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2. April 2003, 16:25 Uhr

"Wir haben 30 Jahre verschlafen"

Zu wenig Plätze, Öffnungszeiten wie beim Ladenschlussgesetzt: Kindergärten sind eine Zumutung. Was fehlt, sind politischer Wille und mehr Geld.

Warmer Holzfußboden, große Fenster, die Richtung Süden zum Garten weisen - der neue Kindergarten ist vom Feinsten. Fünf Millionen Euro hat er gekostet. Tagsüber spielen hier fast 130 Ein- bis Zwölfjährige. Die Öffnungszeiten sind optimal auf die Arbeitszeiten der Eltern abgestimmt, die ihre Büros in unmittelbarer Nähe haben. Von solchen Bedingungen, wie die Angestellten und Abgeordneten des Bundestages in Berlin sie genießen, können Eltern im Rest der Republik nur träumen.

Andernorts sind die Plätze knapp, die Wartelisten lang, die Öffnungszeiten für berufstätige Eltern eine Zumutung. Besonders schlecht sieht es für die Kleinsten aus: "Für Kinder unter drei Jahren ist die Situation dramatisch, die Wartezeit für einen Krippenplatz beträgt mindestens zwölf Monate", sagt Dagmar Ströbel-Monzer, Leiterin der Beratungsagentur "Familienservice" in Stuttgart. Nur für drei von 100 Kindern unter drei Jahren gibt es im Westen einen Platz - am häufigsten noch in den Großstädten. Auf dem Land einen Krippenplatz zu bekommen ist so wahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto.

Kathrin Illes hatte kein Glück. Als ihre Zwillinge Jonas und Lukas im Mai 2000 zur Welt kamen, zog sie mit ihrem Freund in den Hamburger Speckgürtel nach Barsbüttel in Schleswig-Holstein. Zur Familienidylle fehlten nur noch zwei Krippenplätze. Doch die gab es in der Gemeinde nicht. Eine Nachbarin sprang als Tagesmutter ein. "Wir hatten ein Haus gekauft. Ich wollte und musste arbeiten - sonst wäre ich zum Sozialfall geworden", sagt die 33-jährige Kathrin Illes.

Die Arbeitswut der Mütter unterschätzt

Etwas besser sieht die Lage für Drei- bis Sechsjährige aus: Sie haben seit 1996 einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz - für vier Stunden am Tag. Doch für Kathrin Illes ist das keine Lösung: "Ich habe einen Fahrtweg von zwei Stunden zur Arbeit - hin und zurück, was soll ich da mit einem Vier-Stunden-Platz?" Sie hat deshalb gleich nach der Geburt vorgesorgt: Wenn Lukas und Jonas im Mai drei Jahre alt werden, kommen sie in einen Ganztageskindergarten. Der ist im Westen noch immer die Ausnahme: 80 Prozent aller Kinder werden nachmittags nach Hause geschickt. In Ostdeutschland sind fast alle Plätze für Kinder über drei ganztags - ein Überbleibsel der DDR.

Kinder haben in Deutschland keine Lobby. Politiker interessieren sich nur im Wahlkampf für sie, seit Jahrzehnten hat kaum eine Kommune in die Betreuung des Nachwuchses investiert; um den Rechtsanspruch für Drei- bis Sechsjährige zu erfüllen, wurden teure Ganztagesplätze für Krippenkinder einfach in günstigere Halbtagsplätze für die Größeren umgewandelt. Den Rest sollte der Geburtenknick erledigen. "Aber trotz weniger Kinder haben wir einen höheren Betreuungsbedarf", sagt Alexa Ahmad vom Frankfurter Familienservice. "Man hat die Arbeitswut der Mütter unterschätzt."

"Wir haben 30 Jahre verschlafen", gibt Bundesfamilienministerin Renate Schmidt zu. "Andere Länder in Europa haben rechtzeitig erkannt, dass die am besten ausgebildete Frauengeneration, die es jemals gab, erwerbstätig sein will." In Zukunft will Rot-Grün jährlich 1,5 Milliarden Euro in Krippen und Tagesmütter investieren, damit 20 Prozent aller Kinder unter drei Jahren einen Platz bekommen. Ende 2004, verspricht Schmidt, geht’s los. Doch der Jubel über den Geldsegen bleibt aus. Denn die Mittel sollen nicht aus dem Bundeshaushalt kommen, sondern aus den Einsparungen durch die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe in den Kommunen. Streit ist programmiert: Denn viele Städte stehen am Rande des Ruins - da will sich keiner vorschreiben lassen, wie er das frei werdende Geld ausgeben soll.

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