. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
18. April 2006, 18:13 Uhr

"Wir lassen nichts durchgehen!"

Eine Hauptschule fast ohne Gewalt. An der Schüler so ausgebildet werden, dass zwei Drittel von ihnen eine Lehrstelle finden. Es gibt sie. Ein Lehrstück aus Stuttgart. Von Ingrid Eißele

Hart, aber herzlich: Zu ihrer Lehrerin Inge Weinold sagen die Kinder manchmal "Mama"© Lukas Coch

In der Filderschule in Stuttgart herrscht ein klares Prinzip: Wehret den Anfängen! Als vor drei Wochen ein 15-Jähriger einen jüngeren Schüler mit Tritten traktierte und ein Kumpel des Täters die Attacke mit dem Handy filmte, beschwerte sich das Opfer bei der Schulleitung. Rektorin Helgard Woltereck rief die Polizei. Die Eltern der Täter wurden informiert, ihre Söhne eine Woche lang vom Unterricht ausgeschlossen. Seitdem werden morgens in allen Klassen die Handys eingesammelt.

So wie an diesem Donnerstag: Sabahate, 11, geht vor Unterrichtsbeginn mit einem Schuhkarton durch den Raum der sechsten Klasse, sammelt ein halbes Dutzend Handys bei ihren 17 Mitschülern ein und verschließt sie im Schrank. Bis Schulschluss bleiben sie dort.

Bei Verstoß Treppenhaus schrubben

Auch Baseballmützen sind im Unterricht tabu. "Wir wollen die Gesichter sehen", sagt die Schulleiterin. Wer Mitschüler beleidigt, muss die Schimpfworte vor der Rektorin laut wiederholen und auf einen Zettel schreiben. Dieses Papier müssen die Eltern unterschreiben, der Schüler bekommt eine Strafarbeit. Kaugummi-kauen ist verboten. Spucken auf den Boden ebenso. Natürlich auch Graffiti. Jeder Verstoß wird geahndet - zum Beispiel mit Treppenhaus schrubben oder Kaugummireste vom Schulhof kratzen.

Schnelles Durchgreifen ist angesagt

Rektorin Helgard Woltereck, 63, weiß, wie der Niedergang einer Schule beginnt: "Wenn die Lehrer nicht gleich beim ersten Übergriff einschreiten." Gewalt gebe es kaum noch an ihrer Schule, "weil bei uns nichts durchgelassen wird". Dennoch ist die Filderschule keine Zuchtanstalt. Sie hat Lehrer, die durchgreifen, aber ihren Schülern auch etwas zutrauen. So wie andere Hauptschulen, die ebenfalls keine negativen Schlagzeilen machen.

Seit 13 Jahren leitet Helgard Woltereck, 63, die Filderschule in Stuttgart-Degerloch. Heute zählt diese zu den besten Hauptschulen in Deutschland© Lukas Coch

Schule ist "Liebe, Hobby, Leben"

Vor 13 Jahren übernahm Helgard Woltereck die Leitung der Hauptschule im Stuttgarter Vorort Degerloch. Inzwischen darf sich die Grund- und Hauptschule mit ihren 450 Kindern zu den besten Hauptschulen in Deutschland zählen, ausgezeichnet von der Hertie-Stiftung und der Robert-Bosch-Stiftung. "Natürlich ist das ein harter Job", sagt die zierliche Frau, die selten weniger als 60 Stunden pro Woche arbeitet, trotz beidseitiger Hüftoperation. Die Schule ist ihr "Liebe, Hobby, Leben". Nachmittags besucht sie Handwerksbetriebe, abends Vereinsversammlungen oder organisiert Stadtteilfeste. Schule muss sich öffnen, so heißt ihr Rezept, besonders eine, von der alle glaubten, sie sei "der Horror". Am meisten glaubten dies die Kinder selbst.

"Wenn die zu uns kommen, fühlen sie sich wie der letzte Dreck", sagt die Schulleiterin. So wie die aus Polen stammende Kamila, 11, die geheult hatte, als sie erfuhr, dass sie auf die Hauptschule muss. In ihrer Klasse, der sechsten, gibt es nur 18 Kinder. 17 davon haben Eltern, für die Deutsch eine Fremdsprache ist.

Multikulti mit Disziplin

"Deutsche Kartuffel", scherzt Hasan und klopft Christian, dem einzigen deutschen Mitschüler, auf die Schulter. Hasan stammt aus der Türkei, die anderen kommen aus Polen, dem Irak, Afghanistan, Sri Lanka, Italien, Griechenland, Albanien und Eritrea. Kriegskinder sind darunter, die Fotos von zerschossenen Häusern mitbringen, wenn sie im Unterricht von ihrer Heimat erzählen. Als Christian sein Land präsentierte, sang er die deutsche Nationalhymne. Heute will er die Entstehung der DDR vorstellen, ein anspruchsvolles Thema für einen Elfjährigen, das er selbst gewählt hat. Christian hat fleißig recherchiert und ein faustgroßes Stück der Berliner Mauer mitgebracht, das sein Großvater als Souvenir kaufte. "728 Leute wurden getötet, bloß weil sie von Osten nach Westen wollten", erzählt er und fährt mit dem Zeigestock hektisch über eine alte Karte des geteilten Berlin.

Demokratie heißt frei wählen

Christian trägt Brille, Zahnspange und einen hell getönten Mittelstreifen im Haar "wie Danijel Ljuboja vom VfB". Er ist Legastheniker und hyperaktiv. Anfangs war er so zappelig, dass ihm seine Lehrerin jeden Morgen ein Blatt Papier hinlegte. "Christian, mal was!" - das klang netter als "Christian, sei endlich still". Nun berichtet er mit Feuereifer, was eine Demokratie von einer Diktatur unterscheidet. "Demokratie heißt, dass man frei wählen und seine Meinung sagen kann."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 16/2006

  zurück
1 2
 
 
 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe