"Pfusch am Kind" nennt das der Freiburger Erziehungswissenschaftler Norbert Huppertz. "Ein Kind mit drei oder vier ist neugierig und motiviert. Es lernt aus eigenem Antrieb, das gilt es zu nutzen." Doch wenn das Potenzial nicht genutzt werde, "dann wird das, was genetisch als Möglichkeit angelegt ist, abgeschaltet und kann nur mit Mühe oder gar nicht mehr erworben werden", sagt der Münchner Neurobiologe Ernst Pöppel. Und der Kleinkindpädagoge Wolfgang Tietze von der FU Berlin klagt: "Eine miserablere Qualität als die von deutschen Kindergärten ist kaum möglich." Ein Bildungsangebot im naturwissenschaftlichen und technischen Bereich gebe es kaum, die Spracherziehung sei schlecht, mathematisches Verständnis werde völlig vernachlässigt.
Daran sind aber auch Eltern schuld. Bis heute gibt es Mütter, die ihre Töchter und Söhne bis zur Grundschule nur behütet und bespielt sehen wollen, schriftenfrei, wissensfrei, anspruchslos. Für die alles, was über Bilderbuch anschauen, Blumenbeet anlegen und Weihnachtssterne basteln hinausgeht, Leistungsterror ist. Diese Frauen ziehen mit dem Schlachtruf "Wir wollen keine Kleinsteins" in den Kampf gegen ihren Kindergarten, nur weil dort eine Schreibecke eingerichtet oder ein Computer angeschafft werden soll. Ja nicht die Steppkes aus dem "Paradies Kindheit" vertreiben! Der Bildungsexperte Professor Gerd Schäfer von der Uni Köln hält nichts vom Schonprogramm dieser Mamis: "Wir müssen uns vor allem von dem alten Bewahrungsgedanken verabschieden und die Kindergärten endlich als wichtige Bildungsinstitutionen begreifen."
Es geht nicht darum, Schule vorzuverlagern in die Sesamstraßen- oder Teletubbie-Generation und den Kindern mit einer Art Nürnberger Trichter so früh wie möglich so viel wie möglich ins Gehirn zu stopfen. Der Kindergarten sollte laut Wassilios Fthenakis vielmehr eine kreative Werkstatt sein, "in der die Erzieherin das Kind als kleinen Entdecker, als schöpferische und lernende Persönlichkeit begleitet und fördert". "Kompetenzen stärken" lautet die Zauberformel des Direktors des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München. Fthenakis: "Die Kinder müssen lernen, wie man lernt, wie man Wissen erwirbt, wie man dieses organisiert und wie man es zur Lösung von Problemen einsetzt - und zwar auf eine sozial verantwortliche Weise. Zu den individuellen kindlichen Kompetenzen, die es zu stärken gilt, zähle ich zum Beispiel das Selbstwertgefühl und die Widerstandsfähigkeit."
Besonders vernachlässigt wurden nach Meinung von Fthenakis bisher die Vermittlung naturwissenschaftlicher Zusammenhänge, die Sprachförderung der Kinder einschließlich des Erlernens einer Fremdsprache, die kulturelle Aufgeschlossenheit und auch das mathematische Verständnis. Ausgebaut werden müssten die Musik- und Bewegungserziehung. Der Münchner Frühpädagoge hat gerade einen entsprechenden Bildungsplan für die bayerischen Kindergärten und -krippen entworfen. Nordrhein-Westfalen, Bremen und Berlin wollen nachziehen. Das ist ein Anfang, doch ob die Umsetzung der Bildungspläne gelingt, ist ungewiss - schließlich hängt sie von der Finanzkraft der Kommunen ab. Und die messen die Qualität ihrer Kindertagesstätten allein an Gruppengrößen, Anzahl der Zwergenklos und Quadratmetern pro Kind.
Dass ihr Nachwuchs auf geistige Magerkost gesetzt ist, dämmert jedoch immer mehr Eltern. "Die Erzieherinnen gehen auf die wachsenden kognitiven Fähigkeiten der Kinder nicht ein", beschwert sich Rimbert Westerkamp, der gerade das vierte Kind durch die Kita schleust. "Die Kleinen können mehr, sie wollen auch mehr, man muss ihnen nur Angebote machen, die sie neugierig machen, die sie herausfordern, auch intellektuell", meint der Sporttherapeut aus Lüneburg.
Heike Schettler, Chemikerin aus Starnberg, fand das Angebot im Kindergarten so unbefriedigend, dass sie ihren Sohn in eine private Vorschule schickte. "Wenn ich Christoph fragte, 'Was habt ihr heute gemacht?', antwortete er fast immer: 'Wir haben gespielt'", erzählt sie. "Das ist einfach zu wenig. Christoph ist technisch extrem interessiert, aber darauf wurde überhaupt nicht eingegangen. Ich habe mehrfach mit den Erzieherinnen gesprochen - bis auf eine blockten alle ab. Sie sagten, ihre Hauptaufgabe sei es, soziale Kompetenzen zu fördern. Das hat doch mit Bildung nichts zu tun. Das ist nur Aufbewahrung." Ein bisschen Liebe, ein bisschen Lego - aber null Logo.