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10. November 2008, 10:13 Uhr

Ein Schwarzgeldjäger wird kaltgestellt

Eine "ganz normale Sache" oder doch eher eine Strafversetzung? CDU-Bundestagspräsident Norbert Lammert hat einen der besten Kontrolleure der Parteienfinanzierung, Johannes Becher, in den wissenschaftlichen Dienst versetzt. Zuletzt hatte dieser Spenden-Schwindeleien der FDP im Visier. Von Hans Peter Schütz

 

Für CDU-Bundestagspräsident Lammert war die Beförderung eine "ganz normale Sache"© Martin Meissner/AP

Die kleine Meldung im neuen "Spiegel" liest sich harmlos. CDU-Bundestagspräsident Norbert Lammert habe den beim Parlament beschäftigten Beamten Johannes Becher in die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags versetzt. Klingt fast wie Beförderung nach oben. Jedoch: Der Vorgang hat bei näherer Betrachtung den sehr strengen skandalösen Geruch einer politischen Racheaktion.

Denn Johannes Becher war seit mehr als 15 Jahren für die Kontrolle der Parteienfinanzierung zuständig. Mit Abstand ist er der fachkundigste beamtete Experte auf diesem Gebiet und stets sachkundig bei der Aufarbeitung der diversen Spenden- und Schwarzgeldskandale aktiv gewesen. Der CDU-Mann Becher war es, der die Schwarzgeld-Affäre der CDU abwickelte, bei der die Partei am Ende 21 Millionen Euro wieder in der Staatskasse abliefern musste.

War Lammert deshalb so gerne zur Beförderung bereit, die doch eine "ganz normale Sache" sei? Ganz normal ist da vieles nicht. Denn es kommt hinzu, dass FDP-Bundestagsvizepräsident Hermann Otto Solms erst vor kurzem gegen Becher einen Befangenheitsantrag gestellt hat, weil der unnachgiebig die erheblichen Spenden-Schwindeleien des verstorbenen FDP-Politikers Jürgen Möllemann aufzuklären versuchte. Den Liberalen drohen da zwölf Millionen Euro Strafgeld. Für befangen hätte sich da besser Solms selbst erklärt. Denn der ist auch FDP-Schatzmeister und hatte schon mehrfach peinliche Fragen Bechers beantworten müssen. Beim Antritt als FDP-Fraktionschef, der er von 1991 bis 1998 war, hatte Solms ein Geheimkonto mit mehr als einer Million D-Mark vorgefunden. Woher das Geld stammte, konnte oder wollte Solms nicht sagen. Sein Vorgänger Wolfgang Mischnick habe ihm gesagt, es handle sich um "private" Mittel ehemaliger FDP-Abgeordneter.

Woher das Geld wirklich stammte, konnte die FDP nicht belegen. Es hat Solms aber nicht gehindert, mit einem vorhandenen "Restbetrag" von 180.000 D-Mark klammheimlich eine zusätzliche Altersversorgung für Funktionsträger der FDP-Fraktion zu finanzieren, obwohl die als Pensionäre ohnehin eine satte Altersversorgung als Parlamentarier beziehen.

"Eine Schweinerei" schimpfte der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki über diese Aktion des Parteifreundes. Verwaltet hatte die "schwarze Kasse" ausgerechnet der damalige FDP-Fraktionsgeschäftsführer Manfred Eisenbach. Der wurde 2004 vom damaligen Fraktionschef Wolfgang Gerhardt gefeuert. Der Rauswurf allerdings hat FDP-Spitzenpolitiker nie daran gehindert, weiterhin engste Kontakte zu Eisenbach zu pflegen. Der Mann, der all die dubiosen Vorgänge penibel untersuchte, war Johannes Becher. Somit bleibt die Frage: Normal versetzt oder strafversetzt, befördert oder wegbefördert?

*
Hans Peter Schütz

Hans Peter Schütz Worüber redet das politische Berlin, wenn die Kameras ausgeschaltet sind? stern-Autor Hans Peter Schütz hört hin und notiert wöchentlich den neuesten Tratsch aus der Hauptstadt – exklusiv auf stern.de lesen Sie seine Kolumne "Berlin vertraulich!"

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KOMMENTARE (10 von 31)
 
pops (24.11.2008, 15:51 Uhr)
Ist doch bestimmt
eine rein rhetorische Frage, oder, @bruddy???
MisterBrezeldent (24.11.2008, 14:34 Uhr)
Jäger kaltgestellt?
... schmeckt das denn?
pitiplatsch (11.11.2008, 06:24 Uhr)
Wie schon gesagt
die Mafia ist gegen diese etablierten Politiker ein Christlicher Verein. Abzocken ausbeuten sich die Taschen füllen ist die Deviese gell lieeeeebe und Kriegsgaile Kanzlerin. Wir haben uns den Sauhaufen selber gewählt, also sind wir selber Schuld ?? Nö nö mit soviel krimineller Energie haben wir nicht gerechnet. Die nächsten Wahlen kommen, und dann haben wirs wieder in der Hand. Ganz Links oder ganz Rechts dazu zwingt uns die etablierte Mafia.
bruddy (10.11.2008, 16:55 Uhr)
Kriminelle Vereinigung
Sind unsere Volksverarscher in Wirklichkeit alle Mitglieder in kriminellen Vereinigungen?
crestflight (10.11.2008, 16:36 Uhr)
Wie obszön!
Ich glaube eher an die Unschuld einer Hure, als an die Rechtschaffenheit deutscher Politiker!
ritchie (10.11.2008, 16:28 Uhr)
Lammert war
bleibt und ist die Inkarnation des spießbürgerlichen, bisindieSteinzeitfinanziell abgesicheerten blutleeren Berufsabgeordneten. Ausgerechnet dieser Herr wollte sich schon vor Jahren um die Modernisierung der unglaublichen Pensionszusagen für Abgeordnete kümmern! - was DABEI rauskam braucht man nicht zu kommentieren. Von daher paßt diese neue Aktion genau zu diesem Abnicker, Verharmloser und NIxtuer.
erik23_de (10.11.2008, 16:19 Uhr)
Unrechtsstaat BRD - und der ganz normale Kriminelle im Bundestag
Lammert ist an sich eh schon kriminell - kann er doch nicht entscheiden, ob er lieber für die Stromwirtschaft oder als Reichstagspräsident arbeiten will. Er "spendet" seine aktuellen Strom-Bezüge, aber eigentlich muß man kein Hellseher sein, um zu wissen, daß das Profitieren anfängt, wenn er aus dem Amt scheidet.
Einer der Gründe für unsere überhöhten Strompreise...
Wen wundert's also?
Die Justiz bestraft das nicht, der Wähler hat kein Bewußtsein für so etwas, bleibt also nur Gott oder die RAF, um solches Geschmeiß zur Rechenschaft zu ziehen.
Ein solcher Typ an so einer Stelle ist wie ein Richter, der permanent Recht beugt, ist wie ein Polizist, der Kriminell ist, ist wie ein Priester, der schutzbefohlene Kinder mißrbruacht -- also die größte anzunehmende Obszönität, die größtmögliche Schurkerei. Es gibt keinen sittengetreuen Ausdruck, um so etwas angemessen zu würdigen.
Rechtsstaat???
Das war eine Illusion!!
Die Realität ist die permanente Rechtsbeugung. Noch ein Beispiel gewünscht?
Also: Ein Vorstand einer Aktengesellschaft kann wegen Fahrlässigkeit verklagt werden und haftet dann mit seinem gesamten Vermögen. Verklagen kann ihn aber nur ein Mitglied des Aufsichtsrates.
Zu illustration: Das ist, als dürfte einen Tresorknacker nur von einem Mitglied der eigenen Bande verklagt werden, oder ein kinderschändender Prister nur vom Papast, oder Erich Honnecker nur von Mielke. Und obwohl hier eine Krähe der anderen noch nie ein Auge ausgehackt hat, mein unsere Justizministerin, die Gesetze wären ausreichend.
Nun ist die vielleicht doch nicht so naiv (man weiß es nicht genau) - dann aber umso krimineller.
Weiterschlafen!!
bR4iNST0RM (10.11.2008, 16:17 Uhr)
@ Gisella
Warum unser Staat (und nicht nur unser) soweit abgerutscht ist, ist einfach zu erläutern: wenn die Politiker so sehr damit beschäftigt sind, Wahrheiten Tod zu schweigen, zu vertuschen, das Deckmäntelchen des Schweigens auszubreiten und oder Schadensbegrenzung der bereits öffentlich gewordenen „Geheimnisse“ zu betreiben, dann ist natürlich für den eigentlichen Politikzirkus nicht mehr viel Zeit über! Abgesehen davon, müssen sie auch noch ihre ganzen Vorstandsposten in der Wirtschaft „bekleiden“, um ihr schmales Politikergehalt ein klein wenig auf zu stocken! Wo soll da also noch Zeit zum „Regieren“ sein?!
knilch_59 (10.11.2008, 15:48 Uhr)
Erstmal die andere Seite hören
Endlich der nächste Skandal! Aufschrei, Blutsturz, …
.
Mir fehlt in der Meldung die Antwort auf die Frage, ob Herr Becher sich auf den neuen Job beworben hat, oder ob er gegen seinen Willen „mit neuen Aufgaben betraut“ wurde. Ey – Schütz, alte Skandalschleuder, was ist denn dazu zu melden?
.
Ich könnte sogar verstehen, dass ein Beamter nach 15 Jahren im Unrat rühren einfach davon die Schnauze voll hat. Sollte es aber so sein, dass hier einer gegen seinen Willen kalt gestellt wurde, dann sollte man noch viel lauter schreien und unser Berufsbeamtentum um Entschuldigung bitten – soo schlecht scheinen unsere Beamten dann doch nicht zu sein!
sedanon (10.11.2008, 15:24 Uhr)
Erinnert irgendwie
an die Verstrickungen der italienischen Politik mit der Mafia während der 70er-90er Jahre.
Noch sind wir nicht soweit, dass sich unliebsame Anwälte in einem Fundament eines Neubaus wiederfinden. Wenn man sich aber das halt- und sanktionslose Treiben der Politik und Wirtschaft anschaut, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis sich ein Politiker für sakrosankt hält und die "Interessen" seiner Clique durchsetzt.
Berlin vertraulich!

Homo politicus Hans Peter Schütz notiert in seiner wöchentlichen Kolumne den manchmal keineswegs politisch korrekten Tratsch hinter den Kulissen des politischen Berlins für stern.de.

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