
Im Dezember können sie zurück in ihre alte Schule - wo alles möglichst so ähnlich wie früher und doch ganz anders sein soll© Anne Schönharting
Es ist ein heißer Brei. Der Kultusminister selbst hat Rechtsverstöße von Schule oder Schulamt immer bestritten. Der Rauswurf sei kein Schulverweis gewesen, sondern ein ordentlicher Schulwechsel, hieß es zuerst, auch wenn die Akten eine völlig andere Sprache sprechen. Nun hat eine Juristenkommission festgestellt, dass dieses Verfahren weder den Vorschriften entsprach noch verhältnismäßig war. Seitdem spricht man im Kultusministerium von einer "Erziehungsmaßnahme" und erklärt, Frau Alt habe etwas völlig anderes gemeint als aufgeschrieben.
Sie selbst behauptet, es sei lediglich eine Anhörung gewesen, weil sie ihm so kurz davor das Abitur nicht verbauen wollte. Sie habe ihm Möglichkeiten aufgezeigt, wie er es doch noch schaffen könne. Die Formulierung des ersten Absatzes sei allerdings etwas missglückt: "Sehr geehrter Robert Steinhäuser", schrieb die Deutschlehrerin am Tag nach der Anhörung, "hiermit beende ich das mit Ihnen bestehende Schulverhältnis auf der Grundlage des Thüringer Schulgesetzes entsprechend der durch Sie zu vertretenden Gründe mit Wirkung des heutigen Datums."
Es war offenbar nicht das erste Mal, dass sie einen störenden Schüler nach Gutdünken aus ihrer Schule gedrängt haben soll. Thomas Trier, 28, und fast mit dem Studium fertig, war 1994 Schulsprecher am Gutenberg-Gymnasium und der Schulleitung wahrscheinlich eine Spur zu engagiert, weil er sich mehrmals mit Schüleranliegen ans Ministerium gewandt hatte.
"Obwohl der Fachlehrer anderer Meinung war, ließ mich Frau Alt durch die Bio-Prüfung rasseln", sagt er. Hinterher seien er und sein Schulfreund Eric gemein und mit fadenscheinigen Argumenten aus der Schule gemobbt worden. "Auch bei uns wurde dafür das Schulgesetz nach Herzenslust gebeugt." Mehrere Dienstaufsichtsbeschwerden seines Vaters Hartmut Trier brachten nichts. Ein beauftragter Anwalt rannte bei Frau Alt und dem Schulamt nur gegen Wände, und der Sohn machte sein Abitur schließlich ohne Probleme woanders. Als Hartmut Trier aber vor einem Jahr die Parallelen zum Fall Steinhäuser auffielen, stellte er Strafanzeige gegen Frau Alt: Urkundenfälschung und Nötigung waren allerdings in seinem Fall im September 2003 schon verjährt. Der zuständige Schulamtsleiter stieg nach dem Drama zum Abteilungsleiter im Ministerium auf, wo die Vorgänge nun erneut geprüft werden.
Am Heinrich-Mann-Gymnasium reagierten die Behörden vor wenigen Wochen sogar schon mal im Handumdrehen. Auch dort waren Beschwerden über einen selbstherrlichen Schulleiter jahrelang in der Schulaufsicht versickert, wo die Frau des Direktors arbeitete. Die Schüler wussten schließlich keinen anderen Rat mehr, als in einer nächtlichen Graffiti-Aktion am Schultor um Hilfe zu schreien: "Braucht ihr erst ein zweites Gutenberg?" Nachdem der Direktor noch versucht hatte, die Täter schnell und heimlich von der Schule zu entfernen, wurde er selbst in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Offizieller Grund: Fürsorgepflicht für den Beamten.
Wenn ich mich auch nur ein kleines bisschen schuldig fühlen würde, sagt Christiane Alt, würde ich auch nicht mehr hier sitzen. Schuld habe der, der schießt. Sie schwärmt davon, wie sie sich gegenseitig durch die schwere Zeit getragen haben, Lehrer und Schüler gemeinsam. Und was sich alles geändert hat: dass sich deutlich mehr Jungs als vorher für Zivildienst interessieren, dass einige Schüler sogar ihren Studienwunsch geändert haben - auf Lehramt.
Und einmal hat Frau Alt sogar öffentlich geweint. Bei einer Trauerveranstaltung kam ein ehemaliger Schüler auf sie zu, von dem sie sich auch nicht friedlich oder gar einvernehmlich trennen konnte, wie sie sagt. Er aber trug eine Osterglocke in der Hand, keine Waffe.