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27. August 2003, 12:57 Uhr

Ungeheuer schwer

Beratungsstellen sind ausgebucht, überforderte Eltern beschimpfen verunsicherte Lehrer, die beklagen im Umgang mit unseren Kindern den Werteverfall. Was geht ab in den Kinderzimmern?

Eine Albtraum-Szene für Eltern: Die Grenze des Erträglichen ist überschritten© Achim Lippoth

Nehmen wir einen schlechten Vater, irgendeinen, denn niemand gibt das gern zu. Sagen wir, er ist Journalist, arbeitet zu viel und hat zwei Kinder, die den ganzen Tag rumschreien, durch die Bude toben und nichts aufräumen. Sie sind laut und rücksichtslos, wild und maßlos, wahrscheinlich zwei ganz normale Jungs, eben gesund und munter, und sogar ganz erträglich, wenn sie nur abends rechtschaffen müde wären.

Sind sie aber nicht. Denn dann geht es im Kinderzimmer erst richtig los: Jeden Abend Highlife bis mindestens zehn. Und wenn diesem Vater nach unzähligen Ermahnungen mal der Kragen platzt, weil gegen elf Uhr immer noch Matchbox-Autos durch die Gegend fliegen, dann muss er sich von seinem so genannten Großen, sechs, auch noch als "Kinderquäler" beschimpfen lassen.

Ruhig bleiben, durchatmen, der meint das nicht so, hoffentlich. Und trotzdem: Das sitzt. Beim Boxen nennt man so was einen Wirkungstreffer. Der Kleine, vier, plappert es natürlich sofort nach: "Kinderquäler! Genau!" Und dann heulen sie auch noch beide wie auf Verabredung los, verlangen nach Mama, die zufällig mal im Kino ist, demnächst vielleicht noch nach einem Anwalt oder amnesty international. Und warum?

Irgendwann kommt Frau Kinderquäler nach Hause

Nur weil der Kinderquäler ausnahmsweise mal zurückgebrüllt hat: Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt, und so weiter. Und weil sie das immer noch lustig fanden, geht es morgen eben ohne Fernsehen ins Bett - nicht etwa ohne Abendbrot, mit einer Tracht Prügel oder im Keller. Nur ohne Sandmann. Kein Wicki, kein Kika, basta!

Nach so einer Ansage gibt es kein Zurück. Oder soll er jetzt doch noch mal reingehen und sagen, dass er sie liebt? Soll er sie trösten, dass übermorgen auch wieder was im Fernsehen kommt? Wegen ein paar dicker Tränen einen Rückzieher machen? Oder soll er ihnen vielleicht mal zeigen, was ein echter Kinderquäler ist?!

Bevor er noch mehr falsch macht, macht er lieber gar nichts. Der Abend ist sowieso im Eimer, der Boxkampf vorbei. Irgendwann kommt Frau Kinderquäler nach Hause, fragt nicht "wie war's", sondern nur "wie lange?" Und dann sitzen sie noch ein bisschen mit schlechtem Gewissen herum, lauschen und grübeln und fragen sich allen Ernstes, ob etwas Schlaf vor Mitternacht vielleicht doch zu viel verlangt sei?

Der schwarze Peter wandert hin und her

Bekommen die Kinder tagsüber vielleicht zu wenig Aufmerksamkeit? Sind wir nur zu blöd, unsere Kinder ohne Geschrei ins Bett zu bekommen, oder am Ende völlig ungeeignet als Eltern? Wahrscheinlich von jedem etwas - aber wenigstens sind wir nicht die einzigen Totalversager.

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