Sie werden als "Landesferienmeister" verhöhnt, Gerhard Schröder nannte sie faule Säcke. Tatsächlich sind Lehrer heute oft die Letzten, die sich noch um unsere Kinder kümmern - bis zur Selbstaufgabe. Ein Report vom täglichen Schulwahnsinn

Was nun, Herr Studienrat? Alltagsszene aus einer Gesamtschule. Detthard Martschinke bleibt entspannt - erst mal© Michael Trippel
Läuft's gut, sind zehn Minuten Lernen drin. Der Rest der Schulstunde geht dafür drauf, um diese zehn Minuten zu kämpfen. Dass die Kinder still sitzen. Auf den Stühlen, nicht auf den Tischen. Nicht den Nebenmann ärgern. Nicht auf Toilette gehen wollen. Nicht dauernd fragen: Herr Martschinke, wann schellt es endlich?
Studienrat Detthard Martschinke, 42, steht an der Tafel. Er hat sich vorgenommen, einer fünften Klasse Wie-Wörter zu erklären. Jede Stunde nimmt er sich was vor, es kommt oft anders. Die einen setzen ihre Baseballkappen nicht ab, die anderen lärmen durch den Raum. Martschinke zählt laut bis drei. Wer dann noch stört, muss für fünf Minuten raus. "Die machen das Gegenteil von dem, was du sagst", wird er später im Lehrerzimmer erklären. Und dass er sich nach acht Stunden Schule fühle wie ein Boxer nach dem Kampf. Irgendwie fertig.
Deutschlehrer Martschinke unterrichtet an der Martin-Luther-King-Gesamtschule in Ratingen-West bei Düsseldorf. 950 Schüler aus 20 Nationen, 76 Pädagogen, Ganztagsbetreuung. Mensa, Theater-AG, Kickerraum, Selbstsicherheitstraining, Schulbibliothek. Engagierte Lehrer, sogar sechs mehr, als der Stellenplan vorsieht. Doch hier wie anderswo beschleicht sie langsam das Gefühl, dass ihnen der Job über den Kopf wächst. Viele Kinder kommen nicht mehr in die Schule, um zu lernen. Sie kommen, um sich mit den Mitschülern die Zeit zu vertreiben.
Es geht nicht mehr um Bildung, es geht um Betreuung. Und die Pädagogen werden zu Sozialarbeitern, Psychologen, Erziehungsberatern. Niemand hat sie im Studium auf das Drama zerbrochener Ehen vorbereitet, keiner auf muslimische Eltern, die darauf bestehen, dass die Tochter nur mit Kopftuch am Schwimmunterricht teilnimmt.
Die Lehrer von heute sind oft die Letzten, die sich noch um die Kinder kümmern. Dem Elend ins Gesicht sehen. Kein Wunder, dass sich deutsche Pädagogen überfordert fühlen. An der Universitätsklinik Freiburg wurde jetzt die Berufssituation von Gymnasiallehrern untersucht. Ergebnis: Selbst im vermeintlich idyllischen Freiburg fühlt sich jeder zweite Lehrer erschöpft, anfällig und hat resigniert. Nur etwa zwölf Prozent der Pädagogen sind fit und rundum belastbar. Es gibt Lehrerinnen, die auf Seidenblusen verzichten, weil die schon in der zweiten Stunde sichtbar durchgeschwitzt sind. Jeder fünfte Lehrer steht während des Unterrichts unter so starkem Stress, dass er eine psychotherapeutische Behandlung brauchte.

Luft holen vor dem nächsten Einsatz: So mancher im Lehrerzimmer fühlt sich am Ende eines Schultages "wie ein Boxer"© Michael Trippel
Der Traumberuf droht zum Horrorjob zu werden:
- An einer Hamburger Gesamtschule schlug ein Elfjähriger seine Lehrerin mit der Faust nieder. Der Junge hatte sich zuvor in aller Ruhe die Jacke ausgezogen und die Ärmel hochgekrempelt.
- Eine Lehrerin in Freiburg fand einen abgeschlagenen Flaschenhals unter dem Hinterrad ihres Wagens. Entdeckt hatte sie ihn nur, weil er unter einem Häufchen Schnee versteckt war - in der Tiefgarage.
- An einer Wuppertaler Berufsschule brach ein Schüler einem Sozialarbeiter das Nasenbein, weil der ihn aufgefordert hatte, seine Unterlagen ordentlich zu sortieren.
- In Stuttgart schockte ein Realschüler seine Lehrerin kurz vor Ostern mit der Drohung, er werde sie am nächsten Tag erschießen. Sie will sich jetzt pensionieren lassen.
Die meisten Übergriffe werden nicht öffentlich gemacht
Die meisten Attacken werden erst gar nicht gemeldet, aus Furcht, einen "guten Ruf" zu verlieren. Als in Heidenheim ein Realschüler seine Lehrerin mit einem Küchenmesser attackierte und am Rücken verletzte, wurde der 14-Jährige von der Schule geworfen. Die Lehrerin ließ sich beurlauben, und der Schulleiter war froh, dass gleich nach dem "Vorfall" die Sommerferien begannen.
Gewalt an Schulen ist immer noch ein Tabuthema. Eine Untersuchung der Universität Erlangen-Nürnberg für das BKA ergab, dass bereits jeder dritte Junge in der Schule einen Mitschüler getreten oder geschlagen hat. Über ein Drittel der Gymnasiasten, das ist das Ergebnis einer Studie der Katholischen Universität Eichstätt, ist verbal aggressiv, mobbt, beleidigt und beschämt seine Mitschüler.
Gewalt ist das eine Problem. Was viele Lehrer aber zunehmend verzweifeln lässt, ist der ganz alltägliche Wahnsinn. Schüler zum Beispiel, die kein Wort mehr verstehen. "Nullsprecher" nennt Hauptschullehrerin Helga Mann solche Kinder aus Kasachstan oder Russland. Sie unterrichtet die sechste Hauptschulklasse in einer fränkischen Kleinstadt, wo der Lehrer noch so etwas wie eine Respektsperson sein sollte. Mitnichten, sagt sie. "Man sollte Videokameras im Klassenzimmer aufstellen, um zu zeigen, wie es wirklich zugeht."