Nie zuvor war Bildung so wichtig wie heute. Und noch nie waren wir dabei so viel schlechter als andere Länder. Wie konnte es passieren, dass die einst weltweit führende Wissensnation so abstürzte?

Lernen im Sperrmüll: Lesesessel im "Philosophenturm" der Hamburger Universität© Vincent Kohlbecher
Wo sich die Zukunft Deutschlands entscheidet, riecht es nach 30 Jahre altem Urinstein. Der Gestank weht durch die Klassenzimmer einer ganz normalen Grundschule in einem ganz normalen Hamburger Stadtteil. Verbissen kämpfen Schulleitung und Eltern für funktionierende Toiletten, die nicht ständig überlaufen. Seit vier Jahren. Im Frühjahr wurden die Klos saniert. Aber nur die der Jungs. Die Mädchen müssen noch ein Jahr warten.
In einer Hauptschule im Süden der Stadt stehen Eisenträger in fast allen Klassenräumen. Sie stützen die Decken ab. Das Gebäude ist baufällig. Toben wäre lebensgefährlich, Musikunterricht auch. Die Träger sind mit Liebesschwüren voll gekritzelt von Schülern, an die sich hier längst niemand mehr erinnert. Im Lehrerzimmer sind Zimmerpflanzen an den Stützen hochgeklettert. Die Lehrer sagen, sie seien schon vor fünf Jahren aufgestellt worden. Oder waren es sechs?
In einem Hamburger Kindergarten verzweifeln die Kindergärtnerinnen. Oft sind sie mit bis zu 30 Kindern allein. Wenn ein Kind auf der Toilette Hilfe braucht, muss die Erzieherin die Tür offen lassen, um die anderen Kinder im Auge zu behalten. Spielerische Anregung? Systematisches Lernen? Individuelles Fördern? Findet nicht statt. Dabei ist dies ein Vorzeige-Kindergarten. Hier wird das Maximale geleistet, was das deutsche Bildungswesen Menschen in der entscheidenden Lernphase bieten kann: aufpassen, bis Mama kommt.
Auf Fluren und in Seminarräumen der Hamburger Universität stapelt sich der Sperrmüll. Stuhlgebirge türmen sich neben Schrankwracks. In einer Ecke verstauben manuelle Schreibmaschinen, die ausrangiert wurden, als damals alle eine elektrische haben wollten. Die speckigen Wände bewahren das kulturelle Erbe vieler Studentengenerationen: "Wackersdorf, das war Mord!" steht da. Wackersdorf, das war Anfang der Achtziger. So lange ist hier nicht mehr gestrichen worden.
Beispiele aus Hamburg, einer der reichsten Städte Europas. Es könnte überall in Deutschland sein. Die Verwahrlosung des Bildungswesens ist republikweit flächendeckend. Und sie zieht sich durch alle Stationen des Systems, vom Kindergarten bis zur Habilitation.
Doch die räudigen Bauten sind nicht das eigentliche Problem. Sie sind nur ein Symptom. Es zeigt: Hier ist seit Jahrzehnten nichts mehr gemacht, nichts mehr verändert worden. Schulen wurden in Deutschland zuletzt in den 70er Jahren gebaut - architektonische Irrtümer aus Beton. Aber nicht nur die Hülle, auch der Inhalt ist ein Produkt dieser Zeit und Geisteshaltung: Lehrinhalte, Unterrichtsmethoden, die Organisation von Kindergärten, Schulen und Universitäten stammen weitgehend aus diesem Jahrzehnt. Auch die Mehrzahl der Lehrer und der Professoren wurde damals eingestellt. Unter den Talaren der Muff der 70er Jahre.
Vergangene Woche gab es Zeugnisse für die Schulen, die neuesten Pisa-Zahlen für die 16 Bundesländer wurden vorgestellt: etwas weniger schlecht als noch vor fünf Jahren. Doch das generelle Niveau im internationalen Vergleich: schlapper Durchschnitt - mit Platz 16 unter 29 OECD-Staaten. In vielen Bundesländern liegen die Schülerleistungen im Schnitt um eineinhalb Schuljahre hinter denen Gleichaltriger in führenden Pisa-Nationen. Und niemand weiß, wie solch ein Check für Kindergärten, Universitäten und Berufsschulen ausfiele - die Bereiche, in denen Wissenschaftler die gravierendsten Probleme sehen. Dafür existieren keine internationalen Vergleichsstudien. Den Zustand des gesamten Bildungswesens haben zuletzt die fünf Wirtschaftsweisen bewertet. Die Überschrift über ihrem Gutachten lautet: "Das deutsche Bildungssystem: kein gutes Zeugnis".
Der Zustand des Bildungssystems ist nicht nur peinlich. Er ist die gefährlichste Bedrohung für den Wohlstand der Gesellschaft. Denn Bildung ist die Schicksalsfrage aller Nationen. Schuld daran ist eine Revolution, die seit Jahren angekündigt wird und die jetzt, genau jetzt, weltweit stattfindet: der Übergang vom Industriezeitalter zum Zeitalter des Wissens. Diese Revolution verändert die Welt ebenso nachhaltig, wie dies die industrielle Revolution vor 150 Jahren tat: Industriegüter - Dinge, die man anfassen kann, neudeutsch Hardware - verlieren seit Jahren dramatisch an Wert. Ob CD-Spieler oder Containerschiffe, immer gibt es irgendwo auf der Welt jemanden, der es billiger bauen kann. In der Wissensgesellschaft wird das Geld mit der Produktion von Wissensgütern verdient - mit Hirnware, neudeutsch Brainware. Ideen, Lösungen, zu denen nur gut Qualifizierte in der Lage sind, erzielen die höchsten Preise, sie haben die höchste Wertschöpfung.
In der Industrie, der Disziplin der Vergangenheit, war Deutschland die erfolgreichste aller Nationen und ist es noch. Darum ist Deutschland Exportweltmeister. Beim Wissen ist es genau umgekehrt: Deutschland ist Einfuhrweltmeister bei Dienstleistungen, wozu auch die Wissensgüter zählen. In der Wissensgesellschaft ist Deutschland nicht einmal Mittelmaß. Die Industrie braucht ein funktionierendes Verkehrssystem, eine zuverlässige Energieversorgung und fleißige Arbeiter. All das hat Deutschland. Für den Erfolg in der Wissensgesellschaft ist jedoch allein die Qualität des Bildungssystems maßgeblich. Das Schicksal der deutschen Gesellschaft entscheidet sich also auf stinkenden Klos, auf zugemüllten Fluren, in baufälligen Klassenzimmern.
Seit Jahren wächst die deutsche Wirtschaft kaum, während die Arbeitslosenzahlen steigen. Gleichzeitig gehört Deutschland zu den Ländern, die beim Pisa-Test nur durchschnittlich abschneiden. Beides hat etwas miteinander zu tun. Die fünf besten Nationen beim ersten Pisa-Vergleich 2000 hatten in den vergangenen fünf Jahren ein besonders hohes Wirtschaftswachstum: Finnland 2,9 Prozent jährlich, Kanada 3,04, Neuseeland 3,76, Australien 3,24 und Irland 6,1. Die Pisa-Versager unter den großen Wirtschaftsnationen hingegen schwächelten in den letzten fünf Jahren auch ökonomisch: Italien 1,34 Prozent, Portugal 1,08, Deutschland 1,02. Der Zusammenhang ist unübersehbar: je schlechter bei der Bildung, desto schwächer im Wirtschaftswachstum.
Was das bedeutet, darüber sind sich die Experten einig: "Alle unsere wirtschaftlichen Probleme hängen auch mit unseren Problemen im Bildungswesen zusammen", sagt Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn. Hans-Peter Klös, Bildungsforscher am Institut der deutschen Wirtschaft, formuliert es drastischer: "In der Wissensgesellschaft ist eine Wachstumsschwäche gleichbedeutend mit einer Schwäche des Humankapitals." Zu Deutsch: Die Wirtschaft wächst nicht, weil die Menschen nicht genug gebildet sind. Die Deutschen sind zu dumm für diese Welt.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 30/2005