28. Mai 2012, 17:00 Uhr

Härtetest beim Starkbieranstich

Beim traditionellen Starkbieranstich der bayrischen Landesvertretung in Berlin konnte niemand FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle das Wasser reichen. Ein gutes Omen für die Bundestagswahl? Von Hans Peter Schütz

 
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Ordentlicher Schluck: FDP-Mann Rainer Brüderle (2.v.l.) lässt der politischen Konkurrenz beim Starkbieranstich keine Chance©

Ein politischer Härtetest der besonderen Art, vor allem des Stehvermögens an sich, war diese Woche der traditionelle Starkbieranstich in der bayerischen Landesvertretung in Berlin. Bedenkt man, dass das Starkbier mit einem Alkoholgehalt von 9,5 Prozent einst gebraut worden ist, um das Überleben in der beginnenden Fastenzeit zu erleichtern, dann brauchen sich die Liberalen um ihr politisches Überleben nicht länger zu sorgen. Ihr Fraktionsvorsitzender Rainer Brüderle schaffte an diesem Abend die Vertreter anderer Parteien locker: die Berliner CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt, den CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder, den neuen CDU-Bundesumweltminister Peter Altmaier.

Als die ihre harte Arbeit am Maßkrug längst eingestellt haben, stemmt Brüderle seinen Maßkrug noch immer heiter und locker nach oben. Seine Botschaft dabei: "Wenn die Begleitung stimmt, nehme ich alles mit, was gut tut." Ob das wirklich der Fall war, darf bezweifelt werden. Altmaier gab beim Starkbier als Erster auf. Hasselfeldt hatte schon beim Anstich des Bierfasses "Ritterbock vom Kaltenberg" vier (!) Schläge gebraucht. Und die waren, wie hinterher gemunkelt wurde, typisch CSU – ziemlich schräg, sodass es in alle Richtungen spritzte, in Richtung der befreundeten politischen Prominenten an den Biertischen.

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Brüderles klarer Sieg am Zapfhahn kommt nicht überraschend. Er hat schließlich einen immensen Trainingsvorsprung als langjähriger rheinland-pfälzischer Landesminister für Weinbau. Er trank dabei nicht nur fleißig Reklame für die hochgeistigen Getränke seines Bundeslandes, sondern herzte auch jedwede Weinkönigin, die nicht schnell genug um die Ecke außerhalb der Reichweite seiner Arme entwischte. Aber sein Biersieg hat ihn grundsätzlich siegessicher gemacht. Er handelte nach seiner Devise "erst grübeln, dann dübeln", und dann dübelte er forsch los mit Blick auf die nächste Bundestagswahl: Die 9,5 Prozent werde man dann auch locker schaffen.

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Dass Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble die Kollegin Christine Lagarde, ehemals französische Amtskollegin und heute Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), unerhört schätzt, ist bekannt. Doch jetzt hat sie mit einer Rede aus Anlass der Verleihung des Karlspreises an Schäuble auf Zeit und Ewigkeit sein Herz gewonnen. Sie erzählte, wie pflichtbewusst und integer die Deutschen seien, und nannte als Musterbeispiel Schäubles Mutter. Die habe einmal nicht genug Geld bei sich gehabt, um die Parkuhr für ihr Auto komplett zu bezahlen. Daher sei sie am nächsten Tag noch einmal vorbeigekommen und habe die fehlenden 20 Pfennig nachbezahlt.

Schäubles Bruder Thomas sagt, damit sei ihre Mutter vorbildlich charakterisiert. Wolfgang Schäuble erzählt diese Anekdote selbst sehr gerne. Und noch lieber hört er sie von anderen Menschen. Als Lagarde sie erzählte, hatte er Tränen in den Augen.

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Thilo Sarrazin, der seine Bücher mit Zahlen und Tabellen voll stopft, um seine vermeintliche Wahrheitsliebe zu demonstrieren, nimmt es beim Marketing mit den Fakten nicht so genau. Als er vorvergangenen Sonntag im ARD-Talk bei Günther Jauch saß, sagte er über die Sarrazin-Titelgeschichte des stern: "Da hat jemand mit Bildern zwölf Seiten gefüllt, ohne dass er das Buch, über das er sich aufregt, kannte." Nun ja: Es waren elf Seiten, davon vier ganzseitige Fotos; Thema war nicht das neue Buch, sondern Sarrazins Brandstifterei, um den Buchabsatz zu maximieren.

Außerdem: Sarrazins Verlag DVA hat jeden Journalisten, der "Europa braucht den Euro nicht" vorab lesen wollte, eine Geheimhaltungserklärung unterschreiben lassen, was (leider) branchenüblich ist. Darin steht, dass der Unterzeichner den Inhalt des Buches nicht wiedergeben darf, solange es nicht offiziell veröffentlicht ist, was erst am Dienstag nach der Jauch-Sendung der Fall war. Bei Zuwiderhandlung wäre eine Vertragsstrafe von 50.000 Euro fällig geworden. Das 464-Seiten-Werk gelesen hatten die stern-Kollegen natürlich. Oder besser gesagt: sich durchgequält.

 
 
Berlin vertraulich!

Homo politicus Hans Peter Schütz notiert in seiner wöchentlichen Kolumne den manchmal keineswegs politisch korrekten Tratsch hinter den Kulissen des politischen Berlins für stern.de.

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