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Experte hält Rangliste für "dummes Zeug"

Sachsen und Thüringen erklimmen die Spitze, Schlusslicht ist Berlin: Der "Bildungsmonitor 2011" zeigt, dass es mit der Bildung in Deutschland aufwärts geht, sagen die Initiatoren der Studie. Doch ein Experte hält die Untersuchung für wissenschaftlichen Unfug.

Vor mittlerweile elf Jahren wirbelte die Pisa-Studie die deutsche Bildungslandschaft durcheinander, der Begriff hat sich eingebrannt ins kollektive Gedächtnis als Synonym für die damals mangelhafte Qualität der Schulen hierzulande. Mittlerweile hat sich viel getan, die Kultusminister haben Lehrpläne entrümpelt, den Unterricht auf den ganzen Tag ausgeweitet und Krippenplätze geschaffen. Mit Erfolg, wie sich zeigt, denn im jetzt erschienenen Bildungsmonitor 2011 der wirtschaftsnahen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) haben sich alle Bundesländer seit Beginn der Studie im Jahr 2004 deutlich verbessert.

Sachsen und Thüringen an der Spitze

An der Spitze stehen laut Studie Sachsen und Thüringen. Die zwei Länder haben kräftig aufgeholt und die einstigen Spitzenreiter Bayern und Baden-Württemberg vom Thron gestoßen. Die Bildungsforscher der INSM loben allem voran das Betreuungsverhältnis: In Sachsen etwa werden knapp siebzig Prozent der Schüler den ganzen Tag in der Schule versorgt, dreimal so viele wie im Bundesdurchschnitt. In Thüringen unterrichtet ein Grundschullehrer nur 14,1 Kinder, weniger als in jedem anderen Bundesland.

So können sich die Lehrer besser um jeden einzelnen Schüler kümmern, was sich auch in besseren Schulleistungen niederschlägt. Bei den bundesweiten Pisa-Vergleichstests erzielten die Schüler aus Sachsen und Thüringen die besten Ergebnisse. Besonders freut sich die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft darüber hinaus über die hohe Zahl an Absolventen naturwissenschaftlicher Studiengänge, der sogenannten Mint-Fächer, die in der Wirtschaft derzeit händeringend gesucht werden. So kamen in Thüringen 13,3 Ingenieursabsolventen auf 100 beschäftigte Ingenieure - das ist deutschlandweit Spitze.

Den Ostdeutschen hilft die Demografie

Sicher haben die zwei Bundesländer eine Menge getan für ihre Erfolge im Bildungswesen, doch kommt ihnen auch ihre Bevölkerungsstruktur sehr entgegen. "In Ostdeutschland gehen die Schülerzahlen schon länger massiv nach unten" sagt Oliver Stettes vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln, der die Studie leitet. Wenn der Staat die Zahl der Lehrer konstant hält, verbessert sich das Betreuungsverhältnis somit ganz von allein. Für Stettes ist dies aber kein Automatismus, stattdessen sagt er: "Die Kultusminister haben die demografische Rendite reinvestiert."

Nach den ostdeutschen Spitzenreitern folgen auf Platz drei und vier Bayern und Baden-Württemberg. Bayern liegt bei reinen Leistungstests nach wie vor an erster Stelle, also in Studien wie Pisa und der vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen der Berliner Humboldt-Universität. Doch die INSM moniert die fehlenden Mint-Absolventen: lediglich 4,4 Ingenieursabsolventen kommen hier auf 100 beschäftigte Ingenieure.

Berlin verharrt an letzter Stelle

An bundesweit letzter Stelle im Gesamtranking steht Berlin, das auch in den Jahren davor stets zu den Schlusslichtern gehörte. Viele Schüler mit Migrationshintergrund sitzen in den Klassenzimmern der Hauptstadt, was den Unterricht oft behindert. Hier hat die soziale Herkunft den größten Einfluss auf den späteren beruflichen Erfolg.

Hubertus Pellengahr, der Geschäftsführer der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, freut sich über den Beitrag, den sein Lobbyverband mit der Studie zur Bildungsdebatte leistet. Er sagt: "Wir wollen Wettbewerb schaffen um das beste Bildungssystem in Deutschland - ganz klar!" Schützenhilfe dabei bietet ihm Axel Plünnecke vom Kölner Institut der deutschen Wirtschaft. Die Studie liefere einen "Beitrag zum Bildungscontrolling" sagt er, eine genaue Vermessung der Ausgaben im Bildungssystem und ihrer Wirkung. Bis hin zum wirtschaftlichen Wert, den zusätzliche Studienabsolventen erzeugen, rechnet er alles auf Heller und Pfenning genau aus.

"Das ist medienwirksame Zauberei - sonst nichts"

Klaus Klemm, langjähriger Bildungsforscher und bis 2008 Beirat der Pisa-Studie, hält den Bildungsmonitor jedoch für wissenschaftlichen Unfug: "Solch eine Studie mit Rangliste zu erstellen, traut sich außer der INSM kein Wissenschaftler zu - denn es ist medienwirksame Zauberei, sonst nichts." Er stört sich daran, dass die Länder aufgereiht werden wie in der Bundesligatabelle. Die so vorgegaukelte Exaktheit existiert seiner Meinung nach nicht, man könne bestensfalls Gruppen von besonders starken und schwachen Bundesländern bilden, alles andere sei "dummes Zeug".

Klemm stört sich aber nicht nur an den wissenschaftlichen Methoden, sondern auch am vermeintlichen Ergebnis der Studie. "Durch die Studie könnte man den Eindruck gewinnen: Wenn ein Land möglichst wenig Kinder bekommt und wenig Migranten hat, hat es große Chancen im Ranking nach vorne zu kommen. Das kann aber nicht das Ziel der Bildungspolitik sein."

Pellengahr stört derlei Kritik indes wenig. Die Frage, ob man künftig von Berlin aus die Bildungspolitik für ganz Deutschland steuern sollte, verneint er lakonisch: "denn dann könnten wir ja kein Ranking mehr durchführen."

Nils Handler
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