun "unter den Talaren der Muff von tausend Jahren" verwehen.

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Ausgabe 08/2009

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