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1. September 2008, 09:54 Uhr

Der verlängerte Rücken der SPD

Kurt Beck hat's schwer: Die SPD-Umfragewerte sind desaströs, und nun lästert Wolfgang Clement auch noch über die politische Zerstörungskraft delikater Körperteile des Pfälzers. Ein anderer SPD-Mann macht indes einen provokativen Vorschlag: Franz Müntefering soll Kanzlerkandidat werden. Von Hans Peter Schütz

 

Kämpferisch, aber glücklos: SPD-Chef Kurt Beck© Torsten Silz/DDP

Nichts signalisiert die wachsende Verzweiflung der SPD über ihre innere Zerrissenheit mehr als die jüngsten Auskünfte darüber, wer denn nun als Kanzlerkandidat gegen Angela Merkel antreten soll. Beck oder Steinmeier? Steinmeier selbst war vergangene Woche auf Sommertour in Brandenburg unterwegs und inszenierte sich stets ganz gelassen, wann immer diese Frage auf ihn zukam. Aber er blieb vage. Als eine Frau ihm zurief "Wir setzen auf Sie!", antwortete er: "Sie können sich auf mich verlassen." Aber allemal ist ein Zögern in seinen Antworten präsent, als ob die weiter sinkenden Umfragewerte der SPD ihn hemmten, mehr Machtwillen zu zeigen. Die könnten schließlich so tief sinken, dass Kurt Beck es selbst machen muss, weil Steinmeier keine Chance mehr sieht, sich selbst noch hinreichend für diesen Job politisch profilieren zu können. Die "Leipziger Volkszeitung" berichtete jetzt undementiert über eine Gespräch, das Wolfgang Clement aus dem Urlaub mit einem führenden CDU-Politiker (!) geführt haben soll. Clement habe dem CDU-Mann gesagt, alles was mit Schröders Agenda 2010 aufgebaut worden sei, schmeiße der "Pfälzer Dorftrottel" mit seinem Hintern wieder um.

Verzweifelt denken führende Genossen darüber nach, wie sie dem Dilemma entkommen könnten. Diese Frage an einen Genossen mit Zugang zu höchsten Parteikreisen gestellt, wurde gegenüber stern.de jetzt allen Ernstes so beantwortet: "Am besten wäre es, wenn wir Franz Müntefering aufstellen würden." Hintergrund der Überlegung: Dann sei Frank-Walter Steinmeier nach der erwarteten Niederlage der SPD bei der Bundestagswahl wenigstens nicht politisch tot und könne dann für 2013 in aller Ruhe als Kandidat aufgebaut werden.

*

Nichts öffentlich zu hören ist derzeit aus den Innereien der CDU. Aber es läuft auch dort ein interessanter parteiinterner Kampf: Wer darf im Herbst ins Parteipräsidium aufrücken, nachdem die enge Merkel-Vertraute Hildegard Müller als Staatsministerin das Kanzleramt verlassen und ihr Bundestagsmandat niedergelegt hat? Anspruch auf den Platz hat der NRW-Landesverband. Merkel möchte gerne die nordrhein-westfälische CDU-Bundestagsabgeordnete Ursula Heinen ins Präsidium hieven. Sie soll dort die Rolle von Hildegard Müller übernehmen, die bei Diskussionen im CDU-Präsidium meist als erste Sprecherin nach der Kanzlerin voll die Linie Angela Merkels begrüßt hat. Ihr Konkurrent ist allerdings der Junge-Union-Chef Philipp Missfelder. Und der hat gute Chancen, die Konkurrenz zu gewinnen. Die nordrhein-westfälische Mittelstandvereinigung hat ihn bereits für den Präsidiumsplatz vorgeschlagen. Und jetzt plädiert auch die CDU-Seniorenunion für den Jung-Parlamentarier Missfelder. Das ist bemerkenswert. Denn der hatte einmal in der Diskussion über die Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems gesagt, man müsse überlegen, ob 85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen sollten. Danach machten die Senioren richtig Krawall.

*

Wenig beeindruckt vom Aufruf des CSU-Vorsitzenden Erwin Huber, den Wahlkampf gegen die Linken wie einen "Kreuzzug" zu führen, gibt sich die Linkspartei. Ihre Bundestagsabgeordnete Eva Bulling-Schröder ist dem CSU-Chef sogar dankbar dafür. Jetzt werde in Bayern wenigstens über die Linkspartei geredet und zwar nach dem Tenor: Die müssen doch stark sein, wenn die CSU so auf sie einprügle. "Das ist ein Wahlgeschenk", freut sich Bulling-Schröder. Noch kesser wehrt sich Linkspartei-Chef Lothar Bisky: "Die Hassprediger in Bayern können ruhig hetzen gegen die Linke. Die machen uns nicht tot."

*

Weil sie die "Kreuzzug"-Wahlkampftöne aus Bayern nicht mehr hören mögen, raten manche CDU-Bundestagsabgeordnete inzwischen ihren Berliner CSU-Freunden, sie sollten vielleicht mal anständiges politisches Jodeln lernen. Hintergrund des Spotts ist, dass dieser Tage auf dem Berliner Teufelsberg in der Tat Jodeln gelernt werden konnte. Vor Ort bot dort nämlich der Chiemgauer Musiklehrer Josef Ecker für schlappe 40 Euro entsprechende Kurse an. Jeder könne bei ihm den Anfänger-Jodelruf "Hulljodüüürüüü" lernen, sagt Ecker. Wichtiger noch: Jodeln sei eine echte Bereicherung, "weil es entspannt." Genau das dürfte die CSU vielleicht bald brauchen, heißt es in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Spätestens dann, wenn demnächst Umfragezahlen bekannt würden, die die CSU klar unter 50 Prozent sehen. Bleibt die Frage: Welche politische Botschaft für die Wähler steckt denn drin, wenn Huber Hulljodüüürüüü jodelt?

Korrektur: Liebe Leser, die Personalspekulationen in der SPD, in deren Zentrum immer gerne auch Ex-Parteichef Franz Müntefering steht, machen bisweilen auch Journalisten kirre. Und so hat sich in die ursprüngliche Version dieses Textes ein Fehler in den Anriss eingeschlichen: Hier stand nämlich, dass ein SPD-Mann Franz Müntefering als Nachfolger Peter Strucks im Amt des Fraktionschefs im Bundestag vorschlage. Das war falsch. Zwar gibt es SPD-Politiker, die mit diesem Gedanken spielen, der hier zitierte Informant sagte aber, Müntefering wäre ein guter Kanzlerkandidat. Wir haben diesen unseren Fehler nachträglich korrigiert und bitten um Nachsicht Ihrerseits. Mit schönen Grüßen. stern.de

Hans Peter Schütz

Hans Peter Schütz Worüber redet das politische Berlin, wenn die Kameras ausgeschaltet sind? stern-Autor Hans Peter Schütz hört hin und notiert wöchentlich den neuesten Tratsch aus der Hauptstadt – exklusiv auf stern.de lesen Sie seine Kolumne "Berlin vertraulich!"

Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 29)
 
SethusCalvisius (03.09.2008, 23:20 Uhr)
@vegefranz
War mir klar, dass zum Inhalt kein Kommentar kommt.
vegefranz (03.09.2008, 19:01 Uhr)
Brecht - links oder rechts
der mit mit den Schubladen links/rechts nur unzureichend beschrieben. Am Ende des Tages war er ein geiler Bock. Wie wir alle
SethusCalvisius (02.09.2008, 13:55 Uhr)
Brecht
Dass das besagte Zitat von Brecht stammt, gehört eigentlich zur Allgemeinbildung, es sei denn, man liest nichts, was sich links von Ernst Jünger und co befindet. Zur Nachhilfe ein kleines Gedicht von Brecht, das gut in die heutige Umverteilungsdiskussion passt:
Fragen eines lesenden Arbeiters
Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
Und das mehrmals zerstörte Babylon
Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern
Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?
Wohin gingen an dem Abend, wo die chinesische Mauer fertig war
Die Maurer? Das große Rom
Ist voll von Triumphbögen. Wer errichtet sie? Über wen
Triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz
Nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhaften Atlantis
Brüllten in der Nacht, wo das Meer es verschlang
Die ersaufenden nach ihren Sklaven.
Der junge Alexander eroberte Indien?
Er allein?
Cäsar schlug die Gallier.
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?
Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte
Untergegangen war. Weinte sonst niemand?
Friedrich der Zweite siegte im Sieben-Jährigen Krieg. Wer
Siegte außer ihm?
Jede Seite ein Sieg.
Wer kochte den Siegesschmaus?
Alle zehn Jahre ein großer Mann.
Wer bezahlte die Spesen?
So viele Berichte.
so viele Fragen.
hermes_t (02.09.2008, 07:59 Uhr)
@ vegefranz
Ja, bin ich sicher. Brechts Zitat ist aus der "Kriegsfibel" (1955) - da war der Rehhagel noch ziemlich jung... Hättest Du aber auch ganz leicht selbst überprüfen können. Ist der Sache meistens sehr dienlich, seine eigenen Aussagen auch mal zu überprüfen...
Sommerwind100 (01.09.2008, 22:21 Uhr)
Inhaltliche Auseinandersetzung
Seit einiger Zeit kann man im Stern nachlesen, wie immer mehr auf Personen der SPD eingedroschen wird. Eine inhaltliche Auseinandersetzung fehlt und ist nicht erwünscht. Eigentlich ein Grund den Stern nicht weiter zu abonnieren. Etwas mehr Auseinandersetzung mit den politischen Zielen und weniger die Betrachtung der Personen täte dem Stern gut.
lorac (01.09.2008, 20:12 Uhr)
Herr Clement halten Sie einfach mal die Klappe
ohne weiteren Kommentar
tetrapanax (01.09.2008, 18:38 Uhr)
Ja, wenn das alles wäre,
was dieser Dorf.. umgestoßen hätte, diese leidliche Agenda, wär´s ja gut!
Aber in Rheinland-Pfalz leiden wir schon viele Jahre, seit der letzten Wahl gar unter der Alleinherrschaft des dumpfen "König Kurt". Motto der SPD hier: "Wir machen´s einfach." (Betonung auf "machen"!)
Mein Vorschlag: weg mit Beck, mit oder ohne Umweg über eine Kanzlerkandidatur. Ich gehe davon aus, dass er dazu aber keine Hilfe braucht, sondern das dank seines Intellekts und seiner Bescheidenheit ganz alleine schafft - lasst ihn nur machen.
gsc777 (01.09.2008, 17:41 Uhr)
Macht doch endlich ernst
Das ganze Theater mit den Sozis und den Kommunisten ist doch albern.
Macht doch endlich ernst und das, was ihr schon lange vorhabt. Vereinigt Euch zu einer einzigen sozialistischen Einheitspartei. Die Ossis kennen das ja schon. Lafontaine als Vorsitzender und Beck aufs Altenteil. Alles andere ergibt sich von selbst.
SethusCalvisius (01.09.2008, 15:53 Uhr)
Agenda 2010
Es ist interessant, dass die wichtigste Aussage des Artikels, Beck stoße mit dem Hintern um, was Schröder aufgebaut habe (Agenda), in den Kommentaren gar nicht vorkommt. Wenn Clement mit seiner Aussage recht hat, ist das ja der erste postive Kommentar über Beck seit Wochen. Denn auch wenn die Neoliberalen diese Reform als Grund für den derzeitigen Aufschwung preisen, ist die Agenda doch der Hauptgrund für die derzeitige Politikverdrossenheit. Denn der entscheidende Fehler ist die Ungerechtigkeit, da durch die Reformen Menschen, die jahrelang gearbeitet haben und Beiträge zur Arbeitslosenversicherung(Versicherung!!) gezahlt haben, mit denen gleichgestellt werden, die nie gearbeitet haben. Wer dazu noch Geld für das Alter zurückgelegt hat, bekommt gar nichts, bis er die Rücklagen aufgebraucht hat und so arm ist, als wenn er nie etwas verdient hätte. Wie das mit der Losung "Leistung muss sich wieder lohnen" zusammenpassen soll, habe ich bis heute nicht verstanden.
@vegefranz
Auf die Reaktion der DDR-Fans können Sie lange warten, da wir keine DDR-Fans sind. (zumindest für mich kann ich das sagen) Die Mehrheit der Links-Wähler sind Sozialdemokraten, die durch den Rechtsruck ihrer Partei heimaltlos geworden sind. Wenn Sie den Unterschied zwischen SED und NSDAP nicht selber erkennen können, ist es auch zwecklos, ihn zu erklären. Übrigens haben die meisten NSDAP-Politiker auch im Nachkriegsdeutschland noch Karrieren gemacht (u.a. Bundeskanzler). Und die NPD als Nachfolgeorganistation gibt es auch immer noch.
vegefranz (01.09.2008, 15:35 Uhr)
@hermes
bist Du auch ganz sicher? Ich hab wirklich geglaubt, das sei von Otto Rehhagel (Nach dem 2: 2 gegen Waldhof Mannheim damals). Sei so gut und überprüf das noch mal. Danke
Berlin vertraulich!

Homo politicus Hans Peter Schütz notiert in seiner wöchentlichen Kolumne den manchmal keineswegs politisch korrekten Tratsch hinter den Kulissen des politischen Berlins für stern.de.

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