Sie sind wissbegierig und helle, wollen gefordert und gefördert werden. Doch in deutschen Kindergärten sollen die Kleinen vor allem basteln und spielen. Ein Jammer – denn was früh versäumt wird, lässt sich später kaum aufholen.

In Berlin-Charlottenburg gehen 14 Erzieherinnen auf die Interessen und Stärken jedes Kindes ein© Nele Martensen
Gummibärchen können nicht schwimmen. Der rote und der gelbe Bär ertrinken in der mit Wasser gefüllten Salatschüssel. "Schwimmt das?", fragt Silvia Feller und hält ein Holzstückchen hoch. "Jaaah", jubeln die Kinder. "Und dieser Nagel?" "Neee", lärmen die Kinder und wollen sich kugeln vor Lachen - wie kann die Silvia nur so dumm sein? "Und dieser Eiswürfel?" Wieder "Neee". Jetzt lacht die Erzieherin, denn der Würfel geht nicht unter, obwohl er eindeutig schwerer ist als der Nagel.
An diesem Vormittag lernen die Knirpse, dass Eis eine geringere Dichte als Wasser hat. Regelmäßig machen die Jungen und Mädchen in der Kindertagesstätte in Essen-Katernberg einfache physikalische und chemische Versuche, forschen und experimentieren.
300 Kilometer weiter südlich, im deutsch-französischen Kindergarten "Le Petit Prince" in Baden-Baden, spielen Max, 6, Friedrich und Lennart, beide 5, mit der elsässischen Erzieherin Annie das Kartenspiel "Les familles des quatre saisons". Max schummelt. "Il regarde mes cartes!", beschwert sich Lennart. Max blafft französisch zurück: "Tu mens!" Du lügst! In jeder Gruppe gibt es eine deutsche und eine französische Erzieherin. Jede spricht konsequent in ihrer Muttersprache mit den Kleinen. Nach zwei Jahren sind richtige Gespräche möglich, ohne dass sie dafür büffeln mussten.
Kindergarten kann also mehr sein als Schmetterling-Schablonen ausschnippeln, sandbuddeln und singen. Nur: Solch eine Einrichtung in ihrer Nähe zu finden ist für Eltern so wahrscheinlich wie der Autogewinn in Kai Pflaumes TV-Kuppelsendung "Nur die Liebe zählt". Kinder haben zwar ab drei einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. Ihr Recht auf frühkindliche Bildung, obwohl schon seit zwölf Jahren im Kinder- und Jugendhilfegesetz verankert, wird damit jedoch nicht erfüllt. So sie überhaupt stattfindet, haben einzelne Institutionen oder Eltern die Initiative ergriffen. Denn die Vorschulerziehung ist das Stiefkind der deutschen Bildungspolitik.
Dabei war nach Lektüre der Pisa-Studie selbst dem Kanzler alles klar: Das System ist faul. "Wir brauchen ein anderes Vorschulkonzept", erkannte Gerhard Schröder. Kindergärten dürften sich nicht länger auf Betreuung und Aufbewahrung der Kleinen beschränken. Der Kanzler betonte drei Monate vor der Bundestagswahl: "Es gibt ein Recht auf Bildung für Drei- bis Vierjährige." Und versprach: Seine Regierung werde für die vorschulische Bildung richtig Geld in die Hand nehmen.
Alles Schall und Rauch. Alles Dampfplauderei. Nach der Wahl ist von mehr Geld aus Berlin für die 2,5 Millionen Kita-Kinder und fürs "spielende Lernen" nicht länger die Rede. Für Krippenplätze und Ganztagsschulen wurde Ländern und Gemeinden eine Milliarden-Finanzspritze versprochen, doch keinen müden Euro mehr gibt es für eine bessere Qualität der 47.000 deutschen Kindergärten. Die Kommunen wiederum stehen dank ihrer Benachteiligung bei der Verteilung des Steuerkuchens durch Bund und Länder finanziell längst mit dem Rücken an der Wand. Sie können kaum ihre Personalausgaben bezahlen. Und nach gewonnener Wahl mag sich auch die neue Familienministerin Renate Schmidt an Schröders Wahlköder nicht mehr erinnern. "Die Zuständigkeit der Kommunen ist hier vorhanden", wimmelt sie ab. Folge: Während fast alle anderen europäischen Länder in den vergangenen Jahren nationale Bildungspläne für ihre Drei- bis Sechsjährigen oder sogar schon für die noch Kleineren erarbeitet haben, dümpelt der deutsche Kindergarten weitgehend als lernfreie Zone vor sich hin. Somit bleibt er, was er immer war: eine Verwahranstalt, in der Bildungschancen verschenkt werden, die sich auf dem weiteren Lebensweg so nie wieder bieten.