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21. Juni 2008, 09:03 Uhr

Risse im Atomklo

Rund 130.000 Fässer mit Uran und Plutonium lagern im ehemaligen Salzstock Asse II bei Wolfenbüttel. Der Betreiber hat allerdings erst nach intensiver Nachfrage zugegeben, dass es ein Caesium-137-Problem gibt. Das zuständige Ministerium ist empört, die Atommüllgegner sind entsetzt. Von Christoph M. Schwarzer

Im ehemaligen Salzbergwerk Asse II, dem ältesten Atommüll-Endlager der Republik, wurde offenbar schon vor Jahren radioaktiv verseuchte Salzlauge gefunden - doch davon wusste die Bevölkerung nichts© Nigel Treblin/DDP

Es tropft im Salzbergwerk Asse II bei Wolfenbüttel. Hier in Niedersachsen, wo etwa 130.000 gelbe Fässer mit schwach- und mittelradioaktivem Abfall der Ewigkeit entgegendämmern, dringt seit 1988 Wasser ein. Zurzeit zwölf Kubikmeter am Tag. Und diese treffen dabei nicht nur auf abgelegte Kleidung von Radiologie-Krankenschwestern, sondern auch auf 102 Tonnen Uran und zehn Kilogramm Plutonium.

Grenzwert achtfach überschritten

Jetzt musste der Betreiber der Anlage, das Helmholtzzentrum in München, bei einer Befragung im Umweltausschuss des niedersächsischen Landtags zugeben, dass es ein Problem mit Caesium 137 gibt. Die Konzentration, sagt Udo Dettmann vom Koordinierungskreis der Gegner von Asse II, hätte den an der Erdoberfläche zulässigen Grenzwert achtfach überschritten. Eine Aussage, die vom Umweltministerium in Hannover (NMU) bestätigt wird. Niedersachsens Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) ist vor allem über die Informationspolitik des Helmholtzzentrums empört: "Das Vertrauen in die Betreiber ist empfindlich gestört." Denn wie so oft in Atomfragen wurde nicht automatisch berichtet, sondern nur nach bohrenden Fragen zugegeben.

Noch vor zwei Wochen hieß es, dass die Konzentration von Caesium 137 im Bergwerk nur der üblichen, oberirdischen Umweltkonzentration entspreche. Caesium 137 ist allerdings kein natürliches, sondern ein künstliches Radionuklid. Die Atomwaffentests in den 50er und 60er Jahren sowie der Super-GAU von Tschernobyl haben für eine Grundkonzentration des Stoffs in der Biosphäre gesorgt. Caesium 137 wird vom Körper ähnlich wie Jod in der Schilddrüse angesammelt, wo es als Alphastrahler Krebs erregt. Anwohner in der Umgebung von Atomkraftwerken haben Jod in ihrer Hausapotheke, um ihre Schilddrüse im Extremfall damit zu sättigen und vor gefährlichen Radionukliden zu schützen.

Niedersachsen ist Deutschlands Atomklo

Anders als die anderen bundesdeutschen Atomlager Morsleben, Gorleben und Konrad wird Asse nach Berg- und nicht nach Atomrecht betrieben. Auch das steht jetzt auf dem Prüfstand, weil der Betreiber schon eine Lösung für die Caesium 137-getränkte Lauge parat hatte: 77 Kubikmeter wurden auf die tiefere 975 Meter-Sohle umgepumpt. Ein Vorgang, für den das Helmholtzzentrum möglicherweise eine "Umgangsgenehmigung" brauchte, sagt das für die Fachaufsicht zuständige NMU und stoppte die Pumpen.

Die hohe Caesium 137-Konzentration führt das Helmholtzzentrum München auf frühere Streckenkontamination zurück. Ähnlich wie bei einem Formel 1-Rennen, bei dem am Fahrbandrand Unmengen Reifenabrieb zu finden sind, hätten sich an den Fahrwegen Caesium und andere Radionuklide angereichert. Und die Aufregung kann man in München ohnehin nicht verstehen: Die Konzentration von radioaktiven Teilchen in der Salzlösung sei seit Anfang der 90er Jahre bekannt und werde nicht verschwiegen, so ein Sprecher des Helmholtzzentrums. Und obwohl das Problem den zuständigen Behörden bekannt sein müsste, wolle man ab sofort offener und deutlicher mit Informationen umgehen.

Salzstock ist nicht stabil - und schrumpft

Nur in einer Frage herrscht bei allen Beteiligten Einigkeit: Der ehemalige Salzstock Asse II ist nicht stabil. Die riesigen, kathedralenartigen Kammern geben dem Druck der sie umgebenden Steinmassen Stück für Stück nach. Jeden Tag, erklärt Udo Dettmann vom Koordinierungskreis Asse II, schrumpfe das Bergwerk um drei Kubikmeter. Das kann das Magnesiumchlorid nicht verhindern, das zur Stabilisierung eingeleitet wird. In 15 Jahren, so Dettmann, hätten sich die Atommüllfässer schlicht aufgelöst. Wegen des permanenten Drucks auf das Bergwerk befürchtet er einen Austritt von Radioaktivität. Rechenmodelle, nach denen das erst nach 23.000 Jahren so weit sei, wären unpräzise wie die 5-Tages-Wettervorhersage. Er verweist auf ein Gutachten des Bundesamtes für Strahlenschutz, das schon in 150 bis 750 Jahren einen Oberflächenaustritt als möglich ansieht.

Bei der Endlagerung von Atommüll sei man sich immer einig gewesen, dass gesellschaftliche Formationen weniger stabil als geologische wären, fasst Dettmann die Grunddiskussion zusammen. Bei Asse II hätte aber schon eine Doktorarbeit aus dem Jahr 1979 die Risse und die Eintrittsstelle von Laugen präzise vorausgesagt. Und die früheren Bergleute hätten immer darauf hingewiesen, dass der Salzstock in Bewegung ist.

Oberirdische Lagerung als Option

Die Zeit drängt. "Wenn der Atommüll einmal nass ist, kann man ihn nur noch schwer umlagern", sagt Dettmann. Jetzt, das ist die Forderung des Koordinierungskreises Asse II, müssten auf wissenschaftlicher Basis alle Schließungskonzepte schnell geprüft werden. Das könnte zum Beispiel eine Betonverfüllung sein. Oder die oberirdische Lagerung. Eine Forderung, der sich das Bundesforschungsministerium als Besitzer des Bergwerks und das Bundesumweltministerium anschließen: Als Gefahrenpräventionsmaßnahme müsse ein Optionsvergleich durchgeführt werden, der auch die "Teilrückholung mittelradioaktiver Abfälle" beinhalte. Vielleicht ist die Gesellschaft doch stabiler als das Salzbergwerk.

© Ulrike Borowsky/DDP

Standorte deutscher Atommüll-Endlager

Von Christoph M. Schwarzer
 
 
KOMMENTARE (10 von 31)
 
Sempralon (22.06.2008, 23:22 Uhr)
Grundgesetzänderung sei Dank ...
... wie ich das meine ?
Nun, die GG-Änderungen sind in Bundestag und -Rat durch, der Krampf um das "neue" BKA-Gesetz ist nur noch eine Makulatur zur Beruhigung ... im Sinne "Hätte ja schlimmer kommen können !", ihr wisst schon ...
Antwort von Hr. Ströbele auf die Frage von Hr. Meister:
"Die Grundgesetzänderung, die das neue BKA-Gesetz und die zusätzlichen Präventivbefugnisse des Bundeskriminalamtes möglich macht, ist bereits im Rahmen der Grundgesetz-Reform-Gesetze von der großen Koalition beschlossen und in Kraft gesetzt worden.
Die Grünen haben gerade auch gegen diese Verfassungsänderung gestimmt."
Quelle: http://www.abgeordnetenwatch.de/index.php?cmd=650&id=5853&fragen=#frage116630
Der Feind ist ausgemacht, es sind die Gefährder ... nicht etwa Terroristen, nein, Menschen die auf ihr Recht pochen, die sich gegen die Willkür des wirtschaftlich denkenden Staates wehren, die solche Missstände öffentlich und somit angreifbar machen !
Gegen diese Gefährder wurden die Gesetze erlassen und das GG geändert ... gewiss nicht zum Wohle der Demokratie oder des Volkes.
Zum Meckern/Jammern/Zetern und schreien, das wir ja einen Rechtsstaat haben, ist es zu spät, wir haben einen Rrrrechts'Staat, dessen Bevölkerung eine ständige Irritation und mittlerweile bzw. mittelfristig eine Bedrohung des Staatlichen Souveräns darstellt.
Wie jetzt, der Bürger ist der Souverän, das Volk ?
Ich bitte euch, seht euch die GG-Änderungen an und selbst der intelligenteste Deutsche versteht die "Welt" nicht mehr !
Wir sind mittlerweile mittels der Salamitaktik entmündigt worden ... Insassen eines Irrenhauses und diese Insassen müssen kontrolliert/isoliert werden, damit die Verfehlungen der Anstaltsleitung nicht zu Tage treten ...
Ein Journalist, der über die Zustände in dieser Anstalt berichten will, wird kurzerhand für "Verückt"/"gefährlich" Erklärt ... ein Gefährder halt, der die öffentliche Ruhe gefährdet !
Deutschland Ost (DDR) hatte seine Stasi dazu und unsere Bundesrepublik demnächst das BKA ...
Paranoia ?
Ja klar ! Sicher doch ! Lesen bildet ! Informiert euch über die GG-Änderungen und was diese für das neue BKA und letztlich für uns Bürger bedeuten !
Einige werden den Kopf in den Sand stecken ... andere werden Auswandern ... einige in den Knast wandern und wiederum einige in den Untergrund gehen ...
Die Geschichte wird sich wiederholen ... nur dies mal wird es noch schlimmer, es gibt keinen Gegner mehr dem man zeigen muss, das "sein" System das bessere ist, dieser Druck ist weg, nun darf man wieder unverholen das tun was man als Herrscher/in eines Reiches machen darf: Durchregieren !
Zu scharf, zu zynisch ?
Nein, nachdem ich die Änderungen im GG und das neue BKA-Gesetz als Kombination durchgelesen habe, ist es mir vergangen ...
Gute Nacht Deutschland ... und Ostdeutsche Bürger träumt wieder von der Demokratie !
heiner5362 (22.06.2008, 16:53 Uhr)
an alle akw-befürworter
ab zum schacht und die cs-137-gase wegatmen !!!
respektive per freiwilligen-einsatz(für die gute sache kernkraft) schippe in die hand und da unten aufräumen.
clement wird euer vorbeter und-arbeiter !!!
rundherum werden für euch zeltlager errichtet, wo ihr euren neu erworbenen krebs tumor für tumor genüsslich auskosten dürft.
die verpflegung ist garantiert 100% verstrahlt(leuchtet so schön im dunkeln) !!!
anschliessendes verklappen der qualvoll gestorbenen per sondermüll-verordnung(strahlend) in eben jenem schacht.
viel spass.
bayerbienengift (21.06.2008, 22:44 Uhr)
@namidh
nein die Umweltschäden fliessen nicht in die Stromrechnung sondern (die radioaktiven Isotope) irgendwann ins Grundwasser. Oder bei weiter steigendem Meeresspeigel laufen die Salzbergwerke mit Wasser voll....
namidh (21.06.2008, 19:24 Uhr)
Umweltschäden fließen leider nicht...
.... in die Stromrechnung, sonst dürften wir über Generationen hinweg nachzahlen.
bayerbienengift (21.06.2008, 18:11 Uhr)
solar world
das hundertfache des jetzigen Weltenergiebedarfes könnten wir allein durch Solarenergie decken.
Durch Spiegel, die elektronisch der Sonne nachgeführt werden, kann aufs
einfachste! Sonnenenergie gebündelt werden, diese wird dann beispielsweise auf einen Solarreaktor geleitet, in dem Wasser zum Verdampfen gebracht wird, dieser treibt eine stromgeneriernde Turbine an und nebenbei ensteht noch destilliertes Wasser. Meerwasser könnte so aufs einfachste destilliert werden. Auch bei uns ein sinnvolles Brauchwasserrecycling.
Die dabei entstehende Verdunstungskälte kann zum Klimatisieren verwendet werden. Licht, Waerme und Stromn kann in Unmengen aus Sonne gewonnen werden.
Die Photosynthese läßt sich sinnvoll zur Ethanolproduktion verwenden.
Und wir muessen es (irgendwann) auch nutzen. Warum nicht gleich!
Stattdessen hören wir immer wieder sich gebetsmühlenartig wiederhohlende Parolen der Energiemafia, dass uns bald das Licht ausgeht. Wir brauchen neue AKWs und Kohlekraftwerke. Geistig ist bei denen das Licht schon lange ausgegangen. In deren Köpfen herrscht die totale Visionslosigkeit, Lügen, Korruption, Abzocke und Krieg um den Rest der atomaren und fossilen Rohstoffe.
bayerbienengift (21.06.2008, 17:13 Uhr)
Ignoranz der Atommafia
Man muss sich einmal der Ignoranz und der geistigen Impotenz der Atommafia bewusst werden. Da werden tonnenweise radioaktiver Müll in einem Salzbergwerk eingelagert, obwohl schon seit Jahrzehnten Grundwasser in dieses eindringt.
Wasser, Salz und Strahlung zersetzen so ziemlich alles!
Dann bedeutet Salzbergwerg, dass hier einmal Meer war! Damit hier nicht bald wieder Meer ist brauchen wir die regenerativen Energien. Bei uns kommen im Sommer 1000Wh/qm solare Energie an. Diese muessen endlich genutzt werden!
Schicken wir die Atommafia in ihr Atomklo zum putzen!
Josh67 (21.06.2008, 16:21 Uhr)
lol
Leute, schon mal überlegt, dass es noch andere Möglichkeiten gibt außer Atom oder Kohlestrom!
Dezentrale Kraftwerke, der jeweiligen Umgebung angepasst.
Ein Mix aus "alternativen" Energien, Brennstoffzellen und Geothermalenergie.
Europa könnte in Spaniens Wüsten große Solarkraftwerke zur Herstellung von Wasserstoff bauen.
Mit Wasserstoff können wir hier in Deutschland zumindest technisch Brennstoffzellenkraftwerke dezentral betreiben. (Deutschland baut sereienmäßig so ein Ding für U-Boote)
Gleichzeitig wird jedes Dach mit Solarzellen bestückt statt mit Dachziegeln.
Das ganze mit Wärmepumpen in den Häusern verbunden.
Also es gibt eine Menge Möglichkeiten!!!
Nur,
unsere Politiker sitzen in den Aufsichtsräten unseres Energiemonopols!!!
Und so lange man stinkend Reich wird ohne all dies zu tun, wird sich nix ändern.
Außerdem gibt es leide zu wenige Bürger die Ihr HIRN einschalten und nur dumme Phrasen der Medien nachplappern.
gute Nacht Welt!
All dies bringt neue gut bezahlte Arbeitsplätze und einen Technologiesprung mit sich.
Known (21.06.2008, 14:55 Uhr)
@ganzbaf
Und was machen wir nachts ? Dann müssten wir zu den Solarzellen auch noch irgendwelche Energiespeicher bauen. Die Solarlobby freuts, keine Frage. Die Sonne hier in Deutschland scheint aber viel zu unregelmäßig, bessere Standorte wären demnach z.B. die Sahara; zu lange Transportwege und wie gesagt - die Energiespeicherung; und wie bereits erwähnt der Energiebedarf der Industrieländer STEIGT, er bleibt nicht konstant oder ist rückläufig, er STEIGT...
ganzbaf (21.06.2008, 13:41 Uhr)
Ja und...?

Erstens genügen ca. 2 % der Fläche Deutschlands zu Selbstversorgung mit Solarstrom
Außerdem müssen wir ja nicht unbedingt "Exportweltmeister" bleiben, oder!?
Bringt eh nichts für die Normalbevölkerung und auch wenig bis nichts für die Arbeitslosen.
Known (21.06.2008, 13:36 Uhr)
@ganzbaf
Solarstromm ist mit Sicherheit nicht günstiger als Atomstrom. Es geht auch nicht nur um den Verbrauch der Bürger sondern auch um den Verbrauch der (Schwer)industrie; dieser Verbrauch - auch der der Bürger - ist STEIGEND...wir werden Versorgungsengpässe erleiden und mir ist eigentlich egal, wie dieser Engpass überwunden wird - ob mit Atomstrom oder dem Perpetuum mobile - allein mit alternativen Stromquellen werden wir es nicht schaffen.
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