Was passiert im Kopf, wenn Kinder büffeln? Hirnforscher wollen das herausfinden, um unser Unterrichtssystem zu modernisieren. Erstmals arbeiten sie dabei mit Pädagogen Hand in Hand.

Die achtjährige Jule wird von Kilian Gust an der Ulmer Universität verdrahtet. Mit der Gehirnstrommessung (EEG) wollen die Hirnforscher herausfinden, was die besten Voraussetzungen für Konzentrationsfähigkeit sind© Theodor Barth
"Ziept es?", fragt Katrin Hille. David, 15, grinst und schüttelt den Kopf. Ach nein, die Frau Doktor behandelt ihn wie ein rohes Ei, während sie seinen nackten Oberkörper mit Elektroden pflastert. Mitten auf Davids Brust pflanzt sie ein schwarzes Kästchen. "Das ist der Lagemelder." Kästchen Nummer zwei, etwa so groß wie ein Feuerzeug, enthält einen Bewegungsmelder und kommt auf seinen linken Oberschenkel. Schließlich spannen sich sieben Kabel kreuz und quer über Davids Körper, vor dem Bauch trägt der Gymnasiast ein 500 Gramm schweres Gerät, das seine Herzfrequenz misst, und einen Minicomputer mit Tastatur, kaum größer als ein Taschenrechner.
In den kommenden Monaten werden fast 100 Ulmer Jungen und Mädchen in der Schule derart aufgerüstet, jeder der Jugendlichen für jeweils 24 Stunden. In dieser Zeit stehen sie unter minutiöser Beobachtung: beim Unterricht in Mathe, Englisch und Deutsch, aber auch bei Hausaufgaben und Einkauf, Sport und Fernsehen. Viermal pro Stunde erinnert der Taschencomputer mit einem Piepsen an den Rapport. Fragt: "Wie fühlst du dich?" - "Was machst du?" Dann müssen die 15-Jährigen sofort Auskunft geben: "Lerne gerade" - "Schaue Actionfilm". Der Bewegungsmelder registriert, ob der Proband gerade ruht oder rennt. Schlägt sein Herz schnell, obwohl er sich nicht bewegt, heißt das: emotionale oder geistige Belastung. Heraus kommt schließlich ein Protokoll über sämtliche Aktivitäten von Kopf und Körper im Laufe eines Tages und einer Nacht.
Das Ulmer Projekt ist eine Premiere. Erstmals arbeiten Hirnforscher und Pädagogen Hand in Hand; zwei Seiten, die bisher eher wenig voneinander hielten. Am neuen Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen der Universitätsklinik Ulm erforschen Ärzte, Neurobiologen, Biochemiker und Psychologen mit Hirnstrommessung, EKG und Magnetresonanztechnik die Anatomie des Lernens - am lebenden Objekt. Was passiert im Kopf, wenn Kinder büffeln? Was behindert und was befeuert sie? Welchen Einfluss haben Gefühle wie Angst, Lust oder Langeweile, und wie beeinflussen sie das Erinnerungsvermögen? Welche Rolle spielt die Bindung zum Lehrer? Das Ziel der Feldstudie sind neue Einblicke in den Prozess des Lernens - und die Umsetzung der Erkenntnisse. "Wir wollen Schule besser machen", sagt Manfred Spitzer, Hirnforscher, Psychiater und Gründer des Instituts.