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24. März 2009, 16:17 Uhr

Köhler faltet Liberale klein

Da schau' her: In den letzten Wochen seiner Amtszeit läuft Bundespräsident Horst Köhler noch mal zu großer Form auf. Seine Berliner Rede zur Finanzkrise war souverän - und zugleich eine Ohrfeige für FDP-Chef Guido Westerwelle. Der tat in einer Presseerklärung so, als sei nix gewesen. Eine Analyse von Lutz Kinkel

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"Gebrochene Räder": Bundespräsident Horst Köhler bei seiner Berliner Rede© Wolfgang Kumm/DPA

Bundespräsident Horst Köhler ging nicht mit den besten Vornoten ins Rennen. Drei "Berliner Reden" hat er während seiner Amtszeit gehalten, drei Mal kassierte er harsche Kritik. "Lauwarmes Gesprudel" war noch eine der freundlicheren Formulierungen, die ihm hinterher gerufen wurden. Es schien, als ob der Bundespräsident just das nicht beherrsche, wofür er eigentlich bezahlt wird: In Reden politische Linien aufzeigen, die über den Tag hinausreichen.

Diesmal war alles anders. Schon die Wahl des Vortragsortes war clever: Köhler sprach über die Finanz- und Wirtschaftskrise in der noch nicht fertig restaurierten Elisabeth-Kirche im Berliner Bezirk Mitte. Gebaut hatte sie Karl Friedrich Schinkel, ein Meister des Klassizismus, der bis heute eine Ikone der Konservativen ist. Im zweiten Weltkrieg wurde die Kirche zerstört, in der DDR verfiel sie weiter, jetzt wird sie mit privaten Spendengeldern wieder aufgebaut. Was kommt an einem solchen Ort nicht alles zusammen: Tradition, Glaube, Bürgersinn - und die Perspektive auf ein erneuertes Haus. Ein perfektes Symbol.

"Regeln" und "Ordnung"

"Ich will eine Geschichte meines Scheiterns berichten", setzte Köhler an. Das war wohltuend, denn er machte damit gleich zu Beginn klar, dass er - der Finanzwissenschaftler und ehemalige Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) - nicht frei von Schuld ist. Es sei ihm nicht gelungen, eine bessere Kontrolle der Finanzmärkte durchzusetzen. "Jetzt sind die großen Räder gebrochen", sagte Köhler, "und wir erleben eine Krise, deren Ausgang das 21. Jahrhundert prägen kann."

Dann rechnete Köhler 40 Minuten lang mit dem Laissez-faire-Kapitalismus ab, geißelte das Versagen des Staates und das Versagen des Marktes, forderte eine "angemessene Selbstkritik" der Banker und das Primat der Politik. Köhlers meistgebrauchte Wörter waren "Regeln" und "Ordnung". FDP-Chef Guido Westerwelle, der in der ersten Reihe der Zuhörer saß, müssen die Ohren gedröhnt haben. Zumal ihm Köhler auch noch - indirekt natürlich - die Schnapsidee vorgezogener Bundestagswahlen vorwarf. Es sei jetzt nicht die Zeit für Schaukämpfe, sagte Köhler, die Regierung könne sich auch nicht aus der Verantwortung ziehen. Was so viel bedeutete wie: Reißt Euch zusammen in der Großen Koalition. Und Du, Guido, halt die Luft an.

Die Rede als Wahlkampf-Tool

Westerwelle, der mit dafür gesorgt hatte, dass Köhler überhaupt Bundespräsident werden konnte, versuchte die nur mäßig verklausulierte Kritik an seinen Positionen sogleich abzufangen. Kaum hatte der Bundespräsident geendet, ließ er in der Parteizentrale eine Pressemitteilung aufsetzen. Darin begrüßt er Köhlers Worte: "Das nachdrückliche Plädoyer für die soziale Marktwirtschaft, die auf Freiheit und Verantwortung setzt, ist der richtige Kompass für die deutsche Politik." Würde der FDP-Chef dies ernst meinen, wäre es die Kapitulationserklärung eines Marktradikalen. Denn diese Berliner Rede mag vielen gefallen. Angela Merkel zum Beispiel. Frank-Walter Steinmeier. Auch einem Joschka Fischer. Aber nie Guido Westerwelle.

Das hat auch etwas mit der Wahl des Bundespräsidenten Ende Mai zu tun. Köhler kann sich der Stimmen der FDP sicher sein, um sie muss er nicht werben. Aber um die anderen, um die Stimmen der Sozialdemokraten und der Grünen. Wohl auch deshalb sprach er in seiner Rede viel vom Klimawandel, von Naturschutz und Umweltwirtschaft. Er hoffe, dass das Null-Emmissions-Auto bald komme, sagte Köhler, es sei Zeit für eine "ökologische industrielle Revolution". Das klang verdächtig nach dem "grünen New Deal", den die Grünen in ihr Parteiprogramm geschrieben haben. Ein Schelm, wer Wahltaktik hinter dieser Redepassage vermutet. Köhlers Lager würden wohl eher von "Überparteilichkeit" sprechen.

Ein Problem für Gesine Schwan

Doch selbst diese Schlenker eingerechnet: Köhler hat eine herausragende Rede zur Finanz- und Wirtschaftskrise gehalten. Seine Vornoten für den heutigen Tag mögen nicht die besten gewesen sein. Seine Vornoten für die Wahl haben sich mit dem heutigen Tag deutlich verbessert. Für Gesine Schwan, die Kandidatin der SPD, wird es nicht leichter.

Eine Analyse von Lutz Kinkel
 
 
KOMMENTARE (10 von 33)
 
jetrabbit (25.03.2009, 17:50 Uhr)
köhler der ex IWF ler....
ja, einst ein top spieler der IWF, die firma, die massgeblich am raub der dritten welt schuld ist... merkwürdig, darüber schweigt er ...lächelnd natürlich.
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nee, dumme sprüche kenne ich. obama, merkel und alle NWO hörigen hört man täglich predigen.
Westerle.Merkwelle (25.03.2009, 14:55 Uhr)
Die Wandlung des H.K vom IWF Direktor zum Bundespräsidenten

Die Wandlung des Herrn Köhler vom Geschäftsführenden Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) zum Bundespräsidenten, der sich angesichts der katastrophalen weltwirtschaftlichen Lage zum Ruf nach einem starken Staat genötigt sieht, ist überaus erstaunlich.
Gerade der IWF hat doch durch seine massive Einflussnahme auf die Volkswirtschaften der unzähligen Schuldnerländer zu deren Niedergang bzw. Ausverkauf an ausländische Konzerne beigetragen. Die Grundlage der skandalösen IWF Politik waren die absurden, neoliberalen Heilslehren und hier vor allem der künstlich geschwächte Staat, der bewusst keinen Einfluss auf Geld- und Wirtschaftsströme nehmen soll.
Köhler wäre glaubhafter, wenn er zuvor gesagt hätte, dass er sich in früheren Jahren geirrt hat und dass die Politik des IWF eine Katastrophe für die meisten Völker war und ist.
Erek (25.03.2009, 13:52 Uhr)
Seltsame Rede - Thema verfehlt
Mag sein, dass BP Köhler vieles sagte, was richtig ist. Dennoch: Die entscheidenden Punkte fehlten.
Bei dem MEGA-Schaden der Finanz- und Wirtschaftskatastrophe für Volk und Staat ist es mit "angemssene Selbstkritik der Verantwortlichen" nicht getan. Ich verlange in Deutschland: Feststellung der Schuldigen und exemplarische harte Bestrafung!
Dann "wir haben uns eingeredet, permanentes Wirtschaftswachstum..."
Wer hat denn den Aufbau Ost mit vermurkst, die Konstruktion des EURO fehlerhaft und IWF- Versagen angesprochen ( Selbstkritik)? War nicht Köhler die rechte Hand des Herrn Waigel?
Predigte nicht auch Köhler seit über 2 Jahrzehnten den neoliberalen Scheiß? Was hat denn die Deregulierung gebracht? Bis hin zur Privatisierung der Knäste in Hessen?
Ist es nicht die Partei des Herrn Köhler?
Und wenn ich lese "Sparsamkeit soll ein Ausdruck von Anstand werden". Mit Hungerlöhnen, Hartz IV-Minigeldern und Mini-Renten kann man nicht wesentlich "sparen". Es ist eine Verhöhnung großer Teile unseres Volkes, wenn Abzocker in Staatsdiensten ( 20.000 Euro Monatsgehalt) gar nicht wissen, nicht wissen wollen, in abgehobener und arroganter Weise philosophische Sprüche absondern, die weltfremd und eine unsoziale, menschenfeindliche Einstellung erkennen lassen.
Köhler ist und bleibt nur eine mittelmäßige Protektions- u. Gallionsfigur. Übrigens war die irreführende und irrige Äußerung der Kanzlerin in diesem Punkt durchaus aufschlußreich. Man weiss nun, was man im Kern der Macht von Herrn Köhler wirklich hält. Insoweit danke ich Frau Dr. merkel für diesen lichten, weil ehrlichen Moment.Man durfte mal für 3-4 Sekunden hinter die Kulisse blicken. Auch was wert.
Ich gebe zu, dass Köhler den Mut besass, in etwa 2, 3 oder 4 Fällen seine Unterschrift zu verweigern. Dies verdient Lob. Uneingeschränkt. Hätte mir bei Heuss gewünscht, dass er bei manchem ehem. Drecks-Nazi die Beamtenurkunde nicht abgezeichnet hätte. Dennoch ist Köhler in der Gesamtsicht kein Präsident des Volkes, sondern allenfalls derer, die sowieso seit Generationen Petersilie auf allen Suppen sind. Somit von Schichten und Milieus, die an zwei Kriegen, Zwei Inflationen, vielen Millionen Toten entscheidend mitschuldig waren und sind.
Wanderflke (25.03.2009, 10:14 Uhr)
Wolfgang Lieb zu Köhler
Auf Nachdenkseiten.de gibt es heute einen umfangreichen und fundierten Artikel zur Köhler-Rede.
Zitat Wolfgang Lieb:
"Ich gehöre zu denjenigen, die viele seiner Reden gründlich studiert und auch kritisiert haben. Auf den NachDenkSeiten finden Sie zahlreiche Beispiele dafür. Ich habe bis nach dem offenkundigen Ausbruch der Finanzkrise - also bis zum Herbst 2008 - in keiner seiner Reden etwas von diesen Sorgen lesen können, geschweige denn, dass ich von ihm auch nur ein Sterbenswörtchen über das Risiko einer Finanzkrise gehört hätte.
Köhler propagierte in allen seinen öffentlichen Auftritten das schiere Gegenteil."
Es gibt Alternativen zu Merkels Kampfpresse, man muss sie aber auch nutzen!
nightmare_online (25.03.2009, 10:06 Uhr)
@bundesboy
Der Bundesbürger soll also nochmal die Partei wählen, die - zusammen mit den Grünen - den Sozialstaat so geschliffen hat, wie niemand vorher in diesem Land und nirgendwo auf diesem Planeten in diesem Jahrtausend?
Die Partei, die den Kündigungsschutz in diesem Land zu einer freiwilligen Vorleistung der Arbeitgeber gemacht hat?
Die Partei, die dafür gesorgt hat des es kein anderes Industrieland auf diesem Planeten gibt, in dem der Zugang zu Bildung so sehr von Pappis Geldbeutel abhängt wie in D?
Die Partei, die genau dann den Mindestlohn entdeckt, wenn für jeden offensichtlich ist, das er nicht durchzusetzen ist?
Wissen Sie, auf Basis der Erfahrung mit der Politik der sPD in den letzten 10 Jahren würde ich sagen: "Geköpftes Kind scheut das Fallbeil.", und gönne der sPD aus vollem Herzen 18%
sedanon (25.03.2009, 10:04 Uhr)
@bundesboy
Guten Morgen !
Offenbar haben Sie seit 1998 selig geschlummert.
Falls es ihnen daher entgangen sein sollte : Die SPD regiert schon seit 10 Jahren. Oder besser - sie schleift die Bundesrepublik seit 10 Jahren.
Und seit diesen 10 Jahren fährt sie einen, nie dagewesenen, neoliberalen-marktradikalen Kurs, für den man Kohl medial durch die Straßen geprügelt hätte. Und zwar zu recht.
JanvanHelsing (25.03.2009, 09:17 Uhr)
Aber 16 Jahre Kohl

waren gut für D-land??
--
Wenn CDU Politiker nach Amiland fliegen wg. OPEL ist das kein Wahlkampfgetöse???
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Wer hat denn den Rententopf leergefördert mit sinnfreien Projekten im Osten???
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Wer hat denn den Solizuschlag eingeführt, weil das Geld aus der Rentenkasse nicht gereicht hat ???
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Schon vergessen???
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Es war die Koalition aus CDU/CSU und FDP.
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na noch Alternativen zum wählen ???
Wanderflke (25.03.2009, 00:33 Uhr)
@ bundesboy
...und vergessen, dass es Schröder und seine Gang waren, die die Heuschrecken ins Land geholt und gefüttert haben, die die Agenda 2010 verbrochen haben! SPD? Nein Danke!
bundesboy (25.03.2009, 00:24 Uhr)
Wer soziale Marktwirtschaft will, muss SPD wählen
Köhler hat deutlich gemacht, dass die FDP nur deshalb so stark ist, weil alle Zyniker zu dieser Partei geflüchtet sind und um nichts in der Welt vom Marktradikalismus ablassen wollen. Wer aber soziale Marktwirtschaft will, der muss SPD wählen, denn sonst wirds finster.
Wanderflke (25.03.2009, 00:14 Uhr)
Ergänzung
Ergänzung zu meinem vorherigen Beitrag:
Vielleicht soll diese Rede ja auch genau das Gegenteil vom dem bezwecken, was Lutz Kinkel in sie hinein interpretiert, nämlich die FDP auf dem hohen Niveau der derzeitigen Umfragen stabilisieren. Ein CDU-Bundespräsident, der plötzlich den Spekulantenschreck gibt, was kann Westerwelle besseres passieren?! Da mutiert er doch zur alleinigen Heilsfigur der Profiteure der neoliberalen Umgestaltung der Gesellschaft und der Wirtschaftkrise! Die Arbeiterführer der CDU können derweil bei der potentiellen SPD-Wählerschaft stimmen sammeln, in der Summe mag das ein Erfolg versprechendes Konzept sein. Und nach der Wahl...
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