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3. März 2008, 07:45 Uhr

Die SPD rätselt über die Indiskretion

Die SPD beschäftigt die Frage, wer den Brandbrief des Hamburger Spitzenkandidaten Michael Naumann an Parteichef Kurt Beck an die Medien weitergereicht hat. Ähnlich gespalten wie die SPD im Umgang mit der Linken scheint die neue grüne Doppelspitze zu sein. Von Hans Peter Schütz

 

Wer hat seinen Brief an die Presse weitergegeben, fragt sich der Hamburger SPD-Spitzenkandidat Michael Naumann© Roland Magunia/DDP

Wer war's? Wer war der Genosse, für den es in der SPD sehr wohl die Bezeichnung "Schwein" gibt, der den wütenden Protestbrief des Hamburger SPD-Spitzenkandidaten Michael Naumann an SPD-Chef Kurt Beck den Medien durchgestochen hat? Naumann selbst leugnet jedwede Tatbeteiligung, wofür einiges spricht. Nicht ganz unwichtige Beweisstücke aus seiner Sicht: Wäre er es gewesen, so Naumann, dann hätte hinterher nicht in den Medien gestanden, dass es ein dreiseitiger Brief gewesen sei und auch nicht, dass er per Fax in die Berliner SPD-Zentrale übermittelt worden sei. Es waren vier Seiten, und es war kein Fax. "Ich habe den Brief persönlich in einen ganz normalen Briefumschlag gesteckt, ihn frankiert und ans Willy-Brandt-Haus geschickt", sagte er gegenüber stern.de. Auf dem ganz üblichen Postweg - das erleichtert die Spurensuche nach dem Indiskreten. Niemand kann also an den Brief gekommen sein, als der irgendwo aus dem Faxgerät ruckelte. Normale Post aber landet im persönlichen Büro des Vorsitzenden, wo sie auch geöffnet wird. Mit einer Ausnahme: Ist Beck nicht da, was der Fall war, kommt die Post bei SPD-Generalsekretär Hubertus Heil auf den Tisch. Ist es denkbar, dass sich Heil illoyal verhalten hat und zu jenen "vielen Feinden" Becks gehört, die Naumann in der SPD-Zentrale wittert? Sagen wir so: In der SPD in ihrer derzeitigen wirren Verfassung ist alles denkbar. Auch das Gegenteil.

*

Das hohe Lob stand in der Zeitung mit der höchsten Auflage unter der Überschrift "Vielseitige Anerkennung". Generalleutnant Karlheinz Viereck, Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr sei vom EU-Außenbeauftragten Xavier Solana mit der EU-Einsatzmedaille und dem Verdienstorden Lettlands ausgezeichnet worden. Beides in Anerkennung des erfolgreichen Bundeswehreinsatzes im Kongo im vergangenen Jahr. Was weniger mediale Aufmerksamkeit fand, war eine eher missbräuchliche Nutzung der Bundeswehr im Bereich des afghanischen Bundeswehr-Feldlagers Masar-i-Scharif. Viereck musste nämlich jetzt eine vierstellige Geldstrafe - angeblich 5000 Euro - aus disziplinarischen Gründen bezahlen, wie intern von der Bundeswehr bestätigt wird. Er soll seiner Lebensgefährtin, einer schwedischen Diplomatin, bei einem Besuch in Afghanistan, Bundeswehr-Transportgerät zur Verfügung gestellt haben. Das wurde von Soldaten in der Krisenregion mürrisch kritisiert, worauf es zu disziplinarischen Vorermittlungen kam, die jetzt mit der Geldbuße diskret beerdigt worden sind. Aber das Kopfschütteln über den General geht dennoch weiter, vor allem wegen seiner EU-Auszeichnung. Schließlich habe Viereck während des Kongo-Einsatzes die 2000 Mann starke EU-Truppe einmal verlassen, während in Kinshasa geschossen wurde, um seine schwedische Freundin zu besuchen. Den Einsatz, so rechtfertigte sich der General, habe er per Handy und Laptop jederzeit im Griff gehabt. Seither scherzen seine Soldaten derb über ihn: Er habe eigentlich die Nahkampf-Spange verdient.

*

Gespannt sehen die Grünen der Arbeit ihres neuen Führungsduos Renate Künast und Jürgen Trittin entgegen, die jetzt den Einzelkämpfer Joschka Fischer ersetzen sollen. Beide saßen zwar gemeinsam im rot-grünen Kabinett von Bundeskanzler Gerhard Schröder, doch waren sie sich fortwährend alles andere als grün. Die herzliche gegenseitige Abneigung hielt bis in diese Tage, als die beiden Wahlkampf in Hamburg machten. Als dort Trittin über die Kollegin beim Besteigen eines Schiffes witzelte "Pass bloß auf, Renate, dass du nicht ausrutschst!" würdigte sie ihn keines Wortes und Blickes und setzte sich wütend in größtmögliche Distanz zum Kollegen. Dass die Doppelspitze wider Willen zustande gekommen ist, hängt eng damit zusammen, dass die Grünen in Hamburg und Hessen vor strategischen Entscheidungen stehen, mit denen dann auch die Bundesspitze im nächsten Bundestagswahlkampf leben muss. Die Partei ist jedenfalls glücklich, dass das gegenseitige Belauern an der grünen Spitze erst einmal endet.

*

Ein grünes Problem ganz anderer Art musste jetzt die grüne Fraktionschefin im Berliner Abgeordnetenhaus bewältigen. Nach überaus hitziger Redeschlacht über die Zukunft des Uralt-Flughafens Tempelhof, den auch die Grünen schließen möchten, wollte sie zu einer Tagung nach Brüssel fliegen. "Zum Flughafen Tempelhof" befahl die Abgeordnete dem Taxifahrer noch ganz im Bann der Redeschlacht. Als der dort vorfuhr, fiel ihr ein, dass ihre Maschine vom Flughafen Tegel aus startete. Also in rasender Fahrt zurück. Ob die Ortsverwirrung nun für oder gegen Tempelhof spricht? Jedenfalls nicht für Tegel.

Hans Peter Schütz

Hans Peter Schütz Worüber redet das politische Berlin, wenn die Kameras ausgeschaltet sind? stern-Autor Hans Peter Schütz hört hin und notiert wöchentlich den neuesten Tratsch aus der Hauptstadt - exklusiv auf stern.de lesen Sie seine Kolumne "Berlin vertraulich!"

Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
Marsmann (04.03.2008, 10:30 Uhr)
der Brief? - charakterliche Selbstoffenbahrung
Ich finde es jedenfalls gut, dass man durch diese Indiskretion so tief in den Charakter von Herrn Naumann blicken kann. Vor dieser Sache kam er mir als Mensch eigentlich recht aufrecht vor. Und der Moment im Streitgespräch (Wo er nicht mehr wußte, was los war) kam mir menschlich vor; aber danach die Schuld für die Wahlniederlage auf Beck abwälzen zu wollen, - schäbig. Anstatt den Sieg der Linken Kräfte (50%+)zu feiern und sich auf das Bürgermeisteramt vorzubereiten, zieht er söwas ab. Keinesfalls mit den Linken kooperieren zu wollen, dafür gibt es doch genug aus Richtung CDU und FDP ....
Generalsekretaer (03.03.2008, 14:10 Uhr)
Viel spannender ist die andere Indiskretion!

Ich sehe es genauso: Wenn man die Motivfrage stellt, kann man eigentlich nur zum Ergebnis kommen, dass es Naumanns Umfeld war, denn die Leute in Becks Umfeld (auch Heil) sind doch jobmäßig davon abhängig, dass Beck nicht über irgendwas stürzt und wo ist dann das Motiv, Beck zu schädigen.
Viel interessanter ist doch: Wie kommt eigentlich der SPIEGEL an die Information der angeblichen "Putsch"-verabredung gegen Beck.
Nach Motivfrage haben auch da die "Putschisten" oder deren ganz unmittelbares Umfeld ein Interesse daran. Nicht nur wg. Illoyalitätsvorwurf oder fehlender innerparteilicher Machtbasis, sondern aus inhaltlichen Gründen: Warum sollte Steinmeier im kommenden Jahr gegen eine beliebte Kanzlerin in einer Situation ohne Wechselstimmung antreten? Er ist jetzt 52 J. und kann ganz gelassen abwarten, dass Beck die Wahl verliert - vermutlich wird es seine letzte Kanzlerkandidatur sein, da er bei der Bundestagswahl 2013 schon 64 ist. Und dann kann Steinmeier die Diskussion einfach auf sich zulaufen lassen. Warum also Putsch? Ich verstehe es einfach nicht. Woher soll diese Indiskretion kommen?
ScoutHH (03.03.2008, 10:44 Uhr)
Wer ist der Übeltäter?
Der scheinheilige Blick von Naumann auf dem obigen Photo besagt alles:
Klar, er hat den Brief in einem Umschag gesteckt - aber die Kopie für seine Unterlagen fiel ihm dann ZUFÄLLIG aus der Aktentasche, als er auf dem Nachhauseweg war, der ihn ZUFÄLLIG am Baumwall vorbeiführte (Hinweis für alle Nicht-Hamburger: Am Baumwall/Landungsbrücken hat der Stern seine Redaktion).
Was für ein Pech aber auch, wie peinlich, unverzeilich......(ha, ha, ha)
Berlin vertraulich!

Homo politicus Hans Peter Schütz notiert in seiner wöchentlichen Kolumne den manchmal keineswegs politisch korrekten Tratsch hinter den Kulissen des politischen Berlins für stern.de.

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