"Schuld hat der, der schießt"

15. April 2004, 16:36 Uhr

Einer ihrer Schüler wurde vor zwei Jahren zum Massenmörder. Er nahm 16 Menschen mit in den Tod. Bis heute kämpft Christiane Alt, Direktorin des Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt, gegen den Ruf, unmenschlich und berechnend zu sein.

Christiane Alt, 48, auf dem Erfurter Hauptfriedhof. Wenn sie sich auch nur ein kleines bisschen schuldig fühlen würde, sagt sie, würde sie nicht länger an ihrer Schule arbeiten©

Sie wird sich nicht dafür entschuldigen, dass sie noch lebt. Das vorweg, damit das gleich mal klar ist. Trotzig stellt sie diesen Satz in den Raum, unvermittelt und schroff. Es ist ein Vorwurf gegen einen Vorwurf, den ihr niemand macht. Sie selbst vielleicht, aber nicht einmal das kann man sagen. Denn ihre Gefühle - und dafür bittet sie im nächsten Atemzug auch gleich noch um Verständnis - seien nun wirklich Privatsache. Sie allein muss damit leben, das sei schwer genug. Aber sonst: Fragen Sie ruhig!

Christiane Alt, 48, steht auf einer Großbaustelle, die einmal ihre Schule war und es wieder werden soll. Sie hat beschlossen, offen über alles zu reden. Was sie beschließt, das zieht sie durch. Und weil sie weiß, wie kalt und nüchtern die Dinge aus ihrem Mund manchmal klingen, zurrt sie erst mal ihren Status fest: Sie hat geliebte Kollegen verloren und zwei Jahre Hölle hinter sich. Sie ist ein Opfer, kein Täter, das soll niemand verwechseln. Schlimm genug, dass sie das überhaupt betonen muss. Aber offenbar - und dabei zuckt sie mit den schmalen Schultern - gehöre auch das noch zu dieser ganzen Tragödie.

Durch einen Zufall hat sie selbst überlebt

Als Direktorin des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums spielt sie darin eine Hauptrolle, auch wenn sie ihren Part für reichlich überbewertet hält. An ihrer Schule wurden am 26. April 2002 zwei Schüler, zwölf Lehrer und Lehrerinnen, ein mutiger Polizist und die beliebte Schulsekretärin getötet. Einer ihrer ehemaligen Schüler war zum Massenmörder geworden und erschoss sich am Ende selbst. Sie hatte den leistungsschwachen Schwänzer ein halbes Jahr vorher rausgeworfen. Aber wer zwischen diesen beiden Fakten einen Zusammenhang herstellt, ist in ihren Augen ein unmoralischer Mensch. Durch einen Zufall hat sie selbst überlebt, obwohl der Täter nach ihr fragte und suchte. Ob man das wirklich Glück nennen kann, daran zweifelt sie jeden Tag.

Das Zimmer, in dem sie überlebte, gibt es nicht mehr. Gerade schaufelt ein Arbeiter den letzten Schutt zusammen. Hier war die Tür, hinter der sie sich angeblich eingeschlossen hat, dort lag ihre Sekretärin, die angeblich zwei Tage vorher einen Warnanruf bekommen haben soll. Und weiter hinten saß ihre Stellvertreterin tot am Tisch, über den Stundenplan gebeugt, den Stift noch in der Hand, ein herzensguter Mensch, sagt Frau Alt. Emotional hätten sie sich immer gut ergänzt.

Christiane Alt macht es niemandem leicht, sie sofort zu mögen. Keine Gelegenheit lässt sie aus, alle möglichen Vorwürfe gegen sie in einen süffisanten Nebensatz zu flechten. Die angeblich abgeschlossene Tür, die ignorierte Warnung, ihre emotionslosen Auftritte in der Öffentlichkeit. Sie kann es nicht mehr hören, lacht sarkastisch auf. Wie soll sie sich auch sonst gegen Unterstellungen wehren, die absurd und immer wieder falsch sind?

Sie lacht ihr hilfloses Lachen

Ihre Tür war nicht abgeschlossen, als der Mörder kam. Sie war nur zu, weil die Direktorin dahinter in Ruhe die Bewerbung für einen Denkmalpreis redigieren wollte. Warum er es nicht einmal probiert hat, ob er sie bei den Abiturprüfungen vermutete und wie diese Frau Geipel nur darauf kommt, er habe sogar an ihrer Klinke gerüttelt - Rätsel für immer. Vermutlich war Frau Geipel aber dabei, sagt Frau Alt und lacht ihr hilfloses Lachen.

Diese Frau Geipel hat ein Buch geschrieben, das alle Widersprüche und offenen Fragen des Erfurter Dramas zusammenfasst. Es ist ein wichtiges Buch, auch wenn bei den komplizierten Recherchebedingungen in Erfurt nicht jedes Detail stimmen kann und es sich außerdem durch seine halb literarische Form angreifbar macht. In der Stadt löste es im Januar wütende Proteste aus. Es rührt an Tabus, und eins davon war bislang Frau Alt.

Als "Unheil, das vom Himmel gefallen ist", hatte der damalige Ministerpräsident von Thüringen diesen schrecklichen Tag bezeichnet. Das war ein guter Trost. Daran hatten sich die Erfurter in ihrem Schmerz gern geklammert. Dass es überall hätte passieren können, damit konnte man es aushalten. Gleichzeitig erstickte Bernhard Vogel so jede Selbstkritik im Keim. Sie verbot sich quasi von selbst.

Geradezu beleidigt als Lehrer, als Schule, als Stadt

Seitdem fühlen sich viele Erfurter allein durch die Tatsache verunglimpft, dass der Täter einer von ihnen war - geradezu beleidigt als Lehrer, als Schule, als Stadt. Egal, ob es Angehörige sind, die sich nicht mit dem katastrophalen Rettungseinsatz abfinden wollen oder - noch schlimmer - unbefugte Fremde wie diese Ines Geipel, die sowieso keine Ahnung haben kann, denn sie war ja nicht einmal dabei.

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