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"Was tut ihr unseren Kindern an?"

Von der Grundschule bis zur Uni - das deutsche Bildungssystem verändert sich rasant. Die Richtung stimmt - aber zu viele Schüler bleiben auf der Strecke. Sie sind dem Druck und dem neuen Tempo nicht gewachsen. Viele Eltern sind verzweifelt. Experten fordern die Ganztagsschule für alle.

Von Catrin Boldebuck

  • Catrin Boldebuck
    Catrin Boldebuck

Die ganze Woche freut sich Imke auf den Donnerstag. "Dann habe ich in der Schule nur Nebenfächer, und am Nachmittag gehe ich zum Video- Clip-Dancing." Zusammen mit 15 anderen Mädchen übt Imke zu HipHop- Musik Drehungen und Schrittfolgen. Sie genießt diese eine Stunde in der Tanzschule - es ist ihre einzige echte Freizeit während der ganzen Woche. Imke ist zwölf Jahre alt. Täglich hat sie sieben Schulstunden. "In der letzten kann ich mich kaum noch konzentrieren", sagt sie. Um 14.20 Uhr ist die Schule aus, bis Imke zu Hause ankommt, ist es Viertel nach drei. Ihre Mutter wartet schon mit dem Essen auf sie. Dann muss sie Hausaufgaben machen: Vokabeln lernen, Mathe- Aufgaben lösen, Referate vorbereiten. 35 Schulstunden pro Woche, dazu täglich ein bis zwei Stunden Hausaufgaben, Mittwoch und Samstag geht Imke noch zur Französischnachhilfe, so kommt sie auf eine 48-Stunden-Woche. Ein normaler Arbeitnehmer in Deutschland ist nach 40 Stunden fertig. Imkes Vater, Arno Rapp, ist der Meinung: "Für Kinder in der Pubertät ist das eindeutig zu viel."

Hunderttausenden Kindern in Deutschland geht es so. Tag für Tag wird ihnen zu viel zugemutet. Sie sollen in kürzerer Zeit mehr lernen als die Generationen vor ihnen. Der Erziehungswissenschaftler Klaus- Jürgen Tillmann sagt: "Nach Pisa wollte sich kein Kultusminister sagen lassen, er fordere nicht mehr Leistung, deshalb wurde der Stoff in den Schulen standardisiert und beschleunigt. Viele Kinder werden dadurch überfordert."

Das dreizehnte Schuljahr wird gestrichen, der Lehrstoff bleibt gleich

Unter den Bundesländern ist ein Wettstreit ausgebrochen: Wer zieht am schnellsten Bildungsreformen durch? Berlin hat die Schulpflicht für Kinder ab fünfeinhalb eingeführt, Nordrhein-Westfalen und Bayern schulen schrittweise früher ein. Die meisten alten Länder lockern die Stichtagsregelung. Fast jedes zehnte Kind geht bereits mit fünf in die Grundschule. Alle Bundesländer, von Bayern bis Schleswig-Holstein, streichen das dreizehnte Schuljahr, verkürzen also die Zeit am Gymnasium von neun auf acht Jahre. Schulexperten sprechen deshalb von der "G8-Reform".

Die Zeit wird gestrichen, aber der Stoff bleibt derselbe, die Lehrpläne wurden nicht entrümpelt. Laut Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) muss ein Schüler bis zum Abitur 265 Jahreswochenstunden haben. Die Kultusministerien verteilen das gestrichene Jahr auf die Unter- und Mittelstufe, auf die Klassen fünf bis zehn. Der Stoff wird verdichtet, immer mehr Stunden werden in die Stundenpläne der Kinder hineingepresst. Daher sitzt Imke aus Köln länger in der Schule als ihr großer Bruder Malte, der für sein Abitur noch neun Jahre Zeit hat. Malte ist 18 und hat in der zwölften Klasse 31 Schulstunden pro Woche, Imke in der siebten 35.

Diese Beschleunigung dient einem Ziel: Mit hohem Tempo sollen die Schüler fit gemacht werden für den Arbeitsmarkt, auf dem qualifizierte Kräfte dringend gebraucht werden. Da zählt jedes Jahr. Deshalb sollen sie früher und schneller lernen. Mehr als bisher sollen Abitur machen und anschließend ihr Studium zügiger durchziehen. Der Druck wächst.

Reformchaos: gut gemeint - schlecht gemacht

Für manche Schüler geht der Stress viel zu früh los. Als Lukas fünf Jahre alt war, hatte er keine Lust mehr, im Kindergarten Mandalas zu malen, er beobachtete lieber Urzeitkrebse und Frösche, löcherte seine Eltern mit Fragen. Die beschlossen: „Wir schicken Lukas in die Schule.“ Schließlich sagen renommierte Hirnforscher, dass man gar nicht früh genug damit anfangen kann, Kindern Wissen zu vermitteln. Inzwischen ist Lukas elf Jahre alt, und seine Eltern bereuen ihre Entscheidung. Lukas lernte zwar schnell lesen und schreiben, aber er vergaß regelmäßig seine Hefte, trödelte bei den Hausaufgaben, konnte nicht so gut Fußball spielen wie die Jungen aus seiner Klasse. "Die anderen waren weiter als ich, das war ein blödes Gefühl", sagt Lukas. Er wiederholte die vierte Klasse.

Die Einschulung mit fünf ist ein typisches Beispiel dafür, wie in Deutschland Bildungsreformen hingepfuscht werden - gut gemeint, aber schlecht gemacht: Richtig ist, dass schon Vier- bis Fünfjährige lernen können und wollen. Falsch ist, sie einfach in den Unterricht für Sechs- bis Siebenjährige zu stecken. Der kleine Lukas war bereit für die Schule - aber die Schule nicht für ihn. Die Lehrer richten ihren Unterricht an ältere, reifere Kinder. Fünfjährige können sich aber noch nicht so lange konzentrieren, sie brauchen Nischen und Pausen wie im Kindergarten.

Inzwischen hat man in vielen Grundschulen dazugelernt. Laut der neuen Iglu- Studie, der Internationalen Grundschul- Lese-Untersuchung, die in dieser Woche veröffentlicht wurde, liegen sie im internationalen Vergleich jetzt sogar im ersten Viertel. Der Schock, den die Pisa-Untersuchungen ausgelöst haben, wirkt heilsam. Die Grundschullehrer machen verstärkt individuellen Unterricht. Sie kümmern sich um jedes Kind.

Veränderungen zum Besseren sind machbar. Auch in Deutschland. Doch die Regel ist das leider nicht. Frühe Einschulung, Verkürzung der Schulzeit - das sind nur zwei Beispiele dafür, wie der falsch verstandene Reformwettstreit Kindern und Eltern schaden kann. Statt gründlich zu planen, werden sinnvolle Neuerungen überhastet umgesetzt. In den sechs Jahren seit dem ersten Pisa-Schock ist im Bildungssystem mehr passiert als in den 30 Jahren zuvor. Dabei macht jedes Bundesland seine eigenen Reformen, denn Bildung ist Sache der Länder. Durch die Föderalismusreform gibt es 16 unterschiedliche Lehrpläne, noch nicht mal das Schulsystem ist bundesweit einheitlich. Zum Beispiel schaffen Schleswig-Holstein und Hamburg gerade das dreigliedrige Schulsystem Hauptschule, Realschule und Gymnasium ab und stellen auf ein zweigliedriges um. Ein Umzug von einem Bundesland ins andere wird für Familien von schulpflichtigen Kindern so zum Risiko.

Eltern können sich über die Schulen nicht durch Rankings informieren

Viele Eltern wünschen sich eine Schulpolitik aus einem Guss, von Bayern bis Schleswig-Holstein. Stattdessen knirscht es allerorten - vom Kindergarten bis zum Abi:
> In den Kitas sollen schon Drei- bis Sechsjährige Zahlen und Englisch lernen. Dafür haben viele Bundesländer extra Bildungsstandards entwickelt. Doch die meisten Erzieherinnen sind gar nicht dafür ausgebildet.
> Haupt- und Realschulen werden in Schleswig-Holstein zu sogenannten Regionalschulen zusammengefasst. Hamburg plant eine ähnliche Reform. Bayern dagegen baut seine Hauptschulen weiter aus.
> Ein Zentralabitur forderten die CDU-regierten Länder im Sommer. Doch die Bundesländer konnten sich weder auf einen gemeinsamen Prüfungstermin noch auf gemeinsame Standards einigen.
> In vielen Bundesländern werden die Schulen inspiziert. Die Ergebnisse liegen in den Schubladen von Beamten. Eltern haben keine Möglichkeiten, sich über die Schulen vor Ort durch Rankings zu informieren.
> Bildungsstandards sollen sicherstellen, dass alle Schüler bundesweit bis zum Ende der Klassen vier (Grundschule), neun (Hauptschule) und zehn (Realschule) das Gleiche lernen. Aber bisher gelten die Standards nur für ein paar Fächer, und es wird nicht überprüft, ob sie auch eingehalten werden.

Viele Eltern haben den Überblick und das Vertrauen verloren. Ihr größter Wunsch ist, dass aus ihren Kindern etwas wird. Am liebsten auf dem Gymnasium. Gleichzeitig wächst ihre Sorge, weil sie spüren: Leistungsdruck und Stress in der Schule nehmen zu. Die Kinder müssen funktionieren wie Erwachsene, sie werden bis zur letzten Minute verplant. Wie sie Zehn-Stunden-Tage überstehen sollen, wann sie in Ruhe essen können, darüber hat vor der G8-Reform kaum einer nachgedacht. Statt erst die Schulen auszubauen und dann die Zeit bis zum Abi zu verkürzen, bauen die Schulen jetzt erst Kantinen. Wenn Maximilian* Dienstag und Donnerstag bis 15.30 Uhr Unterricht hat, geht er während seiner einstündigen Mittagspause los und holt sich beim Bäcker eine Schlemmerzunge oder beim Imbiss Pommes mit Ketchup und Majo. Der 13-Jährige geht in die siebte Klasse eines Nürnberger Gymnasiums. Bayern hat bereits vor drei Jahren die Zeit bis zum Abitur verkürzt, aber an Maximilians Gymnasium gibt es noch immer kein Mittagessen.

Große seelische Belastung

Krank zu werden kann die Schulkarriere ruinieren. Maximilian hatte in der sechsten Klasse Pech: Erst erwischte ihn eine langwierige Grippe, dann auch noch ein Bänderriss, ausgerechnet am rechten Daumen. Vier Wochen musste er eine Schiene tragen und konnte nicht mitschreiben. Er verpasste viel Stoff. Obwohl seine Eltern, beide Lehrer, mit ihm lernten, konnte er die Lücken in Mathe, Englisch und Latein nicht füllen. Als sie sahen, wie ihr Sohn jeden Antrieb, jeden Spaß verlor, überredeten sie Maximilian, freiwillig die Klasse zu wiederholen. Maximilians Vater sagt: "Meine Frau und ich sind entsetzt, wie groß die seelische und körperliche Belastung für unseren Sohn ist. Was tun die unseren Kindern nur an!" Dass seine Aussage unter seinem Namen in der Zeitung steht, möchte er nicht.

Die Schule beherrscht in vielen Familien den Alltag. Sie diktiert nicht nur den Tagesablauf, sondern ist ständiger Anlass für Streit und Frust. Auch bei Familie Pohlen aus Augsburg gab es jede Menge Ärger um Noten, Klassenarbeiten, Hausaufgaben. Die 13-jährige Saskia spielte gern Theater. Das kostet zu viel Zeit, fanden die Eltern und strichen ihr das Hobby. Saskia war wütend und traurig. Sie verhandelte mit ihrer Mutter. Der Kompromiss: "Immerhin darf ich jetzt Souffleuse sein, da muss ich erst im zweiten Halbjahr zu den Proben und kann mich jetzt auf die Schule konzentrieren", sagt sie. Schon jetzt diskutieren die Eltern, ob Saskias kleine Schwester im nächsten Sommer auch aufs Gymnasium soll. "Ich will der Kleinen den Stress nicht zumuten", sagt Marion Pohlen. Ihr Mann Klaus dagegen meint: "Heute bleibt einem nichts anderes übrig, als Abitur zu machen. Da müssen die Mädchen durch."

Von den Eltern hängt immer stärker ab, was aus ihrem Kind wird, vor allem von den Müttern. Marion Pohlen investiert viel Zeit in ihre beiden Töchter. "Erst lerne ich mit Saskia Latein, dann gucke ich bei der Kleinen, ob sie alle Hausaufgaben macht. Dann setze ich mich wieder zu Saskia und frage sie Englischvokabeln ab. Ich weiß gar nicht, wie Mütter das machen, die Vollzeit arbeiten." Wer es sich leisten kann, kauft sich Zeit - am Nachmittag. 124 Euro bezahlen Imkes Eltern aus Köln jeden Monat für die Französischnachhilfe ihrer Tochter bei der "Schülerhilfe". Die privaten Nachhilfe-Institute profitieren vom Zeitdruck, der an den staatlichen Schulen herrscht. Jährlich setzen sie etwa 360 Millionen Euro um. Die privaten gleichen das Versagen der öffentlichen Schulen aus: Sie fördern gezielt den einzelnen Schüler. Was die Schüler vormittags nicht begreifen, holen sie nachmittags nach. Für das deutsche Schulsystem ist es eine Bankrotterklärung, dass inzwischen an den Gymnasien jedes zweite Kind Nachhilfe bekommt. Bei der "Schülerhilfe" in Köln-Porz, zu der Imke regelmäßig geht, ist der Andrang so groß, dass die Leiterin der Zweigstelle im vergangenen Jahr zusätzlich neue Räume anmieten musste. "Das kann doch nicht nur an den Schülern liegen, die sind doch nicht dümmer als früher", sagt Imkes Vater.

Die Lehrer sehen das Elend

Früher hatten Schüler mehr Zeit zum Lernen. Um die binomischen Formeln oder Kants Aufklärung zu kapieren, braucht der Mensch Muße. "In den letzten 200 Jahren wurde die Schulzeit immer weiter ausgedehnt", sagt Bildungsforscher Klaus Klemm. "Das wurde als Fortschritt begriffen." Heute gilt es als Nachteil. Deshalb muss es jetzt in der Schule fix gehen, zum Wiederholen und Vertiefen fehlt die Zeit. Viele Lehrer machen weiter Frontalunterricht, obwohl alle Experten sagen, dass Vorträge vom Lehrer sich mit Einzel- und Gruppenarbeit der Schüler im Unterricht abwechseln sollten. Die Lehrer sehen das Elend. Oft sind sie machtlos - und viele sind auch gar nicht fähig, besseren Unterricht zu machen und den Druck auszugleichen.

Fritz Felux, 59, unterrichtet Biologie und Chemie am Robert-Koch-Gymnasium in Deggendorf, Bayern. Er muss jetzt den Stoff der neunten Klasse bereits in der achten durchnehmen. Dabei würde er seine Schüler gern mehr selbst experimentieren lassen, ihnen mehr Zeit geben, den Stoff zu wiederholen. Der erfahrene Lehrer kritisiert die überhastete Einführung der G8-Reform. Er sagt einen Satz, der die Lage auf den Punkt bringt: "Mir tun meine Schüler leid."

*Name von der Redaktion geändert

Der Bildungssoziologe Fritz Reheis* beschreibt die Folgen dieser Hetzerei: "Die Turboschule betreibt Fastfood und Wegwerfbildung. Die Ergebnisse sind Mittelmaß. Es fehlt die Zeit zum Nachfragen und Üben, zur Pflege der kindlichen Neugier, zur Nutzung der produktiven Kraft des Fehlers." So lernen Kinder nicht fürs Leben, sondern nur für den nächsten Test. Anschließend vergessen sie sofort wieder alles. Selbstständiges Denken, Arbeiten in der Gruppe, Kreativität - das sind keine Soft Skills, die Schüler plötzlich bekommen, weil sie im Berufsleben gefordert werden. Sondern diese Fähigkeiten müssen sie täglich im Unterricht üben. Aber wie löst man das Dilemma: besser lernen in kürzerer Zeit?

An Ganztagsschulen gibt es in der Unterstufe keine Hausaufgaben

Die meisten Bildungsexperten antworten so: Wenn Kinder den ganzen Tag lernen sollen, müssen sie auf eine sogenannte gebundene Ganztagsschule gehen. An so einer echten Ganztagsschule gibt es nach 14 Uhr nicht nur Handball- oder Töpferkurse, sondern der reguläre Unterricht geht bis 15 oder 16 Uhr. Dadurch gewinnen Lehrer und Schüler Zeit. Der Unterricht findet nicht mehr im starren 45-Minuten-Takt statt, es gibt mehr Doppelstunden, in denen die Schüler länger an einem Thema arbeiten können. An Ganztagsschulen haben die Schüler eine lange Mittagspause. Sie haben nicht nur Zeit zu essen, sondern können sich ausruhen, lesen oder Sport machen. Musik- und Theater-AGs werden über den Tag verteilt. In der Unterstufe haben die Schüler keine Hausaufgaben. Wenn sie gegen 16 Uhr aus der Schule kommen, haben sie echte Freizeit. Jede sechste Schule in Deutschland nennt sich Ganztagsschule. Doch nur rund 2000 sind echte, also gebundene Ganztagsschulen.

Wilfried Bos vom Institut für Schulentwicklungsforschung in Dortmund und Leiter der Iglu-Studie findet, dass man Kindern ruhig mehr zumuten kann: "Auch in anderen Ländern haben Kinder eine 40- Stunden-Woche, zum Beispiel in Frankreich. Allerdings besuchen sie Ganztagsschulen, die darauf eingestellt sind und den langen Schultag strukturieren. Wenn man Ganztagsschule macht, muss man sie richtig machen, also verbindlich für alle." Auch in Schweden, Großbritannien, Spanien und den Niederlanden lernen die Schüler den ganzen Tag. Österreich und die Schweiz diskutieren über die Verlängerung der Schultage. Die linke Lehrergewerkschaft GEW fordert die Ganztagsschule schon lange. Sogar der konservative Philologenverband ist inzwischen dafür. Der Vorsitzende Heinz-Peter Meidinger kritisiert die hastige Einführung des Abiturs nach acht Jahren: "Jeder wusste, dass die Stunden umgelegt werden müssen und dass dies im Halbtagsunterricht nicht zu stemmen ist. Wir brauchen eine neue Rhythmisierung an den Schulen mit mehr Pausen."

Nur durch die Ganztagsschule können die sozialen Unterschiede abgebaut werden. Denn in keinem anderen Land entscheidet so deutlich die Herkunft über die Schullaufbahn wie in Deutschland. So haben Kinder von Beamten eine viermal höhere Chance zu studieren als Arbeiterkinder. Ganz düster sieht es für Migrantenkinder aus, fast jedes fünfte macht nicht mal einen Abschluss. "Durch die Zeitverdichtung wird die Selektivität noch größer", warnt Bildungsforscher Klemm. "Es besteht die Gefahr, dass noch mehr Schüler aus dem System kippen."

Das klassische Vorurteil: Gesamtschulen sind für Loser

Oder sie steigen aus. Wie Louis aus Hamburg. Der 16-Jährige hatte die Empfehlung fürs Gymnasium, aber er hielt die langen Tage nicht durch. "Dienstag hatten wir in der achten und neunten Stunde Erdkunde, da war ich zu müde zum Zuhören", erzählt er. Obwohl er nach einem festen Wochenplan übte und sogar sein geliebtes Saxofon aufgab, schaffte er es nicht. Schließlich stand er in Erdkunde und Spanisch auf Fünf. Nach der achten Klasse wechselte Louis auf die Gesamtschule. Erst wollte er nicht, weil er dachte: "Da gehen doch nur Loser hin." Inzwischen ist er froh, denn er hat ein Jahr gewonnen - die Gesamtschulen machen bei der G8-Reform nicht mit. Die Zeit tut Louis gut, er ist in allen Fächern eine Note besser geworden.

Wer das Abitur nach acht Jahren haben will, muss die Ganztagsschule einführen. Doch mehr Lehrer und Schulkantinen kosten Geld: mindestens 15 Milliarden Euro. Das Bundesbildungsministerium stellt bis 2009 vier Milliarden Euro zur Verfügung - allerdings nur für den Bau, nicht für das Personal. Die Kosten für die Lehrer zahlen die Bundesländer. Deshalb hält sich ihr Interesse an dem Ausbau der Ganztagsschulen bisher in Grenzen. Sie haben erst 2,45 Milliarden Euro von dem Geld aus der Bundeskasse abgebucht.

So wie es jetzt läuft, wird die Politik ihr Ziel nicht erreichen. Es wird nicht mehr Abiturienten geben. Und die Studentenzahl wird ebenso wenig steigen. Denn auch der Campus ist keine chaosfreie Zone. Die Diplomstudiengänge werden abgeschafft. Doch die neuen Bachelor- und Master- Studiengänge schrecken eher ab. Nach sechs Semestern sollen die Studenten den Bachelor in der Tasche haben und sich einen Job suchen. Nur die Besten eines Jahrgangs sollen weiterstudieren und nach vier Semestern den Master-Abschluss erwerben. Wie hoch allerdings die Quoten für die Master-Studiengänge an den einzelnen Unis sein werden, steht noch nicht fest.

Stephan Dohmen, 20, studiert seit Anfang Oktober in Köln. Aber Stephan weiß nicht, was sein Chemie-Bachelor auf dem Arbeitsmarkt einmal wert sein wird: „Das können uns auch die Profs nicht sagen.“ Wenn er sich in drei Jahren mit dem Bachelor bewirbt, konkurriert er mit einem Chemikanten, der mindestens drei Jahre in einem Unternehmen gelernt hat. Doch der verdient während seiner Ausbildung Geld, Stephan muss 500 Euro Gebühren pro Semester zahlen. Weil seine Eltern ihn nicht unterstützen können, bekommt er Bafög. Für die Studiengebühren nimmt Stephan einen Kredit auf. Wohl ist ihm dabei nicht. „Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt studieren soll“, sagt er. Ziel der Hochschulreform ist es, die Zahl der Studenten zu steigern. Doch seit vier Jahren sinkt die Studienanfängerquote. Nur 36 Prozent eines Jahrgangs studieren. Dabei sollten das 40 Prozent tun, fordert Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). Und jeder vierte Student macht keinen Abschluss.

Steffen Soltau, 22, studiert seit fünf Semestern Medien- und Kommunikationswissenschaften in Hamburg. Er finanziert sein Studium selbst, jobbt drei bis vier Tage die Woche, deshalb sind 500 Euro für ihn "irre viel Geld". "Damit ich die Gebühren bezahlen kann, muss ich mehr arbeiten. Dadurch habe ich keine Zeit mehr für Praktika, die ich aber dringend brauche, um Berufserfahrung zu sammeln", sagt er.

Es muss mehr Geld ins Bildungssystem

Wofür die Studiengebühren ausgegeben werden, ist von Uni zu Uni verschieden. Per Gesetz soll damit die Lehre verbessert werden. Die meisten kaufen davon Bücher oder stellen wissenschaftliche Hilfskräfte ein. Neue Professoren dürfen davon nicht bezahlt werden. Steffen sieht für seine 500 Euro noch keine Verbesserung. Viele Vorlesungen sind nach wie vor überfüllt. Wie bei der Schule, so sind auch die Reformen an der Universität nicht zu Ende gedacht.

Hinzu kommt die permanente Personalknappheit. Auf einen Hochschullehrer kommen im Durchschnitt 53 Studenten. Das sind viel zu viele. 23 wären sinnvoll, sagt die Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Sie fordert: Damit sich die Lehre verbessert, müsste die Zahl der Dozenten in den nächsten fünf Jahren verdoppelt werden. Doch das kostet Geld. Es ärgert Steffen, dass er für seinen Schmalspurstudiengang zahlen muss: "Ich habe nicht das Gefühl, dass ich genug lerne." Deshalb will er nach dem Bachelor unbedingt noch seinen Master machen, gern im Ausland. "Wenn ich schon zahlen muss, dann will ich auch bessere Studienbedingungen haben."

"Es ist gut, dass Bewegung ins System kommt", sagt Bildungsforscher Klemm, "aber damit wir in Deutschland einen echten Sprung nach vorn machen, muss mehr Geld in die Bildung fließen. Sonst leidet die Qualität. Und der Abstand zwischen schwachen und starken Jugendlichen wächst weiter. Das können wir uns nicht leisten." Imke aus Köln ist eine fleißige Schülerin. Sie will unbedingt Abitur machen, damit sie später "mehr Chancen im Beruf" hat. Spaß macht ihr der Unterricht nur noch manchmal. Beim Start in die Schule sieht das noch ganz anders aus: Die Hälfte der Sechsjährigen geht "sehr gern" zur Schule. Sieben Schuljahre später sagen das nur noch 16 Prozent der 13-Jährigen, so das Ergebnis einer Umfrage unter Kindern. Die Schule macht unglücklich, sie treibt ihnen den Spaß am Lernen aus. Bildungspolitikern wird die Zeit knapp. Kluge Leute braucht das Land. Je mehr, desto besser.

*Fritz Reheis: "Bildung contra Turboschule! Ein Plädoyer", Herder Verlag Freiburg 2007, 221 Seiten, 14,90 Euro

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