Hauptschule weg, einheitliche Standards beim Abitur: Die CDU hat für ihre Verhältnisse Revolutionäres beschlossen. Allerdings nur auf dem Papier. FDP und CSU sind not amused. Von Hans-Peter Schütz

"Ewige Schuldebatten": Lernen im Sauerland© Julian Stratenschulte/DPA
Die CDU-Führung hat sich zu einer bildungspolitischen Revolution entschlossen: Das dreigliedrige Schulsystem aus Haupt-, Realschule und Gymnasium wird durch ein zweigliedriges ersetzt. Das bedeutet im Kern: Die Hauptschule wird abgeschafft. Außerdem peilen die Christdemokraten das Deutschland-Abi an.
So steht es in einem CDU-Papier, das den stolzen Titel "Bildungsrepublik Deutschland" trägt. Es soll in einen Leitantrag umgesetzt und auf dem nächsten Bundesparteitag im November in Leipzig verabschiedet werden.
Was in der Praxis aus diesen Zielen wird, ist offen. Denn bisher haben sich die 16 Bundesländer, allein zuständig für die Bildungspolitik, nicht darauf einigen können, das deutsche Bildungssystem aus seinem Chaos zu befreien. Beispiel: Deutschland-Abi. Darüber wird seit 40 Jahren gestritten, aber die Kultusminister fanden keinen einheitlichen Termin, um die Prüfung zwischen Hamburg und Berchtesgaden gleichzeitig stattfinden zu lassen. Man hätte dann ja die Termine des Ferienbeginns ändern und einen gemeinsamen Aufgabenpool für das Abitur schaffen müssen.
Hinzu kommt: Kaum hat sich die CDU und ihre Bundesbildungsministerin Annette Schavan auf ein neues Konzept geeinigt, gibt es Widerstand aus allen Ecken. Keineswegs alle richten, wie die Ministerin es wünscht, "den bildungspolitischen Blick bis ins Jahr 2020". Die CSU beispielsweise ist wild entschlossen, in Bayern die Hauptschule zu verteidigen. CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt mahnt, die CDU solle sich endlich verabschieden von "ewigen Schuldebatten". Die nordrhein-westfälische CDU ist immerhin bereit, "nicht mit aller Gewalt an der Hauptschule festzuhalten". Baden-Württembergs CDU-Generalsekretär Thomas Strobl sagt dagegen, es sei "absolut unnötig", dass die Bundes-CDU über die Abschaffung der föderalen Schulstrukturen rede.
Auch die FDP ist skeptisch. Ihr Bildungsexperte Patrick Meinhardt sagte stern.de, es sei ein "Irrweg", wenn jetzt "erfolgreiche Hauptschulen, die es vor allem im deutschen Süden gibt, aufgegeben werden müssten durch das Umschwenken der CDU". Keinem Hauptschüler sei damit gedient, dass er künftig den Stempel Oberschüler trage. Meinhardt sieht zwar ein, dass damit "die Hürden abgeschafft werden, die sich in Deutschland jährlich 80.000 Kindern beim Umzug von einem Bundesland in ein anderes in den Weg stellen". Aus seiner Sicht wird die CDU jetzt jedoch "schulpolitisch beliebig" und "verabschiedet sich von einer modernen bürgerlichen Bildungspolitik". Es sei nicht zeitgemäß, vom grünen Tisch aus Schulplanung von oben herab zentralistisch zu verordnen. Schavan müsse sich auch fragen lassen, "wie sie ein bildungspolitisches Konzept vorlegen kann, gegen das ihr eigener Landesverband in Baden-Württemberg Sturm läuft". Sie blende einfach aus, dass sie dort zehn Jahr als Kultusministerin tätig gewesen sei.
Auch der Philologenverband ist strikt dagegen, dass die Hauptschule "einfach dicht" gemacht wird, wie ihr Bundesvorsitzender Heinz-Peter Meidinger sagt. Es gingen ja 700.000 Schüler in Deutschland auf 1600 Hauptschulen, von denen viele gut funktionierten.
In der CDU selbst gibt es ebenfalls Kritik am Inhalt des Papiers. Die Bildungsexpertin Monika Grüttgers mahnt ein klareres Bekenntnis zum Deutschland-Abi an. Im CDU-Papier ist nur von einem "Länderabitur" die Rede. Grütters erklärte stern.de: "In sensiblen Fächern wie Geschichte und Deutsch brauchen wird dringend einheitliche Lernmittel. Das würde den Weg zum Deutschland-Abi erleichtern." Die Abschaffung der Hauptschule begrüßt Grütters: "Das entspricht dem Willen der Eltern, denn die Hauptschule ist doch längst auf den Status der Sonderschule abgesunken." Für notwendig hält sie es auch, die Lehrerausbildung zu vereinheitlichen.
Im Einzelnen fordert die CDU-Führung zahlreiche Maßnahmen, um die Bundesrepublik bildungspolitisch zu harmonisieren und Chancengerechtigkeit zu befördern.