
Amokläufer Robert Steimnhäuser, 19: Ungereimtheiten beim Rauswurf des späteren Täters© DPA
In dieser Wagenburg muss auch die Legende vom Gutenberg-Gymnasium entstanden sein, das Märchen von der Vorzeigeschule mit dem ausgezeichneten Ruf, in der sich Lehrer ständig umarmen und jeder Schüler alles Verständnis der Welt findet. Drogenfrei und ohne Mobbing. So wie man über Tote nichts Schlechtes sagt, übertrug sich das Bild der Wärme und des Zusammenhaltes aus der Zeit danach auf die Zeit davor. Inzwischen hat sich dieser Anspruch so weit verselbstständigt, dass Christiane Alt schon abwiegeln muss: Wir sind auch keine besseren Menschen und werden diese Welt nicht verändern, sagt sie und will doch nichts weiter, als wieder eine halbwegs normale Schule führen, so normal es eben geht. Aber was ist schon normal?
Eine Autorität wie Frau Alt findet es jedenfalls nicht normal, dass sich Lehrer und Schüler einfach umarmen. Sie macht es zwar noch immer mit, aber es liegt ihr eigentlich nicht. Ich bin kein Kuscheltier, sagt sie.
Natürlich gab es früher Drogen an ihrer Schule. Natürlich werde auch heute gekifft. Es wäre ja weltfremd, etwas anderes zu behaupten. Manche Schüler spielen zu Hause wieder Counterstrike, das Lieblingsspiel des Mörders. Sie schubsen sich auf dem Schulhof und nennen ihre Direktorin den "eiskalten Engel". Der Spitzname passt. Sie trägt ihre Herzlichkeit tatsächlich nicht gerade vor sich her und weiß natürlich auch, wie das oft wirkt, was Leute über sie denken. Und bevor es jemand anderes macht, spricht sie auch das lieber gleich selbst aus: Völlig klar, ich war und bin für viele die böse Hexe, immer in Schwarz und mit großen Hüten, eiskalt und berechnend - und wie die sich schon schminkt!
Offensichtliche Klischees pariert sie mit leichter Hand. Das von der typischen DDR-Lehrerin zum Beispiel, so hart und selbstgerecht wie Margot Honecker. Dabei war die gelernte Deutsch- und Russisch-lehrerin nicht mal in der Partei und gehörte deshalb nach der Wende zu den wenigen unbelasteten Pädagogen, die händeringend als Schulleiter gebraucht wurden. Sie wurde es 1991 mit 35 Jahren, sie hat ihren Lehrkörper von Grund auf selbst aufgebaut, und sie ist stolz darauf, damals die einzige Erfurterin in dieser Position gewesen zu sein.
Christiane Alt hatte ein sehr strenges Elternhaus. Sie war Balletttänzerin. Die dicken schwarzen Ränder um die Augen sind seit den sechziger Jahren ihr Markenzeichen. Nicht einmal zum Bäcker geht sie ohne. Und überhaupt: Ob jemand aussieht wie ein Gruftie oder ein Pandabär - was soll das denn heißen? In ihren Augen spielen Äußerlichkeiten keine Rolle, auch nicht bei Schülern mit grünen Haaren oder einem Kilo Metall im Gesicht. Manchmal sei sie richtig enttäuscht, wenn die Kinder ihre Individualität später gegen einen geraden Scheitel tauschen.
Anders scheint es mit der inneren Individualität zu sein. Viele Erfurter haben ihre Kinder schon vor dem schwarzen Freitag von dieser Schule genommen, weil sie Kommunikation und Stil der Direktorin nicht ertrugen. Auch einzelne Lehrer, ehemalige Schüler und Eltern, deren Kinder nach wie vor auf ihr Gymnasium gehen, klagen über Machtspiele und Selbstherrlichkeit, über Mobbing, Tränen und Angst. So einschüchternd muss diese zierliche Person sein können, dass jede Beschwerde an ihr abtropft, als sei sie mit Teflon beschichtet. Schwer zu glauben, erst recht, weil niemand offen darüber spricht, doch die Direktorin soll für die miese Stimmung tatsächlich allein verantwortlich gewesen sein - wenn nicht für mehr.
Einer ist dabei, der sie seit fast zehn Jahren kennt, mit ihr eng zusammengearbeitet hat oder dies wenigstens immer wieder versucht hat. Er sagt es so deutlich wie keiner: Frau Alt fehle jede Sensibilität im Umgang mit Kindern, Lehrern und Eltern. Sie sei gefühlskalt, verletzend und herablassend, vielleicht als Managerin geeignet, Personal zu entlassen, aber niemals als Pädagogin. Der Mann, der das sagt, dürfte allein aus seiner gesellschaftlichen Stellung heraus weder Angst vor ihr haben noch sich der üblen Nachrede verdächtig machen. Er gibt sogar zu, dass es feige sei, sich in dieser Sache nur anonym zu äußern, und dass sich Schweiger wie er unter Umständen mitschuldig gemacht haben an dem ganzen Dilemma, aber so sei Erfurt nun mal: Alle wüssten es. Die Journalisten vor Ort, die zuständigen Behörden, das Kultusministerium. Aber keiner macht den Mund auf.
Zu monströs war das Verbrechen. Zu groß ist die Angst, als Nestbeschmutzer geächtet zu werden, als Leichenschänder gar, ohne Pietät für die toten und überlebenden Opfer. Das Drama am Gutenberg-Gymnasium hat Verschwiegenes erst recht unaussprechbar gemacht. Nur langsam bröckelt das Kartell.
Kollegen, die heulend aus Besprechungen rannten? Lehrer, die ihre Schüler als Plebs bezeichneten und auch so behandelten? Dass Schüler sich nur noch mit der gleichen Respektlosigkeit zu wehren wussten und sich beide Seiten oft hilflos und aggressiv gegenüberstanden? Davon hätte sie ja wohl auch etwas merken müssen, gibt Christiane Alt zu bedenken. Routine und Schreckensregime? Da kann sie nur ihr ratloses Lachen lachen und grimmig kontern: Natürlich hätten in den letzten beiden Jahren Kollegen und Schüler weinend bei ihr gesessen. Sie kommen immer noch, um sich bei ihr auszuheulen - stellen Sie sich vor! Wie soll es auch anders sein nach so einem Verlust?!