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Die entschärften Worte im Buch Sarrazins

Hat der Verlag kalte Füße bekommen? In der vierten Auflage des Sarrazin-Buches "Deutschland schafft sich ab" steht nicht mehr alles, was in der Druckfahne zu lesen war. Ganz normaler Vorgang, sagt der Verlag.

Von Hans Peter Schütz

Gehören Sie auch zu den hunderttausenden von Deutschen, die in die Buchläden gestürmt sind, um Thilo Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" zu ergattern? Acht Auflagen gibt es schon. Aber in den aktuellen Exemplaren steht nicht mehr alles, was in der Druckfahne zu lesen war, die vorab an Journalisten verteilt wurde und als "1. Auflage" gekennzeichnet ist. In der stand auf Seite 370: "So spielen bei Migranten aus dem Nahen Osten auch genetische Belastungen, bedingt durch die dort übliche Heirat zwischen Verwandten, eine erhebliche Rolle und sorgen für den überdurchschnittlich hohen Anteil an angeborenem Schwachsinn und anderen Erbkrankheiten."

Spätestens ab der 4. Auflage, die stern.de zum Vergleich herangezogen hat, kommt der grobe Satz viel sanfter daher: Der "angeborene Schwachsinn" fehlt und die genetischen Belastungen sorgen nur noch "für einen überdurchschnittlich hohen Anteil an verschiedenen Erbkrankheiten". Unter Sammler-Gesichtspunkten könnte die Fahne später vielleicht einmal sehr viel mehr wert sein als die nachfolgenden Druckauflagen. Denn sie enthält den Original-Sarrazin, nicht den gesäuberten. Die Deutsche Verlags-Anstalt sah sich zu einer Erklärung der Textglättung auf Nachfrage von stern.de nicht in der Lage.

Das Sarrazin-Buchwerk hat im übrigen in der politischen Szene nicht nur Ärger, sondern auch etwas bewirkt, was an sich so gut wie nie vorkommt: In den Chefbüros von SPD und CDU sowie im Kanzleramt lacht man entzückt gemeinsam über eine Rätselfrage. Die lautet: "Welches Gen haben alle Sarrazine dieser Welt gemeinsam? Die Antwort: Das-auf-den-Sack-Gen!"

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Zum politischen Neustart nach der Sommerpause hatte vergangene Woche die FDP-Bundestagsfraktion zu einem Medientreff in den "40 seconds club" nahe dem Potsdamer Platz eingeladen. Aufschlussreich wie in den Räumen im 7. Stock mit freiem Blick auf die Hauptstadt gemault, gelästert und getrascht wurde. Der Parlamentarische Geschäftsführer Jörg van Essen genoss die Aussicht sehr. "Hier hat man jenseits des Parteigeschäfts endlich mal wieder einen weiten Blick." Ernst Burgbacher, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftministerium und "Vater" des Mehrwertsteuergeschenks an die Hoteliers, ärgerte sich mal wieder darüber, dass FDP-Generalsekretär Christian Lindner ohne Rücksprache mit ihm und der Fraktionsvorsitzenden Birgit Homburger die Rückholung des Steuergeschenks vor Journalisten angekündigt hatte. Homburger und Burgbacher wollen lieber, dass die FDP das Etikett "Mövenpick-Partei" behält. Die Fraktionschefin soll das in einem wütenden Brief auch Lindner mitgeteilt haben. Der Reutlinger FDP-Bundestagsabgeordnete Pascal Kober, privat ein evangelischer Pfarrer, lästerte über die derzeitige Stimmung in der um die Fünf-Prozent-Grenze herumkrebsenden FDP: "Ich hätte niemals gedacht, dass die FDP so schnell einen Pfarrer braucht."

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Karl-Theodor zu Guttenberg kann bei seinem weiteren politischen Aufstieg mit dem Wohlwollen von Theo Waigel rechnen, der über zehn Jahre die CSU geführt und als Bundesfinanzminister Politik in Bonn gemacht hat. "Der macht seine Sache glänzend", lobte Waigel den Verteidigungsminister im Gespräch mit stern. de. Seit den Zeiten von Franz-Josef Strauß habe kein CSU-Politiker mehr so viel Zulauf in den Bierzelten gehabt wie zu Guttenberg. Vor allem aber habe der blaublütige Christsoziale gutes Benehmen gegenüber Jedermann. Sozusagen ein zu-Guttenberg-Gen.

Das Kompliment hat speziellen Anlass: Waigel hatte an ein gutes Dutzend Politiker die Kopie eines überaus freundlichen Briefes verschickt, den die einstige CSU-Größe Josef Müller, der erste Vorsitzende der CSU, an den SPD-Politiker Willy Brandt geschickt hatte. Nur zwei Briefempfänger haben sich bedankt. Der SPD-Senior Hans-Jochen Vogel und eben zu Guttenberg. In der CSU wird zu Guttenberg immer häufiger als denkbarer Kanzlerkandidat der Unionsparteien für den Fall gehandelt, dass ein Nachfolger für Angela Merkel gefunden werden muss. Doch müsse er dabei mit Geduld vorgehen, sagt Waigel. Wichtig sei, dass er nach vier Jahren vom Verteidigungsministerium ins Auswärtige Amt oder ins Finanzministerium wechsle. So sei einst auch Helmut Schmidt nach ganz oben gekommen. Was sagt zu Guttenberg selbst zu all diesen Spekulationen? "Darüber mache ich mir genauso viele Gedanken, wie über meine Chancen, Kapitän der deutschen Curling-Nationalmannschaft zu werden. Also allenfalls posthum – und das geht aber nicht."

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Endlich wieder einmal unter den Genossen weilte dieser Tage Altkanzler Gerhard Schröder. Er war Gast beim Sommerfest des SPD-Magazins "Vorwärts", dessen Chefredakteur Uwe-Karsten Heye nach fünf Jahren in den Ruhestand verabschiedet wurde. Heye hatte Schröder zuvor lange als dessen Sprecher gedient. Leicht zusammen gezuckt ist die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, als Schröder sie als "Frau Generalsekretärin" und nicht ordnungsgemäß als "Genossin Generalsekretär" anredete. Und dann auch noch ausplauderte, früher sei sie ihm "manchmal auf die Nerven" gegangen. Immerhin, räumte der Basta-Kanzler ein, zeichneten Nahles jetzt "besondere Umstände" aus – sichtbar sind sie bereits, das Baby kommt Anfang nächsten Jahres.

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