Nicht alle Erzieherinnen wollen nur fürs Soziale zuständig sein und Kaba kochen. Doch diejenigen, die gern den Bildungsauftrag der Tagesstätten erfüllen würden, scheitern meist an miserablen Rahmenbedingungen: Oft kommen auf eine Erzieherin 24 Kinder im Alter von drei bis sechs, aus vielen Nationen und mit vielen Religionen. Der noch daumenlutschende Pampers-Träger ist ebenso dabei wie der forsche Fünfjährige und das zappelige ADS-Kind. Dabei empfiehlt das Kinderbetreuungsnetzwerk der EU für die 48 bis 60 Monate alten Jungen und Mädchen eine/n Erzieher/in auf sechs bis acht Kinder. Engagierte Pädagoginnen können nur davon träumen, für jedes Kind einen individuellen Entwicklungsplan zu schreiben, ihn umzusetzen und über die gesamte Kita-Zeit fortzuführen, wie es etwa in Großbritannien die "Early Excellence Centres" und in Berlin ein Modellprojekt des Pestalozzi-Fröbel-Hauses vormachen. Aber bei der dünnen Personaldecke ist das einfach nicht drin. Und: Die meisten Erzieherinnen haben keine entsprechende Ausbildung. Ganz zu schweigen von den noch schlechter geschulten Kindergartenhelferinnen und Sozialassistentinnen.
Während die anderen europäischen Länder mit Ausnahme von Österreich ihre Erzieher längst an Fachhochschulen und Universitäten für den Kindergartenalltag fit machen, müssen sie in Deutschland immer noch eine sozialpädagogische Ausbildung an einer Fachschule absolvieren, deren Breite von der Arbeit mit Drogenabhängigen und schwierigen Jugendlichen bis zur Beschäftigung mit kleinen Kindern reicht. Ergebnis: Kaum etwas können die Absolventen richtig. Häufig nicht einmal Kinderfragen beantworten wie: Warum gibt es Wolken und Blitz? Warum fällt der Mond nicht vom Himmel? Wohin läuft der Schatten? Warum wackelt der Wackelpudding? Eine Studie des Erziehungswissenschaftlers Tietze über die Kindergartenqualität ergab: Nur in drei von zehn Einrichtungen gibt es sinnvolle Gespräche zwischen Kindern und Erziehern.
Belgische oder niederländische Kindergärtnerinnen können dank weitaus qualifizierterer Ausbildung jederzeit auch in den Grundschulen unterrichten. Italien schreibt Kindergärtnerinnen den Besuch der Universität vor, wo sie das Basisstudium zusammen mit Grundschullehrern absolvieren müssen. "Wir gehen davon aus: Je jünger die Kinder sind, desto besser müssen die Fachkräfte sein", sagt der Erziehungswissenschaftler Gerwald Wallnöfer von der Freien Universität Bozen, dessen Fakultät inzwischen zum Mekka für die Ausbildung von Erziehern geworden ist. Wenn sich die Studenten vier Jahre lang in Vorlesungen, Seminaren, Workshops, Laboratorien und mehrsprachigen Kindergärten mit Kunst, Musik, Sprachen, Naturwissenschaften und Geografie beschäftigt haben, sind sie Experten des frühen Lernens: Sie wissen, wie das Gehirn von Vorschulkindern Neues verarbeitet, wie man Kinder fordert und fördert und auch, wie man Entwicklungsverzögerungen diagnostiziert. Und sie sind kompetente Gesprächspartner für die Eltern.
An ein vergleichbares Niveau ist in der Bundesrepublik nicht zu denken. Die Länder wollen keine wirkliche Reform, weil besser ausgebildete Erzieher auch besser bezahlt werden müssten. Im Moment verdienen sie etwa ein Drittel weniger als Grundschullehrer. Von der dringend erforderlichen Verlagerung der Ausbildung an Hochschulen oder Fachhochschulen ist daher keine Rede. Nur von einer "Neuordnung der Fachschulen". Der Antrag der Berliner Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, einen Modellstudiengang auf Fachhochschulniveau mit dem "Bachelor of Education" als Abschluss einzurichten, wird seit drei Jahren von der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung abgeschmettert.
Die öffentliche Hand gab 2000 für jeden Schüler 3.690 Euro aus, für den Hochschüler sogar 9.580 Euro, für ein Kindergartenkind dagegen nur 3.049 Euro. Gespart wird hier an der falschen Stelle. Der US-Ökonom und Nobelpreisträger James Heckman: "Die Defizite der frühen Jahre später auszugleichen kommt wesentlich teurer."
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat eine wissenschaftliche Untersuchung vorgelegt, die beweist, dass eine bedarfsgerechte Kinderbetreuung den Sozialsystemen auf lange Sicht mehr einbringt, als ihr Ausbau kostet. Hierzulande aber werden lieber Milliarden ausgegeben, um Schulabgänger, die weder richtig lesen noch schreiben können, nachzuqualifizieren. Kein Politiker denkt daran, Geld aus dem Gymnasial- oder Hochschulbereich abzuziehen, um es in die Einrichtungen für die Drei- bis Sechsjährigen zu investieren. Eine fatale Konsequenz: Kinder aus bildungsferneren Familien befinden sich beim Wechsel in die Grundschule in der schlechteren Startposition. Dabei könnte in den Kindergärten die Grundlage für ihren späteren Schulerfolg gelegt werden.
"Der Schatz der frühen Jahre verkommt", klagte Donata Elschenbroich, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Jugendinstitut vor einiger Zeit. Daran werden auch Veranstaltungen wie der für den Herbst geplante "Gipfel für Bildung und Betreuung" von Bund, Ländern, Kommunen und Trägerverbänden nichts ändern. Sondern Kanzler Schröder müsste endlich sein Versprechen vom Juni vergangenen Jahres einlösen und trotz leerer Kassen erklären: "Wir haben verstanden!" Und sich selbst sagen, was er gern anderen sagt: "Basta, so wird's gemacht."