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12. Oktober 2009, 11:39 Uhr

Von schwarz-gelben Klamotten

Wie geht es bei den Koalitionsverhandlungen zwischen FDP, CDU und CSU zu? Es wird gesungen, und zwar auf Deutsch. Die Damen vergleichen amüsiert ihr Outfit. Doch von Harmonie zu sprechen, wäre übertrieben - das Elend der leeren Kassen überlagert alles. Von Hans Peter Schütz

 
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Schwierige Koalitionsgespräche: Angela Merkel, CDU, im Aktenstudium mit FDP-Chef Guido Westerwelle, daneben Dirk Niebel (2. von links) und Hermann Otto Solms© Michael Gottschalk/DDP

Mit Beginn dieser Woche dürften die bisherigen netten Tätscheleien der schwarz-gelben Ehe am Berliner Koalitionstisch ein Ende haben. Zwar sagte NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers Ende vergangener Woche noch stolz zu stern.de: "Wir eilen von Durchbruch zu Durchbruch!" Genauer wollte er sich aber leider nicht äußern. Weil er dann wohl hätte sagen müssen: "Von Stimmungsbruch zu Stimmungsbruch." Denn feststeht nach einem ehrlichen Kassensturz inzwischen, dass in der Finanzplanung bis 2013 rund 30 Milliarden Euro fehlen. Wie also die von FDP und CSU lautstark versprochenen Steuerentlastungen finanzieren? Die FDP drohte der zögernden Kanzlerin bereits indirekt mit dem Abbruch der Gespräche. Ein Irrtum sei es, zu glauben, "die FDP wolle die Koalition um jeden Preis." Doch mehr als ein höherer steuerlicher Kinderfreibetrag und Anhebung des Kindergelds dürfe nicht erwartet werden, warnen die Finanzpolitiker.

Einigkeit erzielen die Unterhändler bislang nur dann, wenn eine Reform nichts kostet. Das ist der Fall bei der Ankündigung, "Kultur" als Staatsziel im Grundgesetz zu verankern. Da macht sogar die SPD mit. Knallharte SPD-Opposition ist dagegen garantiert bei der Vereinbarung der Koalitionäre, den Satz "Die Sprache der Bundesrepublik ist Deutsch" ebenfalls in der Verfassung zu verankern. Die dafür notwendige Zweidrittelmehrheit erreicht die neue Koalition garantiert nicht. Die SPD sagt Nein.

Die Aufbruchstimmung, mit der die Gespräche begonnen worden sind, äußerte sich bislang nur an einem Punkt hörbar. Als die Koalitionäre gemeinsam für Familienministerin Ursula von der Leyen, die vergangene Woche 51 Jahre alt wurde, das Lied "Zum Geburtstag viel Glück" intonierte. "Happy Birthday" wurde nicht angestimmt, vermutlich wegen des Projektziels, dass Deutsch ins Grundgesetz gehöre.

*

Gute Stimmung meldete aus der Koalitionsrunde auch die Vize-CSU-Generalsekretärin Dorothee Bär, fast schwarzhaarig, aus dem Arbeitskreis "Familie, Integration, Kultur, Neue Medien". Sie sitzt dort zusammen mit der schwäbischen FDP-Abgeordneten Miriam Gruß, semmelblond, FDP-Sprecherin für Kinder- und Familienpolitik. Die beiden Damen verbindet die gemeinsame Zuneigung zu einem Modedesigner: Bär trug einen Blazer aus dessen Atelier, Gruß die dazu gehörende Hose mit exakt gleichem Muster. Bär erkannte in der modischen Übereinstimmung sowie der jeweiligen Haarfarbe gegenüber stern.de eine klaren politische Botschaft: "Wir sind uns in der schwarz-gelben Koalition jetzt schon fast identisch nahe."

*

Eine große Rolle spielt in den Koalitionsgesprächen die demografische Entwicklung, weil in wenigen Jahren mehr als die Hälfte der Deutschen 50 Jahre oder älter sein wird. Dann dürfte das Rentensystem erheblich wackeln. Alt-Außenminister Joschka Fischer hat dieses Problem für die politischen Aktivisten in Berlin jetzt mit einem guten Ratschlag bedient: "Die Rentensicherheit wird in den Betten entschieden und nicht mit Gesetzen." Wenn es so käme: Das wäre dann wirklich ein gesellschaftspolitischer Durchbruch. Fischer selbst hat diesbezüglich sein Pflichtsoll erfüllt: Mit seinen zwei Kindern, einer Tochter und einem Sohn, liegt er klar über dem deutschen Schnitt, der 1,37 Kinder pro Ehe beträgt. Allerdings "arbeitete" Fischer dafür in vier Ehen.

*

Abgeordneter werden ist schwer. Neuer Volksvertreter zu sein, gestaltet sich zuweilen chaotisch. Diese Erfahrung macht derzeit Memet Kilic, ein 1967 in der Türkei geborener deutscher Rechtsanwalt für türkisches und deutsches Recht, der für die Grünen in den Bundestag gewählt worden ist. Weil die SPD die rund 300 Zimmer, die sie abgeben muss, noch nicht geräumt hat, herrscht massive Raumnot. Kilic sitzt zwar bereits im Jakob-Kaiser-Haus, allerdings in einem Praktikantenzimmer, das er mit drei anderen Neulingen im Parlamentsbetrieb teilen muss. Er trägt es mit heiterer Gelassenheit. In einem Gespräch mit seinem parlamentarisch alt gedienten Parteifreund Hans-Christian Ströbele, scherzte der: "Der Memet muss eben erst mal ein politisches Praktikum abdienen, ehe er Abgeordneter sein kann."

*

Andere Sitzprobleme sind indes politisch ungleich gewichtiger. So muss einer der beiden SPD-Bundstagsvizepräsidenten runter von seinem Sessel, mit dem schicker Dienstwagen und großzügige Büros verbunden sind: Entweder Wolfgang Thierse oder Susanne Kastner. Die Sympathien der Genossen gelten eindeutig der bayerischen SPD-Politikerin, die vor allem vom eher rechten Fraktionsflügel des Seeheimer Kreises unterstützt wird. Thierse andererseits hat sich in der Fraktion durch selbstherrliche Amtsführung unbeliebt gemacht. Typisch für ihn sei doch, so die Kritiker, dass er sein Amt als Vizepräsident zum Versuch benutzt hat, um den überaus beliebten Wochenendmarkt am Berliner Kollwitzplatz zu verdrängen. Thierse wohnt dort und fühlte sich vom Lärm am Samstagmorgen belästigt.

Schmerzlich für die SPD ist noch ein weiterer Platzverlust. Künftig hat sie statt bisher fünf Sitzplätzen in der ersten Reihe des Bundestags nur noch drei. Das entspricht ihrem Schrumpfprozess bei der Abgeordnetenzahl - von 222 auf 146. Die CDU/CSU behält ihre sechs Plätze ganz vorn. Die FDP besetzt dort wie bisher zwei Stühle, Linkspartei und Grüne, bisher je ein Vorderplatz, bekommen jetzt zwei.

Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
olga1805 (12.10.2009, 17:21 Uhr)
Als den ossis das ganze . . . .

Theater zu fettig wurde, sie die Regierung zum Kotzen fanden, was haben die da gleich gemacht ? Ich komme nicht mehr darauf. Wäre hier ja auch nicht mehr möglich, Gründe erspare ich mir.
raptor-xl (12.10.2009, 15:21 Uhr)
@Johann58
ich erinnere an rot/grün. schröder wiedergewählt und zwei wochen später gibt er zu, dass die kassen total leer sind! wer das nicht vergessen hat, der weiß auch, dass schwarz/rot gute wirtschaftsjahre hatten, aber nichts zurückgelegt haben. alles was sie hatten, musste sofort unters volk. man wollte ja geliebt werden. also errechne ich: schulden von rot/grün übernommmen, nichts abbezahlt, neue schulden aber aufgenommen. dazu eine menge zinsen und zum schluss konjunkturpakete ohne ende, weil finanzkrise. demnach müsste der haushalt selbst ohne finanzkrise schlimm, ja sehr schlimm aussehen. aber mit finanzkrise ist er sicher katastrophal!!!
aber dennoch reden fast alle nur davon, was man reichen oder anderen noch abnehmen kann, damit man es verteilen könnte. _selbst wenn man den reichen was nimmt, so sicher nicht, weil es in hartzIV oder so gehört. sondern in den schuldenabbau. mehr wird künftig wohl kaum noch einer bekommen. eher weniger. das sollten die politker mal langsam allen erzählen. und aus dem dilemma kommt man nur, wenn steuern fliessen. und die kommen bekanntlich von den arbeitenden. also muss die balance wiederhergestellt werden. zwischen denen, die arbeiten und den anderen. leistung muss sich lohnen, leistung muss bezahlt werden. und zwar muss der unterschied so groß sein, dass nichtarbeitende alles versuchen, dass sie wieder zu den steuerzahlern gehören wollen! und genau dieser anreiz fehlt im moment völlig...
raptor-xl (12.10.2009, 15:15 Uhr)
@erichmonika
was können sie nicht? gehört der streit nicht dazu? ich bin froh, dass endlich mal gestritten wird, denn wir brauchen dringend eine kehrtwende in der finanzpolitik. und da ist es erfrischend, dass die fdp darauf besteht. und wenn das tränen, wut und ärger bringt. ganz gleich!!! der weg, so wie er von rot/grün und dann nur leicht geändert von schwarz/rot gegangen ist, brachte nur eins: mehr verschuldung. daher kann es so nicht weitergehen. denn das führt zu immer neuen schulden. __daher ist eine auseinandersetzung wichtig. schade ist nur, dass derzeit allein die fdp daran erinnert. alle anderen möchten weiter geld verteilen, was sie gar nicht haben...
Johann58 (12.10.2009, 14:27 Uhr)
Es gab ja doch schon vor der Wahl Stimmen
die eindeutig gesagt haben, dass es keine Steuersenkungen kann. Die leeren Kassen hat ja nun die CDU vorher gekannt. Statt die Wahrheit auf den Tisch zu legen hat man die Waehler vorab nach Strich und faden belogen und wird s[aetestens in 2 Wochen mit Steuererhoehungen ankommen. Angela wird die Mundwinkel noch ein Stueck nach unten haengen lassen und Opfer verlangen. Hurra Deutschland es geht endlich abwaerts!
erichmonika (12.10.2009, 12:46 Uhr)
Sie können es nicht!
Jetzt merken die Deutschen hoffentlich, welchen Mist sie da zusammen gewählt haben. Von wegen Liebesheirat! Das ist eine ganz schlimme Zwangsehe, die die der Große Koalition bei weitem übertrifft. Die haben wenigstens nicht behauptet, dass sie sich lieben. Jetzt müssen CDU und FDP heiraten, obwohl sie schon vor den Flitterwochen sich nicht über die Wohnungseinrichtung einigen können bzw. völlig andere Vorstellungen haben. Wobei die FDP wohl immer noch besoffen ist wegen der Heiratszusage der CDU und noch nicht gemerkt hat , das die Braut nur ein kümmerliches Mitgift einzubringen hat. Aber das war schon immer so, Liberale verstehen nichts von Geld.
susiwolf (12.10.2009, 12:25 Uhr)
eingebettete Sicherheiten ... Übungen.
Rentensicherheiten ... !
Mal abgesehen vom Stühle-rücken in Berlin - jetzt ab in die Betten: Joschka hat's vorgemacht: 0,63 % über dem Durchschnitt. Diese beiden Nachkömmlinge wird er -finanziell und fischerlich- gut durch's Leben bringen.
-
Nun, was die übrige Bundesrepublik angeht, sei die Frage erlaubt in
w-e-l--c-h-e-n Betten wird die Rente gesichert ... ? Aber bald ist die deutsche Sprache ja fest verankert. So gibt es jedenfalls keine Sprachschwierigkeiten.
-
Oder sollen nun die RentnerInnen wieder ran ? ... Zusätzlich zur Rente arbeiten:
Das läuft ja schon.
Oder habe ich wieder etwas mißverstanden ... ?
Üben, üben und nochmals üben ... nur dann kommen großartige Zeiten auf uns zu ... überdurchschnittlich und gesichert.
UR63 (12.10.2009, 12:25 Uhr)
Angela Merkel sozialdemokratisiert nun die FDP
steht in der FAZ!
Genau!
5 Parteien links!
Den sozialismus in seinen Lauf hält auch die FDP nicht auf!
Berlin vertraulich!

Homo politicus Hans Peter Schütz notiert in seiner wöchentlichen Kolumne den manchmal keineswegs politisch korrekten Tratsch hinter den Kulissen des politischen Berlins für stern.de.

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