Es ist Zeit, dass wir über Lehrer reden: Denn der Schulalltag wird geprägt von Frauen und Männern, die langweiligen Unterricht machen, die Kinder traktieren, träge sind. Dabei gibt es auch solche: motiviert, begeisternd, zugewandt. Das sind die Glücksfälle. Und Deutschland braucht mehr von ihnen. Von Catrin Boldebuck

Anike Schmirmer (M.) unterrichtet Spanisch und Deutsch an der Robert-Bosch-Gesamtschule in Hildesheim© Mareike Foecking
Der Musiklehrer Herr H. pickt sich im Unterricht gern mal die Schwächsten raus, zum Beispiel den dicken Moritz aus der vorletzten Reihe. "Komm mal nach vorn und räum den Müll da weg", sagt er und kickt mit dem Fuß gegen ein zusammengeknülltes Papier auf dem Boden. Der korpulente 15- Jährige zwängt sich durch die Stuhlreihen und geht nach vorn. Herr H. läuft hinter Moritz her. Der Lehrer watschelt und schnauft, er imitiert die schwerfälligen Bewegungen von Moritz. Der bückt sich. Der Lehrer zeigt auf die Jeans von Moritz, die beim Bücken einen Teil seines dicken Hinterns freigibt. Die Klasse johlt. Moritz sagt nichts. Mit rotem Kopf geht er zurück an seinen Platz. Eltern haben sich beim Direktor über den Lehrer beschwert. Ohne Erfolg. Herr H. unterrichtet seit 25 Jahren an der Schule. Durch seinen Unterricht sind bislang Tausende Schüler gegangen.
Die Deutschlehrerin Frau B. unterbricht regelmäßig ihren Unterricht, greift ihre Tasche und murmelt: "Muss schnell noch was kopieren." Dann verlässt sie die Klasse. Nach fünf Minuten kommt sie wieder - ohne Kopien. Die ganze Schule weiß: Frau B. hat ein Alkoholproblem.
Auf der Videoplattform Youtube laufen Filme, die Schüler während des Unterrichts mit Handykameras aufgenommen haben. Da kann man Szenen aus dem Schulalltag wie diese sehen: Schüler unterhalten sich, einige stehen auf und laufen durch die Klasse, einer mit brennender Zigarette. Der Lehrer sitzt teilnahmslos am Pult. In einem anderen Film brüllen sich der Techniklehrer und ein Schüler an. Der Lehrer geht auf den Schüler los, greift dessen Jacke, die auf dem Tisch liegt, und schlägt sie auf die Schulbank. Im Internetportal Spickmich können Schüler ihre Lehrer bewerten: von "guter Unterricht" über "faire Noten" bis "beliebt" gibt es zehn Kategorien. Mehr als 900.000 Mädchen und Jungen haben bisher mitgemacht. Natürlich kühlen Schüler im Schutz der Anonymität auch mal ihr Mütchen. So lästert ein Elfjähriger: "Am liebsten würde ich alle meine Lehrer für 1.000.000 Jahre auf 'ne Uni schicken, damit sie mal neuen Stoff lernen zum Beibringen!" Das Bild, das dabei von Deutschlands Pädagogenschaft entsteht, ist verheerend: unvorbereitet, unpünktlich, unfair. Unfähige Lehrer gehören zum Schulalltag wie Tafel und Kreide.
Niemand dürfte so mit Erwachsenen umspringen. Wer in seinem Job mit Stühlen schmeißt oder ohne die Erlaubnis die Taschen von Kollegen durchwühlt, kassiert eine Abmahnung. Zwischen Lehrern und Schülern kommen solche Ausfälle viel zu häufig vor. Ohne Folgen.
Es ist ein tägliches Drama. Eltern vertrauen den Lehrern das Liebste an, was sie haben: ihre Kinder. Wenn die mit sechs bis sieben Jahren zur Schule kommen, brennen sie darauf, Lesen und Schreiben zu lernen. Und was erleben sie dann? Lehrer nehmen ihnen die Lust am Lernen, indem sie ihre Schüler entmutigen oder langweiligen Unterricht machen. Schwache Schüler lassen sie auf der Strecke, schwierige sortieren sie aus. Jeder vierte Schüler bleibt während seiner Schulzeit mindestens einmal sitzen. 20 Prozent können nicht richtig lesen, schreiben oder rechnen. Bereits bei den 13-Jährigen ist das Feuer erloschen: Nur 16 Prozent gehen noch sehr gern zur Schule.
Lehrer machen nicht irgendeinen Job. Sie haben einen der schönsten und wichtigsten Berufe. Einen mit sehr viel Verantwortung. Lehrer formen junge Menschen. Sie verteilen Chancen. Sie entscheiden, wer Abitur macht, wer es später zu etwas bringt und wer nicht. Es ist eine schwierige Aufgabe, 25 bis 30 Kinder zu unterrichten, jedes einzelne zu fördern. Das kann nicht jeder. Dafür sollten die Besten gerade gut genug sein. Nicht in Deutschland. Hier kann jeder Lehrer werden, der ein mittelmäßiges Abitur vorweist.
Professor Udo Rauin von der Universität Frankfurt hat in einer Langzeitstudie die Motivation von Pädagogen untersucht und dazu 1100 angehende Lehrer zwölf Jahre lang wissenschaftlich begleitet. Sein Fazit ist vernichtend: Nur 35 Prozent sind sehr engagiert. Für ein Viertel ist der Beruf eine Notlösung. "Das Studium zieht Leute an, die sich ein schwieriges Studium nicht zutrauen", sagt der Erziehungswissenschaftler. Sie wollen nicht mit Kindern arbeiten, sondern einen krisensicheren Job. "Viele glauben, dass sie als Lehrer Beruf und Familie besonders gut vereinbaren können." Deshalb fordert Rauin: Weg mit dem Beamtenstatus. Er lockt die falschen Leute an.
Lehrer jammern zu viel, findet jeder zweite Deutsche. Über die Kinder, die Eltern, die vielen Unterrichtsstunden. Lehrer arbeiten 45 bis 55 Stunden pro Schulwoche, sagt der Deutsche Lehrerverband. Doch Lehrer haben 13 Wochen Ferien im Jahr - mehr als doppelt so viel wie alle Festangestellten. Drei Viertel der etwa 800.000 Lehrer sind Beamte. Ihr Job ist sicher bis ans Lebensende. Sie zahlen nicht für ihre Rente ein, und sie kommen beim Arzt als Erster dran, weil sie privat versichert sind. Ihr Gehalt steigt automatisch, und wenn sie heiraten und Kinder kriegen, gibt der Staat noch etwas obendrauf. Nur in Luxemburg, der Schweiz und Korea verdienen Lehrer noch mehr als in Deutschland.
Die Wahrheit über die Lehrer unserer Kinder ist brutal: Zu viele Pädagogen machen den falschen Job mit der falschen Ausbildung. Doch statt über die Menschen zu reden, doktern Politiker und Wissenschaftler an den Strukturen herum. In Hamburg zanken Eltern, Lehrer und Schüler über die Einführung der Primarschule bis 2010, Schleswig-Holstein schafft die Hauptschule ab. Alle Bundesländer verkürzen die Zeit bis zum Abitur von neun auf acht Jahre. Ein hilfloses Gemurkse. Zu Recht gehen Schüler und Eltern auf die Barrikaden. Sie beschweren sich in Internetforen, gründen Bürgerinitiativen und strafen Politiker bei Landtagswahlen ab.
Auch davon hätte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel in den vergangenen zehn Wochen ein Bild machen können - auf Bildungsreise im eigenen Land. Sie informierte sich in 13 Kitas, Schulen, Betrieben und Universitäten. Aber es gab kaum ein Wort über das Kernproblem: die Lehrer. Umso deutlicher formuliert die neue Studie "Zukunftsvermögen Bildung", die die Unternehmensberatung McKinsey im Auftrag der Bosch-Stiftung erstellte, was schiefläuft in der Bildung. Das Fazit der Pädagogen und Ökonomen: Deutschland braucht einen pädagogischen Kurswechsel.
Einer der Autoren der Studie ist Manfred Prenzel. Der Leiter der deutschen Pisa-Studie fällt ein ungewöhnlich hartes Urteil: "Von Profis erwartet man, dass sie ihre Leistung systematisch überprüfen." Doch in Deutschland werden nur die Schüler regelmäßig getestet, nicht die Lehrer. "Lehrer wissen zu wenig darüber, was von ihrem Unterricht tatsächlich bei ihren Schülern ankommt", sagt Prenzel. Vielen mangelt es schon am Handwerkszeug: Grund- und Hauptschullehrer brauchen mehr Fachwissen. Gymnasiallehrer müssen in Didaktik und Pädagogik nachsitzen. Gezielte Weiterbildung ist dringend notwendig. Doch gute Schule gibt es nicht zum Nulltarif. Allein für die Fortbildung der Lehrer wären bis 2020 Investitionen von 15 Milliarden Euro notwendig, rechnen die Unternehmensberater vor.
Natürlich gibt es auch in Deutschland begnadete Pädagogen. Geschichtslehrer, mit denen die Schüler in den Punischen Krieg ziehen. Mathe-Lehrer, die Primzahlen zum Schillern bringen, und Biologen, bei denen der Zitronensäurezyklus zum Krimi gerät.
Übernommen aus ...
Ausgabe 44/2008