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2. April 2003, 16:25 Uhr

"Wir haben 30 Jahre verschlafen"

Ausbau der Kindergärten lohnt sich

Petra Roth (CDU), Sprecherin des Deutschen Städtetags und Oberbürgermeisterin von Frankfurt, sagt: "Dass wir eine höhere Betreuungsquote brauchen, ist unbestritten. Am besten weiß man in den Städten, wie hoch jeweils der Bedarf ist. Bei uns in Frankfurt liegt er für Ein- bis Dreijährige bei 30 Prozent, wir bieten bereits 20 Prozent an. An manchen Orten in Hessen wird die Nachfrage geringer sein. Eine Quote für die Länder ist daher nicht sinnvoll."

So verwaltet jeder den Geldmangel auf seine Art: In München werden die Beiträge erhöht, in Berlin gibt es für die Kleinen weniger Erzieherinnen, und in Dresden wurden zum Jahreswechsel sämtliche Krippen- und Hortplätze gekündigt. Erst nach Klagen der Eltern nahm die Stadt die Regelung zurück. "Der Verdrängungskampf wird härter", beobachtet Alexa Ahmad in Frankfurt. "Kinderbetreuung ist ein Meilenstein dafür, dass sich die Gesellschaft in Arm und Reich teilt: Wer es sich leisten kann, der wird auch in Zukunft Kinderbetreuung kriegen."

Dabei ist ein Ausbau der Kindergärten kein Luxus, sondern rechnet sich: Laut Gutachten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) würden berufstätige Mütter bis zu 15 Milliarden Euro pro Jahr zusätzlich an Steuern bringen. Gleichzeitig könnte der Staat bis zu 1,5 Milliarden Euro Sozialhilfe sparen. Durch den Ausbau der Kitas würden bis zu 430.000 neue Jobs entstehen. Das Interesse ist da: 70 Prozent der Frauen im Westen und 90 Prozent im Osten würden gern arbeiten, wenn sie nur wüssten, wohin mit ihren Kindern, so das Ergebnis einer Studie des Bundesfamilienministeriums. Und die Wirtschaft braucht vor allem die gut ausgebildeten Frauen, denn durch den Geburtenknick werden spätestens ab 2010 die Fachkräfte knapp.

Wohnortwechsel gut überlegen

Doch das Problem ist nicht nur der Mangel an Plätzen, sondern auch die fehlende Flexibilität. Arbeitnehmer sollen rund um die Uhr verfügbar sein, mobil, kundenorientiert - viele Kindergärten sind es nicht. In Bayern, Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen schließen einige immer noch von 12 bis 14 Uhr. Und wohin mit dem Kind, wenn die Kita Betriebsferien macht? Notfall-Kindergärten vom Familienservice, bei denen Eltern bis 20 Uhr abends anrufen und ihr Kind am nächsten Tag bringen können, gibt es bisher nur in ein paar Großstädten wie Frankfurt, Hamburg oder Berlin.

Die Vergabe der Plätze regelt jedes Bundesland nach anderen Kriterien - Familien wechseln deshalb besser nicht den Wohnort. Als Katrin Finger, 34, im März 2001 von Köln nach Berlin zog und beim Bezirksamt Köpenick nach einer Krippe für ihren Sohn Mariano, 2, fragte, erfuhr sie: "Da hätten Sie sich bis Februar anmelden müssen." Nur über Beziehungen fand sie noch einen Platz. "Aber eine Wahl hatte ich nicht", sagt die selbstständige Buchhalterin.

Viele Eltern sind froh, wenn sie überhaupt einen Platz bekommen. Viele ärgern sich über den schlechten Service und die hohen Gebühren. "Ein Studium ist umsonst, aber der Kindergarten kostet", sagt Paul Georg Hess. Für den Kindergarten seiner Söhne Jan, 4, und Paul, 6, zahlt er zusammen 550 Euro im Monat - zu viel, meint der Anwalt und klagt nun gegen das Hamburger Jugendamt. Doch an den hohen Kosten wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern. Bundesfamilienministerin Schmidt: "Kostenfreie Kindergärten sind für mich ein Fernziel. Fern heißt: Das werden wir sicher nicht in dieser Legislaturperiode diskutieren. Zuerst muss mal die Quantität erfüllt werden."

Die Mangelverwaltung muss ein Ende haben, fordert auch die Volkswirtin Katharina Spieß vom DIW: "Eltern sollen nicht länger als Bittsteller, sondern wie Kunden behandelt werden." Sie schlägt deshalb ein "GutscheinSystem" vor. Statt den Kitas Geld zu zahlen, sollen Eltern Gutscheine erhalten, die sie beim Kindergarten ihrer Wahl einlösen können. Dann, so die Idee, würden sich die Eltern den Kindergarten aussuchen, der besonders viel zu bieten hat. Die schlechten gingen leer aus. So weit die Theorie, die auch Ministerin Schmidt preist: "Gutscheine sind ein gutes Instrument, wenn es ausreichend Plätze gibt. Aber sie sind vollkommen falsch, wenn ich versuche, damit den Mangel zu steuern wie in Hamburg."

 
 
 
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