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20. Juni 2011, 12:26 Uhr

Wehe dem, der Böses dabei denkt

Exakt am gleichen Termin, für den das Sommerfest der SPD angesetzt ist, wartet die Friedrich-Ebert-Stiftung mit einem Alternativ-Event auf: der Buchvorstellung von Peer Steinbrücks "Unterm Strich". Böse Absicht? Nein, Partystress, sagt die Ebert-Stiftung. Von Hans Peter Schütz

 
Steinmeier, SPD, Schäuble

Am 5. Juli müssen sich die Genossen entscheiden: Sommerfest oder Buchvorstellung, Steinmeier oder Steinbrück?© Tobias Schwarz/Reuters

Die Terminlage fordert zu politischen Spekulationen förmlich heraus: Am 5. Juli bittet SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier zum alljährichen Sommerfest der Fraktion, einer Party, die fast schon zur Präsenz verpflichtet. Ausgerechnet. Denn am 5. Juli lädt auch die SPD-eigene Friedrich-Ebert-Stiftung zur Vorstellung des von ihr preisgekrönten Buchs "Unterm Strich" von Peer Steinbrück ein. Die Festrede hält kein Geringerer als CDU-Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der Amtsnachfolger Steinbrücks.

Gab es keinen besseren Termin? Ist die Gleichzeitigkeit eine kleine Bosheit des denkbaren SPD-Kanzlerkandidaten Steinmeier gegen den potenziellen SPD-Kanzlerkandiaten Steinbrück? "Absolut nein," sagt die Ebert-Stiftung. Es habe einfach keinen anderen Termin mehr im Berliner Sommerparty-Stress mehr gegeben. Es handle sich schlichtweg um eine "reine Koinzidenz", erklärt Tobias Mörschel, bei der Stiftung zuständig für die Ehrung des Preisträgers. Das heißt: Es ist ein zufälliges zeitliches Zusammentreffen zweier Ereignisse ohne kausalen Zusammenhang.

Na ja. Hätte man nicht allen Berliner Genossen und Journalisten ermöglichen müssen, dabei zu sein, wenn CDU-Schäuble seinen SPD-Amtsvorgänger würdigt? Oder fürchtete man zu viel Lobgesang auf Steinbrück und dessen Buch? Den Preis hat er immerhin laut Jury für "die herausragende Qualität" bekommen, "in dem er klar und präzise die Herausforderungen der gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Situation beschreibt". Steinbrück formuliere Perspektiven als Alternativen zu den Problemlagen und scheue sich auch nicht, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Mehr noch: Steinbrück wird als "handelnder Staatsmann" beschrieben, der gegen die Schwächen der gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Situation Alternativen entwickelt habe und für ein neues Gleichgewicht von Ökonomie, Ökologie und sozialer Gerechtigkeit plädiert hätte.

Sucht denn die von Mitgliederflucht geplagte SPD derzeit nicht gerade einen Kanzlerkandidaten für 2013, der das programmatisch mitbringt? Steinmeier und Sigmar Gabriel, die als Kanzlerkandidaten auch im Gespräch sind, wird dergleichen nicht nachgesagt. Und ist es für die SPD nicht eine faszinierende Perspektive, dass dieser Steinbrück, der nur selten öffentlich auftritt, so populär bei den Wählern ist, dass sie ihn im Politbarometer als neue Nummer eins auf der Liste der wichtigsten Politiker gewählt haben? Einen, der offenbar auch bei den Grünen ankommt, was man von Gabriel und Steinmeier nicht behaupten kann.

Man darf gespannt sei, wie Schäuble mit den Lobgesängen der Ebert-Stiftung umgeht. Steinbrück nicht zu loben, ist ein Risiko. Diese Erfahrung machte der stern-Wirtschaftsexperte Andreas Hoffmann. Er würdigte das Buch "Unterm Strich" als "Helmut Schmidt für Anfänger". Steinbrück habe immerhin - im Gegensatz zu Schäuble - "bestes Politkino" geliefert. Heute sei die Sehnsucht der SPD, auch bei der SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, nach dem "alten Pöbel-Peer" aber größer denn je. Doch leider bewege sich Steinbrück, so Hoffmann, vorwiegend als Methaphern-Samurai durch die Welt. Staatspolitisch habe er weniger überzeugt. "Steinbrück konnte nur Nashorn" - bekanntlich sein Lieblingstier, das sogar sein Amtszimmer schmückte, "und über die Leute herstürmen." Je länger man in Steinbrücks Buch lese, desto geringer werde die Sehnsucht nach diesem Möchtegern-Nachfolger von Helmut Schmidt, der nach seiner Amtszeit bis 2009 immerhin einen Schuldenrekord hinterlassen habe.

Hoffmann war etwas mutiger als die Ebert-Stiftung. Er schickte seine Kritik mit dem Wunsch auch an Steinbrück: "Viel Spaß beim Lesen."

*

Weil in diesen Tagen so viel von Hannelore Kohl und ihrem Selbstmord in tiefer Depression über Helmut Kohls Parteispenden-Affäre die Rede ist, muss darauf aufmerksam gemacht werden, wie fröhlich sie auch sein konnte. Daran erinnern sich die Pressefotografen bis heute gerne. Als der Fotograf Schirnhofer sie einmal fotografierte, sagte sie plötzlich in Richtung seiner Kamera: "Du Schweinhund!" Als der nervös und verunsichert zusammenzuckte, schob sie schnell nach: "Man hat mir gesagt, dass der Mund auf Fotos besonders schön aussieht, wenn man Schweinehund sagt." Und wenn man "Frau Bundeskanzler" zu ihr sag-te, gab sie zurück: "Ich bin nicht Bundeskanzler!"

Von Hans Peter Schütz
 
 
Berlin vertraulich!

Homo politicus Hans Peter Schütz notiert in seiner wöchentlichen Kolumne den manchmal keineswegs politisch korrekten Tratsch hinter den Kulissen des politischen Berlins für stern.de.

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