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Risse im Atomklo

Rund 130.000 Fässer mit Uran und Plutonium lagern im ehemaligen Salzstock Asse II bei Wolfenbüttel. Der Betreiber hat allerdings erst nach intensiver Nachfrage zugegeben, dass es ein Caesium-137-Problem gibt. Das zuständige Ministerium ist empört, die Atommüllgegner sind entsetzt.

Von Christoph M. Schwarzer

Es tropft im Salzbergwerk Asse II bei Wolfenbüttel. Hier in Niedersachsen, wo etwa 130.000 gelbe Fässer mit schwach- und mittelradioaktivem Abfall der Ewigkeit entgegendämmern, dringt seit 1988 Wasser ein. Zurzeit zwölf Kubikmeter am Tag. Und diese treffen dabei nicht nur auf abgelegte Kleidung von Radiologie-Krankenschwestern, sondern auch auf 102 Tonnen Uran und zehn Kilogramm Plutonium.

Grenzwert achtfach überschritten

Jetzt musste der Betreiber der Anlage, das Helmholtzzentrum in München, bei einer Befragung im Umweltausschuss des niedersächsischen Landtags zugeben, dass es ein Problem mit Caesium 137 gibt. Die Konzentration, sagt Udo Dettmann vom Koordinierungskreis der Gegner von Asse II, hätte den an der Erdoberfläche zulässigen Grenzwert achtfach überschritten. Eine Aussage, die vom Umweltministerium in Hannover (NMU) bestätigt wird. Niedersachsens Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) ist vor allem über die Informationspolitik des Helmholtzzentrums empört: "Das Vertrauen in die Betreiber ist empfindlich gestört." Denn wie so oft in Atomfragen wurde nicht automatisch berichtet, sondern nur nach bohrenden Fragen zugegeben.

Noch vor zwei Wochen hieß es, dass die Konzentration von Caesium 137 im Bergwerk nur der üblichen, oberirdischen Umweltkonzentration entspreche. Caesium 137 ist allerdings kein natürliches, sondern ein künstliches Radionuklid. Die Atomwaffentests in den 50er und 60er Jahren sowie der Super-GAU von Tschernobyl haben für eine Grundkonzentration des Stoffs in der Biosphäre gesorgt. Caesium 137 wird vom Körper ähnlich wie Jod in der Schilddrüse angesammelt, wo es als Alphastrahler Krebs erregt. Anwohner in der Umgebung von Atomkraftwerken haben Jod in ihrer Hausapotheke, um ihre Schilddrüse im Extremfall damit zu sättigen und vor gefährlichen Radionukliden zu schützen.

Niedersachsen ist Deutschlands Atomklo

Anders als die anderen bundesdeutschen Atomlager Morsleben, Gorleben und Konrad wird Asse nach Berg- und nicht nach Atomrecht betrieben. Auch das steht jetzt auf dem Prüfstand, weil der Betreiber schon eine Lösung für die Caesium 137-getränkte Lauge parat hatte: 77 Kubikmeter wurden auf die tiefere 975 Meter-Sohle umgepumpt. Ein Vorgang, für den das Helmholtzzentrum möglicherweise eine "Umgangsgenehmigung" brauchte, sagt das für die Fachaufsicht zuständige NMU und stoppte die Pumpen.

Die hohe Caesium 137-Konzentration führt das Helmholtzzentrum München auf frühere Streckenkontamination zurück. Ähnlich wie bei einem Formel 1-Rennen, bei dem am Fahrbandrand Unmengen Reifenabrieb zu finden sind, hätten sich an den Fahrwegen Caesium und andere Radionuklide angereichert. Und die Aufregung kann man in München ohnehin nicht verstehen: Die Konzentration von radioaktiven Teilchen in der Salzlösung sei seit Anfang der 90er Jahre bekannt und werde nicht verschwiegen, so ein Sprecher des Helmholtzzentrums. Und obwohl das Problem den zuständigen Behörden bekannt sein müsste, wolle man ab sofort offener und deutlicher mit Informationen umgehen.

Salzstock ist nicht stabil - und schrumpft

Nur in einer Frage herrscht bei allen Beteiligten Einigkeit: Der ehemalige Salzstock Asse II ist nicht stabil. Die riesigen, kathedralenartigen Kammern geben dem Druck der sie umgebenden Steinmassen Stück für Stück nach. Jeden Tag, erklärt Udo Dettmann vom Koordinierungskreis Asse II, schrumpfe das Bergwerk um drei Kubikmeter. Das kann das Magnesiumchlorid nicht verhindern, das zur Stabilisierung eingeleitet wird. In 15 Jahren, so Dettmann, hätten sich die Atommüllfässer schlicht aufgelöst. Wegen des permanenten Drucks auf das Bergwerk befürchtet er einen Austritt von Radioaktivität. Rechenmodelle, nach denen das erst nach 23.000 Jahren so weit sei, wären unpräzise wie die 5-Tages-Wettervorhersage. Er verweist auf ein Gutachten des Bundesamtes für Strahlenschutz, das schon in 150 bis 750 Jahren einen Oberflächenaustritt als möglich ansieht.

Bei der Endlagerung von Atommüll sei man sich immer einig gewesen, dass gesellschaftliche Formationen weniger stabil als geologische wären, fasst Dettmann die Grunddiskussion zusammen. Bei Asse II hätte aber schon eine Doktorarbeit aus dem Jahr 1979 die Risse und die Eintrittsstelle von Laugen präzise vorausgesagt. Und die früheren Bergleute hätten immer darauf hingewiesen, dass der Salzstock in Bewegung ist.

Oberirdische Lagerung als Option

Die Zeit drängt. "Wenn der Atommüll einmal nass ist, kann man ihn nur noch schwer umlagern", sagt Dettmann. Jetzt, das ist die Forderung des Koordinierungskreises Asse II, müssten auf wissenschaftlicher Basis alle Schließungskonzepte schnell geprüft werden. Das könnte zum Beispiel eine Betonverfüllung sein. Oder die oberirdische Lagerung. Eine Forderung, der sich das Bundesforschungsministerium als Besitzer des Bergwerks und das Bundesumweltministerium anschließen: Als Gefahrenpräventionsmaßnahme müsse ein Optionsvergleich durchgeführt werden, der auch die "Teilrückholung mittelradioaktiver Abfälle" beinhalte. Vielleicht ist die Gesellschaft doch stabiler als das Salzbergwerk.

Standorte deutscher Atommüll-Endlager

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