An deutschen Universitäten läuft eine neue Protestwelle gegen die Sparprogramme der Politik. Zu Recht? Der stern begleitete zwei Studenten in Berlin und München, deren Fächer vor dem Aus stehen. Einblicke in den alltäglichen Bildungswahnsinn.

Hautnaher Protest: Studenten der Technischen Universität Berlin bemalten sich in der vergangenen Woche und zogen halbnackt durch die Stadt© Hans-Christian Plambeck
Als sich Florian Rustler für das erste Seminar seines Lebens anmeldete, guckte er in das Vorlesungsverzeichnis. Neun Uhr Einschreibebeginn, hieß es da, und Florian stand pünktlich um neun vor dem Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaften der Uni München. Er war einer der Letzten. In langen Schlangen warteten Hunderte vor ihm. Der Neuling hatte seine erste Lektion begriffen: "Man ist der Depp, wenn man pünktlich kommt." Zwar ergatterte Florian am Ende einen Seminarplatz - aber für das Seminar freitags von 18 bis 20 Uhr.
Nun hockt der 23-Jährige regelmäßig mit mehr als 50 Leuten in den Seminaren, was kein Wunder ist, denn die 2800 Studenten am Geschwister-Scholl-Institut werden von gerade mal acht Professoren unterrichtet. Lernen ist unter solchen Bedingungen ein kleines Wunder. Problem Nummer eins: Die Räume sind meistens zu klein. Problem Nummer zwei: Der Professor kommt mit dem Korrigieren der jeweils dreiseitigen Aufsätze der Studenten, die sie jede Woche abliefern, nicht nach. "Jetzt habe ich schon sechs Paper geschrieben", sagt Rustler, "aber noch keines zurückbekommen." Das sei kein Vorwurf an seinen Professor Uwe Wagschal, denn der, sagt Florian, "reißt sich den Arsch für uns auf".
Auch sonst erfüllt er nicht das Klischee eines Professors: Macht sich mit dieser Form des Seminars mehr Arbeit als einer, der Studenten 90 Minuten lang Referate halten und am Semesterende eine Hausarbeit schreiben lässt. Hat auch außerhalb der Sprechstunde Zeit für die Studenten. Schreibt Petitionen an den Landtag und befreit die Studenten von der Anwesenheitspflicht, wenn sie stattdessen demonstrieren gehen.
Und sie demonstrieren viel seit ein paar Wochen, seit bekannt wurde, dass der bayerische Finanzminister Kurt Faltlhauser fünf Prozent des Hochschuletats streichen will, um sein ehrgeiziges Ziel zu erreichen: Bayern soll vom Haushaltsjahr 2006 an ohne Neuverschuldung auskommen. Da muss auch die Bildung dran glauben. Bisher galten die bayerischen Universitäten trotz Überbelegung als bundesweit bestens. Doch der Münchner Stoffwechselbiologe und Hirnforscher Christian Haass fürchtet angesichts der neuen Sparwut um den guten Ruf. "Welcher Spitzenwissenschaftler kommt noch in ein Land, wo unsicher ist, ob morgen seine Mittel zusammengestrichen werden?"
Dem Geschwister-Scholl-Institut (GSI) droht sogar die Schließung. Hektisch gründen die Studenten deshalb Arbeitskreise, um den anschwellenden Protest zu organisieren - AK Presse, AK Aktionsideen, AK think tank. Und den Arbeitskreis Mobilisierung, Ansprechpartner: Florian Rustler. Steht eine Aktion an, dann hockt Florian mit Freunden im Fachschaftszimmer im Untergeschoss des Instituts vor den Türmen leerer Limo- und Colakästen und sprayt Slogans wie "2800 Studenten suchen Asyl" auf die Transparente. Oder: "Ganz rapid von München nach Augsburg."
Dort haben sie vergangene Woche die Uni gestürmt, weil sie sich über eine Bemerkung von Friedrich Pott, dem Personalleiter der Uni München, wahnsinnig geärgert hatten. Der schnodderte über die drohende Schließung des GSI: "Der Zug fährt auch nach Augsburg." 150 reisten deshalb mit dem Regionalexpress an, besuchten eine der nur zwei angebotenen Augsburger Politikvorlesungen, setzten sich auf den Boden und lehnten sich an die Wände - so voll war der Raum. Man bekam eine Ahnung, was passierte, kämen zu den 900 Augsburger Politikstudenten die 2800 aus München dazu.
Deutschlands Rohstoff Nummer eins ist die Bildung? In einer Wissensgesellschaft wird es immer wichtiger, wie gut die jungen Menschen ausgebildet sind? Von wegen. Was Politikern von Gerhard Schröder bis Edmund Stoiber beinahe wöchentlich so locker über die Lippen kommt, erscheint in der Praxis wie Hohn. Nicht nur in Bayern. Auch Niedersachsen und Berlin zwingen ihren chronisch unterfinanzierten Unis neue, gewaltige Sparpakete auf; die Länderchefs Christian Wulff und Klaus Wowereit dürften damit Geschichte schreiben: Zum ersten Mal in der Bundesrepublik Deutschland müssen als Folge ihrer Sparpolitik nicht nur Studiengänge, sondern komplette Fakultäten und sogar Hochschulstandorte dichtgemacht werden.
Das Schlimmste daran: Es regiert der pure Zufall. Demnächst frei werdende Stellen können nicht wiederbesetzt werden, egal, ob das Fach gut oder schlecht ist. Vom Aussterben bedroht sind Architektur, Maschinenbau und Elektrotechnik sowie die meisten Geisteswissenschaften an der Technischen Uni Berlin, Soziologie und Romanistik in Hannover, Politik in München, Bibliothekswissenschaften an der Humboldt Uni Berlin, Architektur- und Bauingenieurwesen in Buxtehude und Nienburg, Jura in Dresden, um nur wenige Beispiele zu nennen.
Bildungsabbau auf breiter Front. Dabei sind sich alle Experten einig: Wir haben in Deutschland nicht zu viele Studienplätze, sondern zu wenig. Die Zahl der Studenten hat sich seit 1980 fast verdoppelt und wird trotz des Geburtenrückgangs weiter steigen, weil mehr Leute eines Jahrgangs an die Unis strömen - die Zahl der Professoren dagegen stagniert seit Jahren. Die Wut darüber treibt die Studenten auf die Straße. Vor allem in Berlin.