In Hamburg demonstrieren Eltern gegen die sechsjährige Grundschule, in München dafür. Vor dem Bildungsgipfel am Mittwoch spricht Bildungsministerin Annette Schavan im stern.de-Interview über die Verantwortung der Länder, Investionen in Bildung - und rügt die vermeintliche Ignoranz der Eltern.
Bis 2013 wird der Bund zwölf Milliarden Euro zusätzlich für Bildung geben. Wir wollen uns in Berlin darüber verständigen, wie wir künftig zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Bildung und Forschung investieren. Eines ist also klar: Wenn der Bund mehr Geld für Bildung gibt, werden die Länder ihren Anteil nicht runterfahren.
Die eine Hälfte für Bildung, die andere Hälfte für Forschung. Einen starken Akzent wollen wir bei der frühkindlichen Bildung setzen. Außerdem wollen wir lokale Bildungs-Bündnisse stärken, die gezielt Kinder fördern, die wir bisher nicht erreicht haben.
Wenn Landesregierungen finden, dass ihre wichtigste Aufgabe ist, Schulstrukturen so zu verändern, dass sie anders als beim Nachbarn sind, machen sie damit den Föderalismus kaputt. Und es führt dazu, dass alle Reformen, die sonst noch im Bildungssystem laufen, immer weniger auf Verständnis stoßen.
Ich bin überhaupt nicht machtlos. Die meisten Länder in Europa sind föderal. Schulpolitik ist in nahezu keinem Land nationale Aufgabe. Frühkindliche Bildung, berufliche Bildung und Weiterbildung sind wichtige Felder der Bildungspolitik des Bundes. Und das mit einer finanziellen Investition, die es noch nie gegeben hat. Die ist im Koalitionsvertrag durchgesetzt. Das erwächst nicht aus Machtlosigkeit.
Das Kooperationsverbot verkompliziert vieles, aber wird uns nicht davon abhalten, zu tun, was notwendig ist.
Reformen müssen kommuniziert werden, auch mit den Eltern. Allerdings gibt es in Deutschland eine bemerkenswerte Ignoranz gegenüber gelungenen Reformen und zufriedenen Kindern in der Schule.
Weil immer über Strukturen diskutiert wird, statt über Bildungsinhalte. Das führt nicht zu mehr Akzeptanz - egal wie die Struktur aussieht. In Hamburg demonstrieren Eltern gegen sechs Jahre Grundschule, in München für sechs Jahre. Die Reformen stoßen auch deshalb auf Widerstand, weil die dahinter stehende Vorstellung von Bildung nicht kommuniziert wird, und weil mit Eltern darüber überhaupt nicht diskutiert wird.
Zur Bildung gehören Wissen, Können, Einsicht und Erfahrung. Bildung ist nicht nur das, was Pisa misst, sondern bedeutet auch Persönlichkeitsbildung, Herzensbildung und Gewissensbildung.
Es haben nur zwei Prozent der Studierenden demonstriert. Deshalb würde ist sehr behutsam sein mit pauschalen Aussagen über die angeblich so breite Protestbewegung. Ich bekomme mittlerweile Rückmeldungen von Studierenden, die mir sagen: "Die Situation an der Uni war noch nie so gut." Problematisch ist, dass bei zehn bis 20 Prozent der Hochschulen, die Umstellung auf die neuen Abschlüsse nicht gut gelaufen ist. Da wird jetzt korrigiert. Der Bologna-Prozess ist entschieden worden, als internationaler Prozess, der mit neuen Chancen verbunden ist. Die schlechten Beispiele dienen den Kritikern, die schon immer fanden, dass Bologna Mist ist.
Sie reagiert nicht erst jetzt. Allerdings ist die Politik jetzt im Gespräch mit den Hochschulen über eine konkrete Korrektur-Agenda. Das ist sehr positiv.
Ich finde jede Festlegung auf Zahlen viel zu früh, weil wir noch nicht genug Erfahrungen haben. Die Hälfte der Bachelors von den Fachhochschulen geht in den Beruf. Die Forderung, dass alle einen Master machen, hat auch mit Unsicherheit über Berufschancen zu tun. Nirgends in den 46 Ländern machen alle einen Master. Es gibt bislang genügend Plätze. Deshalb brauchen wir keine Quoten, aber eine entsprechende Qualifikation durch den Bachelor.
In diesem Jahr studieren erstmals 43 Prozent eines Jahrgangs. Wir brauchen möglichst viele gut gebildete und hoch qualifizierte junge Leute, im Studium und in der beruflichen Bildung. Denn wir brauchen auch neue Facharbeiter.