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30. August 2002, 17:35 Uhr

2000 Meilen in Richtung Sonne

Rauf auf den Güterzug und dann als blinder Passagier irgendwohin, wo es hoffentlich Arbeit gab - so reisten Menschen früher durch die USA. Oskar's-Redakteur Timothy Gibbons hat ausprobiert, was ein Hobo heute erlebt.

Die erste Etappe ist geschafft: Tim in Selkirk im Staat New York

Fünf Uhr nachmittags, wir schlendern gerade die Bahngleise in einem Nest in Georgia entlang, als der Pfiff ertönt. Der Zug, der uns entgegenkommt, ist ein Sammelsurium von Waggons, das mit rund 15 Meilen pro Stunde in Richtung Süden rattert. Ich schaue auf meine Uhr und pirsche mich vorsichtig an die Gleise heran. Als ich den Maschinisten entdecke, rufe ich ihm zu: »Welche Nummer?« »455«, anwortet er - unser Zug.

Mein Führer, ein erfahrener Hobo mit dem Namen Rapid T., und ich inspizieren, was da um die Kurve kommt: geschlossene Güterwagen, Tankwagen und kanadische Getreidewaggons - alles nichts für uns. Dann sehen wir eine Reihe von Gondeln, Waggons wie große Schuhkartons ohne Dach. »Können wir aufspringen?«, frage ich T. Er zuckt mit den Schultern. »Du kannst es versuchen«, sagt er. »Aber denk dran: von unten durchgreifen!«

Ich renne los. Für den ersten Waggon, den ich mir ausgesucht habe, bin ich zu spät dran, also zurück zur Biegung und noch mal: Ich laufe neben dem Zug her, greife eine Leiter möglichst weit oben, ziehe mich empor und suche mit den Füßen eine Sprosse. Dann klettere ich rauf, sehe ins Innere und bin froh, dass der Waggon leer ist. Der Zug wird schneller, ich schwinge mich über den Rand und lande auf dem Boden des Waggons. Ich habe es geschafft: Ich habe einen fahrenden Güterzug bestiegen.

Mit meiner Reise - elf Tage und 2000 Meilen auf acht Zügen durch zehn Staaten - bin ich auf den Spuren der Landarbeiter, die vor mehr als hundert Jahren auf der Suche nach Arbeit durch die USA zogen, zunächst auf der Straße, später auf Schienen. Weil sie ihre Hacken (auf englisch »hoe«) von einer Stadt zur nächsten schafften, bekamen sie den Namen »hoeboy«, der später zu »hobo« wurde. Während der großen Depression - dem goldenen Zeitalter der Hobos - reisten fast eineinhalb Millionen illegal auf Zügen kreuz und quer durchs Land, um irgendwo Dämme oder Pipelines zu bauen oder Bäume zu fällen.

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