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16. April 2003, 12:18 Uhr

Lernen von den Kleinen

"Geheimsprache" der Leseklasse

Peter Wacker kümmert sich seit zwei Jahren ausschließlich um Erst- und Zweitklässler mit Lese- und Rechtschreibschwäche. Dahinter verbergen sich nicht nur Legastheniker, die sich in einem Steinbruch aus Buchstaben abschuften und es nicht schaffen, aus den Fragmenten einen Sinn zu formen. Auf fünf Prozent wird der Anteil der "echten" LRS-Kinder geschätzt. Doch Leseschwierigkeiten haben viel mehr. Zappler, Hochbegabte, Kinder, die nicht richtig hören oder sich in dem Geräuschbrei einer Klasse nicht konzentrieren können. Burak zum Beispiel. Ihn führte Lehrer Wacker in die "Geheimsprache" der Leseklasse ein: Zwei Finger an die Nase gelegt bedeutet "N", drei Finger auf den Mund sind die drei Striche des "M". So verband sich der Buchstabe plötzlich mit Körpergefühl und einem Laut. Aus dem Laut wurden Silben und Wörter, zu denen Burak auf dem Trampolin hüpfte oder rhythmisch Tücher schwang, "denn die Bewegung erleichtert die Verknüpfung im Gehirn".

Der Intensivkurs mit nur zehn Kindern ist teuer, aber effektiv. Die meisten sind nach drei Monaten in der Lage, dem normalen Unterricht in ihrer Schule zu folgen. Voraussetzung ist allerdings, dass Eltern oder Geschwister diese Gebärdensprache lernen. Schon gibt es Wartelisten für die Leseklasse. "Die Eltern", so Wacker, "sind begeistert, wie sich ihre Kinder verändern."

Mütter, die sich als "Lesemütter" engagieren

Wie schnell Eltern von Mäklern zu Machern werden, wissen auch andere Grundschulen. An der Hoffmann-von-Fallersleben-Grundschule in Berlin engagiert sich Gudrun Giesler, Mutter von drei Kindern, zweimal die Woche als "Lesemutti". Vier bis acht Kinder üben eine Schulstunde lang mit ihr Lesen. An diesem Mittwoch sind es Sarah, 8, Maly, Ben und Mike, alle 9, die auf einer Couch in einem freien Zimmer sitzen und anfangs noch mit Wörtern und Buchstaben kämpfen. Doch Lesemutter Giesler, eine von acht an der Schule, lobt, wo sie kann, und beim zweiten Durchgang lesen die Schüler schon viel flüssiger.

Der Einsatz der Lesemütter ist typisch für die Philosophie der Schule: Rektor Frank-Volker Krumrick, 44, fordert von Lehrern und Eltern Initiative. Motto: Jede Idee, die den Unterricht besser macht, wird umgesetzt. Wenn Klassenräume renoviert werden müssen, greifen Mütter und Väter zu Pinsel und Farbe, neun Klassenzimmer haben sie bereits gestrichen. Krumrick ist Vorstandsmitglied im Förderverein, in dem sich inzwischen rund 50 Mütter und Väter über die Zukunft der Schule Gedanken machen. "Die freie Schulwahl wird kommen, wir müssen deswegen konkurrenzfähig sein." Um seine Schule "noch attraktiver" zu machen, plant der Rektor Mittagstisch und Ganztagsbetreuung. Zehn Mütter wollen mitmachen, um weitere werben Plakate in der Eingangshalle.

Ohne die Eltern geht es nicht. Und gegen die Eltern schon gar nicht. In Hamburg hält Angelika Fiedler mit neuen Eltern gern ein kleines Privatseminar ab. Das beginnt mit der Frage: "Was gefällt Ihnen an Ihrem Kind?" Einige Eltern, sagt Fiedler, "müssen lange nachdenken, und eine Mutter sagte mir: 'Gar nichts'."

Ingrid Eissele
Mitarbeit: Asmus Hess, Matthias Rittgerott

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