Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin, über die Zukunft unseres Bildungssystems und den Standort Deutschland.

"Wir brauchen massiven Druck": Professor Dieter Lenzen© Goetz Schleser
Unsere Bildungsstrukturen müssen über den Haufen geworfen werden - zu diesem Ergebnis kommt die Studie des Baseler Prognos-Instituts im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. An "Bildung neu denken! Das Zukunftsprojekt" (Leske + Budrich-Verlag) arbeiteten mehr als 70 Experten aus Wissenschaft und Erziehungspraxis mit. Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin und Erziehungswissenschaftler, stellt die Ergebnisse vor.
73, wenn ich noch lebe.
Immer noch arbeiten und mich fortbilden, wie der größte Teil der Bevölkerung. Denn Bildung wird in Zukunft einen ganz anderen Stellenwert haben.
Ja, künftig werden Kinder früher zur Schule gehen, mit spätestens 17 Abitur machen und mit 21 ihr Studium abschließen. Ihre Mütter werden nach der Geburt viel früher an ihre Arbeitsplätze zurückkehren. Wir werden es uns im Jahr 2020 angesichts einer dramatisch schrumpfenden Arbeitsbevölkerung gar nicht mehr leisten können, arbeitsfähige Menschen außen vor zu lassen.
Man wird nicht jeden Vierjährigen in ein Klassenzimmer setzen können. Wir haben Vierjährige, die sind so weit wie Achtjährige und umgekehrt. Diese Unterschiede muss man aber nutzen.
Die Grundschule der Zukunft wird viel flexibler und eng verzahnt mit dem Kindergarten sein. Fitte Vierjährige aus dem Kindergarten üben in einer Lerngruppe mit Grundschülern lesen und schreiben. Entscheidend ist nicht mehr das Alter, sondern die individuelle Fähigkeit.
Ja, er wird Teil der Grundschule, wo vor allem gelernt wird.
Nein, Spielen ist kein Lernen. Lernen muss angeleitet sein, damit es einen Effekt hat, lesen lernen etwa.
In Holland lernen schon Vierjährige lesen und schreiben. Unser Einschulungsalter liegt bei 6,5 bis 6,7 Jahren. Das ist zu spät. Die Hirnforschung zeigt, dass sich Lernfenster, die Kinder besonders aufnahmefähig für Fremdsprachen und Mathematik machen, mit 5,5 Jahren schließen.
Ja, wir brauchen massiven Druck auf die Gesellschaft. Die hat noch nicht begriffen, dass nicht das Gesundheitssystem oder die Rente unser größtes Zukunftsproblem ist, sondern unsere Bildung. Sie ist unsere einzige Ressource und der wichtigste Schlüssel, um unsere Probleme zu lösen.
Das wird individuell verschieden sein. Manche Kinder werden wie heute zehn Jahre alt sein, wenn sie die Grundschule verlassen, andere jünger. Das gilt auch für die weiterführenden Schulen, das Gymnasium oder die neue Sekundarschule.
Das dreigliedrige Schulsystem ist gescheitert, wir werden nur noch die Sekundarschule und das Gymnasium haben. In einigen Bundesländern ist die Hauptschule ohnehin nur noch Restschule.
In Zukunft lernen stärkere und schwächere Kinder in einer Gruppe, das System wird viel durchlässiger, die Kinder werden nicht mehr frühzeitig auf einen einzigen Bildungsweg festgelegt. Wir wollen damit das Niveau erhöhen, denn wir brauchen im Jahr 2020 vor allem Facharbeiter auf hohem Niveau und Akademiker.
Es geht stark auf das einzelne Kind und sein Lerntempo ein. Die Lehrer machen nicht mehr Mathematik, Kapitel 13, für 20 Kinder, sondern bereiten für jedes Kind ein individuelles Pensum vor.
Er ist Lehrprofi auf höchstem Niveau, ohne Beamtenstatus. Das erfordert diagnostische Fähigkeiten, die anspruchsvoller sind als die eines Arztes. Er hilft seinen Schülern, Lernprozesse selbst zu steuern, zeigt ihnen, wie sie individuell am besten Vokabeln lernen. Er ist ganztags in der Schule und Ansprechpartner auch für Eltern und den "Kiez", also die Umgebung; er berät Kinder bei Hausaufgaben und betreut sie, wenn sie Sorgen haben.
Nein, es gibt Leistungspunkte und inhaltliche Bewertungen. Die sagen mehr aus als Noten. Auch Sitzenbleiben wird es nicht mehr geben.
Wir werden alle sehr viel mehr arbeiten müssen. Das müssen auch die Kinder frühzeitig lernen.
Unser Bildungsideal stammt aus dem 19. Jahrhundert. Damals löste eine bürgerliche Elite die Adelsgesellschaft ab. In Zukunft weist Bildung keine Standesgesellschaft mehr aus, die andere ausschließt. Jeder wird sich ein Leben lang weiterbilden müssen, bis ins hohe Alter. Denn Bildung wird nicht mehr darüber entscheiden, ob wir parlieren können. Sondern ob wir genug zu essen haben.
Interview: Ingrid Eißele