Wie wichtig es ist, auf jedes einzelne Kind einzugehen, bestätigen auch Hirnforscher. "Ein guter Lehrer begreift jedes Kind als eigenen Schatz, mit dem er sehr sorgsam umgeht", sagt der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther. Dann gelinge ihm auch, was als Königsweg fürs Lernen gilt: "Kinder lernen über Beziehung, durch Bindung an andere Menschen." Da sei es schon fast egal, was der Lehrer macht, Hauptsache, "er ist selbst mit Begeisterung dabei" und stimuliere die angeborene Lust der Kinder auf Weltentdeckung.
Die jüngste Entdeckerin in der Krokodilklasse ist Melanie, 5. Melanie war nie im Kindergarten. "Zu teuer", sagt ihre Mutter Silke Schröder. Sie lebt ein paar Häuser entfernt und zieht ihre vier Kinder ohne deren vier Väter groß. In der Zweieinhalbzimmerwohnung kräht Baby Robin, streitet die ältere Schwester Jenny mit der Mutter, weil sie jetzt sofort einen Goldfisch will, sabbelt der Kinderkanal.
Silke Schröder hat gerade so den Hauptschulabschluss geschafft. Melanie kritzelte mit viereinhalb die ersten Buchstaben, jetzt schreibt sie ein E für Elefant und ein S für Schmetterling und ist "unheimlich wild darauf, zu rechnen", sagt Teamlehrerin Birgit Kirsch.
"Viele Eltern wollen, dass ihre Kinder länger spielen. Aber damit unterfordern wir Kinder", kritisiert Angelika Fiedler, die am liebsten alle Fünfjährigen in die Schule holen würde. In kaum einem anderen europäischen Land werden Kinder so spät eingeschult wie in Deutschland. In Baden-Württemberg versuchen 500 Schulen, den Eltern mit einem sanften Einstieg und altersgemischten Klassen die Angst vor der Schule zu nehmen. Die ist weit verbreitet. "Da stecken oft eigene Erfahrungen dahinter", sagt Schulleiterin Fiedler. "Druck und Demütigung, das war lange Zeit deutsche Schultradition, und beides bleibt als überwältigende Erinnerung haften."
Moderne Schulen wie die Clara-Grunwald-Schule in Hamburg machen nicht nur den Schulanfang angstfreier und flexibler, sondern die gesamte Grundschulzeit. Langsamere, verträumte Kinder bleiben bis zu drei Jahre in der Eingangsklasse, ohne die demütigende Erfahrung zu machen, zu den Jüngeren "abzusteigen". Besonders wache und intelligente Kinder können sie schneller durchlaufen und langweilen sich nicht. 42 "Springerchen" zählte die Schulleiterin in den vergangenen Jahren. Isabelle gehört dazu. Sie ist sieben und kommt nach den Sommerferien in die Lerngruppe der Dritt- und Viertklässler. Schon als Vorschülerin konnte das blonde Mädchen älteren Kindern helfen. Sie hat eine Klassenstufe übersprungen, "ohne dass sie das wirklich bemerkt hätte", wie ihr Vater sagt. Mit spätestens neun wird sie voraussichtlich aufs Gymnasium wechseln und mit 17 das Abitur machen. "Ich finde das positiv", sagt ihr Vater, ein Software-Entwickler. Isabelles Mutter ist Mediendokumentarin. Typische Mittelklasse-Eltern, die ihre Kinder nach Kräften fördern.
Im hessischen Gelnhausen schicken Eltern ihre fünfjährigen Sprösslinge in den privaten Mathekurs. "Spielend in die Welt der Zahlen" heißt der neue Kurs für Vorschulkinder am Zentrum für Mathematik und Literatur, der sofort ausgebucht war. "Wie viele Ohren haben drei Hunde?", fragt Pädagogin Elisabeth Starcke. "19", ruft Marvin. "Sechs", sagt Yoko gelassen. Hingebungsvoll untersuchen sie einen Würfel, der 20 Seiten hat. "Die Kinder brauchen einfach Futter", glaubt Initiatorin Bettina Mähler. Kindergärtnerinnen und Lehrer seien damit überfordert. Gudrun Accorsini chauffiert ihre Töchter Annkathrin, 9, Lisamarie, 7, und Lenasophie, 5, regelmäßig zum Kurs von Hanau nach Gelnhausen.
Eltern, die so viel Zeit aufbringen, um ihre Kinder zu fördern, sind die Ausnahme. Aber auch solche, die abends vorlesen, werden offenbar immer seltener: Die Zahl der Familien, die Wert auf "gute Bücher" legen, sank zwischen 1992 und 2000 von 46 auf 25 Prozent.
Zum großen Rest gehört Burak, 8. Im Wohnzimmer seiner Eltern im schwäbischen Murr stehen makellos abgestaubte Nippesfiguren und Porzellantässchen, aber kein Buch. Buraks Vater ist Schichtarbeiter bei Bosch, seine Mutter ist Analphabetin und geht putzen. Sie durfte in der Türkei keine Schule besuchen, "weil ihre Mutter krank war und sie sich um ihre Geschwister kümmern musste", übersetzt Burak.
Burak war schon ein Jahr nach seiner Einschulung auf dem besten Weg, ein "faktischer Analphabet" zu bleiben, also ein Schüler, der Texte allenfalls mühsam lesen, aber nicht verstehen kann. Statt Wörter abzumalen, fläzte er sich lieber vor den Fernseher und guckte seine Lieblingssendungen "Pokémon" und "Yu-Gi-Oh". Ohne Lesen, Basis für alles Lernen in der Schule, drohten ihm Jahre sinnlosen Absitzens langer Schulstunden mit der Botschaft: Sieh dir an, wie blöd du bist.
Doch dann ging Burak drei Monate lang jeden Vormittag in die Leseklasse. "Das müssen Sie sich anhören", sagt Lehrer Peter Wacker und legt eine Cassette in den Recorder. "Das ist Burak in der ersten Woche." Eine Kinderstimme liest vor. Radebrechend, sehr langsam. Der Lehrer spult ein Stück vor. Wieder die Kinderstimme. Schnell, klar, flüssig. "Burak, zwölf Wochen später!"