
Um die Augen immer schwarz geschminkt - Christiane Alt während einer Bau-
besprechung: "Ich bin für viele die böse Hexe"© Anne Schönharting
Sie weiß genau, dass sich die Vorwürfe vor allem auf die Zeit davor beziehen. Aber in solchen Momenten schlägt ihre nüchterne Distanz ganz schnell um, ein giftiger Ton blitzt dann auf, verletzend und verletzlich zugleich, beinahe menschlich nach so hartem Tobak. Es ist derselbe Ton, mit dem sie sich seinerzeit einen leiseren Helden gewünscht hatte, womit die Jagd auf den mutigen Kollegen Heise eröffnet war, der sich dem Amokläufer am Ende entgegenstellte.
Auch sie hätte sich stundenlang in Talkshows setzen können, so viele traurige Geschichten könne sie erzählen. Von der Kollegin zum Beispiel, die ein paar Tage vor Ablauf ihres Erziehungsurlaubs zurück an die Schule kam, und wie sich alle gefreut hatten, weil wegen der Prüfungen Not am Mann war. Jetzt müsse die kleine Frieda ohne Mama aufwachsen. Oder von anderen Kindern getöteter Kollegen, die nach wie vor an ihre Schule gehen, weil sie sich nur hier verstanden fühlen. Und von ihrer Enttäuschung über das, was aus den guten Vorsätzen über Mitmenschlichkeit und Veränderung übrig geblieben ist nach dem ersten Schock.
Damals sei sie von einer Trauerfeier zur nächsten gerannt, bis zu sechs Stück an einem Tag. Manche liefen parallel. Da musste sie sich dann für einen toten Kollegen entscheiden. Kann sich ein normaler Mensch solche Nöte überhaupt vorstellen? Zum Glück habe sie auch danach kaum Ruhe gehabt: der Umbau der Schule, der erste Jahrestag, alle Spinner dieser Welt, die sie mit Flugblättern und E-Mails belästigen. All die Fernsehteams, die eine Rückkehr zur Normalität filmen wollen. Jeden Tag ihres Lebens hat sie mit diesem einen Tag zu tun, und täglich kann das labile Gefüge an der Schule wieder kippen.
Selbst das Heer der Psychologen sei damit überfordert gewesen. Es gibt kein Konzept für 500 traumatisierte Menschen auf einem Haufen. In Eschede beispielsweise kannte sich niemand vorher, und auch danach hatte man wenig mit den anderen zu tun. Am Gutenberg-Gymnasium aber werde aus jedem Funken gleich ein Flächenbrand.
Solche Funken gab es viele. Ein Film, neue Ermittlungen, das Buch. Manche Psychologen brachten einen Karton mit, in den alle ihre Gefühle werfen sollten, andere rieten als Mittel gegen die Angst, sich einen Regenbogen im Körper vorzustellen. Bei der Konfrontation mit dem Tatort schrieben Schüler "I miss you" an die Wand, wo ihre Lieblingslehrerin gestorben war.
Christiane Alt ist gleich wieder in das Haus gegangen, während manche Kollegen noch nicht wissen, ob sie dort je wieder arbeiten können. Sie brauche auch keine psychologische Hilfe. Dafür habe sie einen überschaubaren Freundeskreis, einen Lebensgefährten und ihr Malteserhündchen Jacob, das zurzeit jeden Tag mit ihr auf Arbeit geht und als Maskottchen der Schule gilt. Sie hat eine ungeheure Kraft und schwankt innerhalb einer Minute von einem Extrem ins andere, von vorwurfsvoll zu mitleiderregend, von distanziert zu ganz intim. Ein Fachmann würde womöglich eine Bewusstseinsspaltung diagnostizieren, ihr aber sind die Quellen dieses Überlebenswillens auch so bekannt.
Das ist einerseits die Verpflichtung gegenüber den toten Kollegen und die Verantwortung für eine Schule mit 700 angeschlagenen Menschen. Aber das ist immer auch Wut und der Trotz gegen die Sinnlosigkeit. Anders als bei einem ICE-Führer, der nach einem Unfall von Amts wegen eine Auszeit bekommt, hat sich diese Frage für sie nie gestellt. Es gab ja niemand anderen mehr, der sich im Sekretariat auskannte, so einfach ist das.
Verloren schwebt sie durch die Gänge ihrer alten Schule, zwischen Bergen aus Schutt und schrecklichen Erinnerungen. Im Dezember soll das Gutenberg-Gymnasium bezugsfertig sein. Dann sind 9,9 Millionen Euro verbaut, und die Innenarchitektin hat einen schweren Spagat hinter sich: Alle wollen alles möglichst so ähnlich wie früher, aber dann auch wieder nicht: Fast jeder Raum ist mit einem Toten verbunden, jeder Spruch hat nun ein anderes Gewicht. Das alte Lichtenberg-Zitat im Erdgeschoss zum Beispiel, wonach das Blei die Welt mehr verändert habe als das Gold, und mehr noch als das Blei in der Flinte das Blei im Setzkasten des Druckers. Oder der Spruch über der Schultür: Lerne, um zu leben. Selbst das Schild am Bauzaun: Eltern haften für ihre Kinder. Plötzlich knallt es, genau wie damals, zweimal. Ein Bauarbeiter hat Ziegel in die Schubkarre geworfen. Jeder erschrickt. Frau Alt zuckt nicht einmal.
Erste Zweifel über Ungereimtheiten beim Abgang des späteren Täters von der Schule gab es von Anfang an. Allein das Kultusministerium hat sich schützend vor sie und hinter die folgenreiche Entscheidung gestellt. Heute begründet das ein Sprecher mit der Rücksicht auf eine Frau, die immerhin auf der Todesliste gestanden habe und die man deshalb nicht so scharf mit diesen Dingen konfrontieren konnte.