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1. März 2010, 11:21 Uhr

Auch Journalisten lassen sich sponsern

Ein Bierchen? Ein paar Zigaretten? Noch ein Nachtisch? Auf Parteitagen kassieren nicht nur die Parteien ab, auch Journalisten lassen es sich gut gehen - auf Kosten der Wirtschaft. Von Hans Peter Schütz

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Aussteller auf dem Landesparteitag der SPD in Nordrhein-Westfalen© Bernd Thissen/DPA

Mit spitzen Federn sind wir Journalisten über Nordrhein-Westfalens CDU-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers und den sächsischen CDU-Regierungschef Stanislaw Tillich hergefallen. Der Grund: Schriftliche Angebote, Sponsoren könnten bei Zahlung von bis zu 20.000 Euro damit rechnen, dass die Ministerpräsidenten auf Parteitagen den Stand des Sponsor besuchen und ein fotogenes Gespräch führen. Die böten sich ja wie politische Callboys an, hieß es. Da würden an Sponsoren der CDU rundum schamlos Audienzen verkauft. Nicht erwähnt wurde jedoch, wie Journalisten selbst von Sponsoren auf Parteitagen von CDU, CSU, SPD und FDP profitieren: Sie dürfen sich dort auf Kosten von Firmen kostenlos den Bauch voll schlagen, etwaige politische Ärgernisse mit Bier und Wein gratis runterspülen oder die Luft mit Zigarettenrauch verpesten.

Seit vielen Jahren gehören schließlich spezielle Presse-Kantinen zu den Parteitagen, einen Tag vorher wird gewöhnlich ein üppiger Presseabend zelebriert, meist in Brauereien. Bezahlt wird die Bewirtung nicht von den Parteien, sondern von Firmen wie Daimler oder BMW. Die Zigaretten kommen meist von Philipp Morris. Der Zugang zur Gratisverpflegung wird scharf kontrolliert - hinein dürfen eigentlich nur Presseleute. Doch auch Verbandsvertreter oder Gewerkschaftsfunktionäre tummeln sich am Buffet, und natürlich die Spitzenpolitiker der jeweiligen Partei. Nur der einfache Delegierte, der für die Teilnahme am Parteitag Urlaubstage opfern und für Anreise und Aufenthalt ordentlich bezahlen muss, der wird abgewimmelt. Der darf sich dann am Rande des Parteitags an einer Würstchenbude kärglich auf eigene Kosten zu ausbeuterischen Preisen verpflegen. Ärger mit diesem Sponsering gab es zuletzt 2007 auf dem FDP-Bundesparteitag in Stuttgart. Die Daimler AG meldete den Liberalen kalte Füße. Es könne sein, dass die Börsenaufsicht die Etablierung einer Presse-Lounge und der Finanzierung des Presse-Abends im Gottfried-Daimler-Stadion als möglicherweise unvereinbar mit den Vorschriften einer korrekten Parteienfinanzierung betrachte. Wie man sieht: Warnende Hinweise gab es schon, die Parteien ließen sich dennoch ködern.

*

Die massive Förderung der Parteitage durch Unternehmen begann im Übrigen 1987 auf dem FDP-Bundesparteitag in Kiel - mit durchaus edlen Motiven. Die Partei akzeptierte das Klagelied der Delegierten, dass sie sich auf dem Parteitag nur zu völlig überzogenen Preisen für Würstchen mit Senf ernähren konnten. Daraufhin überredete die FDP den Fast-Food-Unternehmer McDonald's, seine Hamburger zu normalen Preisen auf einem Stand auf dem Parteitag für alle Teilnehmer ohne Preistreiberei zu verkaufen. So geschah es. Umweltpolitischen Ärger gab es nur, weil damals noch auf Plastiktellern serviert wurde. Später wurden Pappteller angeboten. Von solchen Formen der Umweltpolitik - siehe Zigaretten-Sponsering - ist heute keine Rede mehr.

*

Das südbadische Städtchen Singen am Hohentwiel gilt in schwarz-gelben Berliner Polit-Kreisen inzwischen als der koalitionspolitisch mit Abstand stabilste Ort der Republik. Während sich CDU/CSU und Liberale allenthalben fetzen, harmonieren CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder und seine FDP-Partnerin Birgit Homburger mustergültig. Beide sind in Singen aufgewachsen und sprechen mit alemannischem Akzent. "Die beiden vertrauen sich rundum", sagt ein enger Mitarbeiter der FDP-Chefin. Sie simsen einander, telefonieren viel. Um den heißen Brei wird, typisch alemannisch, zwischen den beiden nicht herumgeredet. Vor allem hilft eine Maxime: "Was verabredet ist, das gilt."

Noch duzen sich die beiden nicht, wie dies in der Großen Koalition Kauder und der SPD-Fraktionsboss Struck taten und gemeinsam die Fäden jenes Bündnisses zogen. Aber voraussichtlich lässt das schwarz-gelbe Duzi nicht mehr lange auf sich warten, obwohl Homburger zu stern.de gesagt hat: "Wenn ich daran denke, wie viele politische Duzfreundschaften schon zerbrochen sind, hat das Siezen auch seine Werte." Bei Kauder und Struck hat sie jedenfalls gehalten. Der CDU-Mann besuchte unlängst den Genossen, um sich davon zu überzeugen, dass es dem Struck im Ruhestand auch gut geht.

*

Mit ihrem Satz "...das ist nicht mein Duktus" hat die Bundeskanzlerin reichlich Druckerschwärze im Koalitionsgerangel mit ihrem Vizekanzler Guido Westerwelle auf sich gezogen. Die meisten Kommentare lobten Angela Merkel allerdings dafür, dass sie ihrem Duzfreund Guido und dessen polemischer Attacke auf Hartz-IV-Empfänger endlich mal Contra gegen hat. Wesentlich pfiffiger hat der Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW), Randolf Rodenstock, Merkels Äußerung interpretiert. Dass die Kanzlerin gesagt habe, es sei nicht ihr Duktus, was Westerwelle sage, akzeptiert er zwar. Aber er fügt an: "...wenn sich Herr Westerwelle zu Hartz-IV in dem Sinne äußert, dass man nicht nur auf die Leistungsempfänger, sondern bitte auch auf die Leistungserbringer schauen muss - da hat er recht - und wenn der Bundeskanzlerin dazu nichts anderes einfällt als zu sagen, dies sei nicht ihr Duktus, dann finde ich das ein bisschen wenig. Sie hätte ja zumindest sagen können, was denn dann ihr Duktus ist. Und Duktus kommt ja aus dem Lateinischen, von ducere (führen), und, na ja, das sagt alles, wenn die Frau Merkel sagt, was alles nicht ihr Duktus ist. Ich finde das sehr schade...." Wir finden: Intelligenter im Sinne guter humanistischer Bildung ist die präsidiale Kanzlerin bislang noch nicht zu mehr Führung aufgefordert worden.

Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (9 von 9)
 
auch.das.noch (02.03.2010, 09:50 Uhr)
gute Rezension nur gegen Bestechung
Als ehemalige Angestellte eines namhaften Museums bin ich mehrmals von Journalisten zur Herausgabe eines zweiten Ausstellungskataloges unter Druck gesetzt worden. Der Hinweis, dass unser Etat ausserordentlich knapp sei und zwei Kataloge schliesslich für eine Besprechung nicht notwendig seien wurde gekontert mit der Drohung, dass man dann eben einen Verriss der Ausstellung in der Zeitung zu erwarten habe.
johnniedeamonic (01.03.2010, 16:49 Uhr)
...
"Nicht erwähnt wurde jedoch, wie Journalisten selbst von Sponsoren auf Parteitagen von CDU, CSU, SPD und FDP profitieren: Sie dürfen sich dort auf Kosten von Firmen kostenlos den Bauch voll schlagen, etwaige politische Ärgernisse mit Bier und Wein gratis runterspülen oder die Luft mit Zigarettenrauch verpesten"



ich hoffe jetzt mal nicht das es einem Journalisten in Deutschland so schlecht geht das er seine Artikel nach dem Scheme "beid er FDP gab es besseren Kartoffelsalat als bei den Grünen" anfertigen muss.....
Margrit1 (01.03.2010, 16:46 Uhr)
verfilzt
dieses Land ist bis in seine Grundfesten verfilzt und koruppt.
Eien Bananenrepublik ist ja fast noch heilig gegen uns.
Es wird höchte Zeit, dass wir einen Neuanfang starten.
Gerade in den letzten 20 Jahren ist Deutschland ethisch und moralisch abgerutscht, tiefer geht es nicht mehr
tobix (01.03.2010, 13:20 Uhr)
@salz63
Kaum jemand hält sich selbst für beeinflussbar, aber es funktioniert trotzdem.

Es muss ja nicht unbedingt die Folgerung "tolles Essen, dafür bekommen die einen tollen Artikel", es reicht ja schon eine unter- oder halbbewusste Beeinflussung. Wie fühlen sie sich bei einem Parteitag mit tollem Catering vs. einem Parteitag, an dem Sie selber Ihr Essen besorgen müssen?
SpringbokCT (01.03.2010, 13:03 Uhr)
> salz63
Sie glauben kaum, dass ein Journalist durch das kostenlose Essen zum Fan einer Partei oder Firma wird.

Nunja, es kommt wohl drauf an wo das Essen statt findet: Wenn ein Journalist zum Essen in die Villa des (Ex)-Vorsitzenden nach Wallerfangen gebeten wird, könnte ich es mir schon vorstellen.

Man sollte vielleicht mal Hans-Peter Schütz fragen.
knilch_59 (01.03.2010, 12:58 Uhr)
Stimmt nachdenklich ...
Ein wichtiger Beitrag, der das Thema zwar erweitert, aber noch lange nicht umfasst. Die Parteien haben sich eben noch nie alleine über Beiträge, Spenden und die staatlichen Mittelzuweisungen finanziert. Was dem Ortsverein und seiner Zeitung über ?Anzeigen? recht ist, ist der Bezirksebene mit dem ?Sponsoring? von Veranstaltungen billig und fällt allenfalls auf der Landes- und Bundesebene auf.
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Natürlich würde der Bundesverband der Industrie niemals einen Parteitag der Linken befüttern und die AWO würde niemals einen Stand bei der FDP bezahlen. Ist das schon Einflussnahme?
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Ja, ist es! Geld regiert die Welt. Und der jeweils angemessene Rahmen kostet. Wer will, dass sich ein Journalist ein paar Stunden irgendwo informiert, muss natürlich die Abstimmung mit den Füßen einkalkulieren. Das Dorfgemeinschaftshaus in Klein-Pusemuckel provoziert eine ausführliche Berichterstattung über diverse Unzulänglichkeiten: Hingehen, das Chaos sehen, keine Lust haben, also weg. Da gibt das Kongresszentrum doch mehr Ansatzpunkte für Positives. Wohl dem, der es sich leisten kann.
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Werbung und PR wirken, obwohl sich ja angeblich niemand davon beeinflussen lässt. Deshalb muss man an dieser Stelle einmal innehalten und überlegen, inwieweit diese Zuwendungen tatsächlich die ?Unabhängigkeit? der Parteien beeinflusst. Und wen man dazu kommt, dass sich der Wirkung anscheinend doch niemand entziehen kann, muss man es in neue Formen gießen. Das bedeutet, dass die Parteienfinanzierung völlig neu geregelt werden müsste. Aber: wer will das wirklich?
ganzbaf (01.03.2010, 12:46 Uhr)
@hajomos

Westeresel ist doch SZ Steinbock.
Die sind aber bekanntermaßen besonders dickeselig, äh, "fellig".
Da braucht es durchaus noch ordentlich ein Paar vor die vernagelten Birne, bis er endlich zurücktritt ;~)
salz63 (01.03.2010, 12:22 Uhr)
Catering und Journalisten
Ich glaube kaum, daß ein Journalist durch das kostenlose Essen zum Fan einer Partei oder Firma wird.

Es ist halt praktisch, nicht mehr und nicht weniger, und da das bei allen Parteitagen so ist und es sich an alle Journalisten richtet und auch solche die gerade negativ über über den Sponsor geschrieben haben bekommen ein Würstchen.

Und ich selbst bin nach unzähligen Parteitagen als Journalist bis heute Nichtraucher :o)
hajomos (01.03.2010, 12:19 Uhr)
Danke
Ein eher nachdenklicher, nicht Westerwelle- oder FDP-Bashing betreibender "Schütz der Woche" - meine Achtung!
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