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17. Juni 2009, 14:03 Uhr

"Bäh!" wie Bachelor

Studenten machen mobil: Zu 70 zeitgleich stattfindenden Demos werden heute etwa 150.000 Teilnehmer erwartet. Es geht um mehr Freiheit an den Unis, im Mittelpunkt der Kritik stehen die neuen Abschlüsse Bachelor und Master. Die Bundesregierung ignoriert die Protestler - noch. Von Sebastian Christ

SPD, CDU, Union, Bildungsstreik, Studenten, Proteste, Nele Hirsch, Bernd Huber, Stefan Müller

Protest an der Viadrina in Frankfurt/Oder: Kreative Aktionen in mehr als 70 Städten© Patrick Pleul/DPA

An deutschen Universitäten wird gestreikt. Und es ist einiges los. Auf dem Internet-Ticker der Organisatoren war am Dienstagnachmittag zu lesen: "Spontandemo nach der Vollversammlung an der Fachhochschule Frankfurt -- Demo auch in Gießen, hier sogar mit Polizeieinsatz -- In Essen sollen 70 als Schafe verkleidete Studenten bei einer Flashmob-Aktion 'Bäh!' zum Bachelor gesagt haben -- An der Freien Universität in Berlin haben Studenten das Präsidium besetzt."

Die Humboldt-Universität in Berlin bietet dagegen zur selben Zeit ein friedlicheres Bild: Es gibt Freiluftvorlesungen mit Megafon, eine reichlich verklebte theologische Fakultät - und darüber hinaus nur ein paar aufrechte Aktivsten, die am Nachmittag noch im Innenhof des Hauptgebäudes an einer Wiese ausharren. Man hört Wörter wie "Praktikumsmaschine", andere erklären Freunden am Telefon, dass ein Streik durchaus sinnvoll sei. Gerade jetzt, wo die Reformen im universitären System langsam umfassend zu greifen beginnen.

Auch Schüler streiken

Auch wenn die Aktionen schon am Montag angelaufen sind - am Mittwoch entscheidet sich, wie groß die aktuellen Studentenproteste wirklich werden: In ganz Deutschland soll es am Vormittag beinahe zeitgleich etwa 70 Demonstrationen geben. Sollten es die Studenten schaffen, Zehn- oder gar Hunderttausende für ihre Sache zu mobilisieren, gewinnt der aktuelle Studentenprotest kräftig an Fahrt. Die Nachrichtenagentur AP meldet, dass bis zu 150.000 Demo-Teilnehmer erwartet werden. In einer Zeit, die an den Unis als eher unpolitisch gilt, wäre das ein wichtiges Zeichen: Dass die Proteste nicht nur von einer ideologisch geprägten Elite getragen werden, und dass es diesmal wirklich um etwas geht, was alle betrifft.

Die Ziele beim "Bildungsstreik 2009" sind komplex. Da der Protest dezentral organisiert wird, variiert auch die Schwerpunktsetzung: In Ländern mit Bezahlstudium geht es auch gegen die Studiengebühren. Im Allgemeinen gegen die neu eingeführten Bachelor- und Master-Abschlüsse und die damit einhergehende Verschulung des Studiums sowie schlechte Studienbedingungen. Außerdem wird der angeblich immer stärker werdende privatwirtschaftliche Einfluss an den Hochschulen bemängelt. Auch Schüler streiken mit.

LMU-Rektor Huber für Studenten

Das Besondere ist diesmal: Selbst Hochschulrektoren unterstützen die Proteste. "Ich kann das gut verstehen, dass sie mit den Bedingungen an Hochschulen nicht zufrieden sind", sagt der Rektor der Ludwig-Maximilians-Universität in München, Bernd Huber. "Unsere Uni ist seit Jahren vollkommen überlastet. Eigentlich haben wir nur Kapazitäten für rund 25 000 Studenten, im Moment sind es aber 40 000." Das Betreuungsverhältnis sei schlecht, und Seminarräume ständig überfüllt. Wohl gemerkt - das sagt der Rektor einer bayerischen Elite-Universität.

Die Union wirkt sehr schmallippig, wenn es um die Proteste geht. Sie stellt die Mehrheit der Kultus- und Wissenschaftsminister und trommelte in den vergangenen Jahren für mehr Wettbewerb an den Unis, Eliteförderung und Vergleichbarkeit. Der bildungspolitische Sprecher der Unions-Fraktion im Bundestag, Stefan Müller (CSU), glaubt, dass die Bildungsstreiks von der Linken instrumentalisiert werden: "Entlarvend sind die Aufrufe linker Studentenverbände und Gewerkschaften zu Bildungsstreiks. Mit Musikfestfestivals, Partys und vorgetäuschten Banküberfällen wollen sie Studierende und Schüler zu 'Bildungsstreiks' anlocken und damit von ihrer Ausbildung abhalten", so der Bundestagsabgeordnete aus Bayern per Pressemitteilung. Sein Rat an die Schüler und Studenten: "Wem wirklich an der Bildung gelegen wäre, der müsste derzeit gegen die Pläne des rot-roten Berliner Senates aufbegehren, Schulplätze künftig nicht mehr nach Leistung sondern per Los zu vergeben. Bei solchen Demos dürfte allerdings niemandem zum Feiern zumute sein." Eine konstruktive Antwort auf die von den Studenten erhobenen Vorwürfe sieht anders aus. Für ein persönliches Statement war Müller am Dienstag nicht zu erreichen.

Sachsen Wissenschaftsministerin will Studiendauer ändern

Die Bundes-SPD hält sich ebenfalls bedeckt. Der bildungspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion, Ernst-Dieter Rossmann, war nach Angaben seines Büros am Dienstagnachmittag nicht für ein Gespräch zu erreichen. Auch Gesine Schwan hatte keine Zeit.

Die sächsische Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) zeigte dagegen im Gespräch mit stern.de Verständnis für die Proteste. "In Sachsen gibt es keine Studiengebühren. Wir haben Studiengebührenfreiheit bis zum Master im Hochschulgesetz festgeschrieben. Diese Forderung kann ich sehr gut verstehen. Ich kann auch verstehen, dass die Studenten sich im Rahmen der Reformbemühungen kritisch äußern." Der Bologna-Prozess (in dessen Rahmen auch die Abschlüsse Bachelor und Master eingeführt wurden) sei an sich jedoch richtig und dürfe nicht umgekehrt werden. Stange regte eine Studienzeitverlängerung an, um mehr Freiräume zu schaffen. "Ich kann mir grundsätzlich vorstellen, den Bachelor von bisher sechs auf sieben Semestern zu verlängern. Damit wäre es möglich längere Praxisphasen oder auch Auslandssemester besser zu integrieren, was heute kaum möglich ist."

Hirsch: Exzellenzinitiative ein "falscher Weg"

Grundsätzliche Probleme mit den Reformen der vergangenen zehn Jahre hat die Bundestagsabgeordnete Nele Hirsch (Linke). "Das große Problem des Bologna-Prozesses ist doch, dass er von oben nach unten gelaufen ist." Studenten seien bei der Ausgestaltung der neuen Studiengänge außen vor gelassen worden. Zudem sei die Beschränkung auf den Bachelor als Standardabschluss falsch. "So kann man keine Akzeptanz schaffen", sagte Hirsch stern.de. Die Umstellung habe darüber hinaus dazu geführt, dass sich immer weniger Studenten im Uni-Leben engagieren. "Wenn man nach sechs Semestern fertig ist, nimmt man das nicht mehr als Lebensabschnitt war."

Hirsch nannte den Hochschulpakt "nett gemeint" und die Exzellenzinitiative einen "falschen Weg". Stattdessen müsse die Bundesregierung dafür sorgen, dass flächendeckend mehr Geld investiert wird. Zudem sei es im Sinne der Studenten, wenn künftig nicht mehr der Bachelor, sondern der Master als Standardabschluss gilt.

Was die Finanzmittelzuweisung für Universitäten angeht, müsste Angela Merkel übrigens voll auf der Linie von Nele Hirsch liegen. Sie forderte in den vergangenen Monaten immer wieder, mehr Geld in die Bildung zu investieren. Von der Kanzlerin war in der aktuellen Diskussion um die Bildungsproteste aber noch nichts zu hören.

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Die Bologna-Reform Das Studium soll schneller und internationaler werden. Deshalb werden die alten Abschlüsse Diplom und Magister nach und nach abgeschafft. 75 Prozent der Studiengänge sind bereits umgestellt. Nach sechs bis sieben Semestern machen Studenten heute ihren Bachelor. Der Abschluss soll sie für einen Beruf qualifizieren. Das Studium ist straff organisiert: Ab dem ersten Studientag zählt Leistung. Anwesenheit ist Pflicht. Jede Anmeldung zum Seminar ist auch eine Anmeldung zur Prüfung. Für die gibt es Punkte, so genannte "Credit-Points". Pro Semester kann man 30 Punkte schaffen, 180 sollen es nach sechs Semestern sein. Für die Wiederholung einer Prüfung gibt es "Maluspunkte". Wie viele erlaubt sind, regelt die Prüfungsordnung. Doch die Studenten trauen dem neuen Abschluss nicht. 85 Prozent der Bachelor-Studenten wollen noch den Master draufsatteln, weil sie glauben, dass sie mit dem neuen Turbo-Abschluss allein keine guten Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Das Master-Studium dauert weitere vier Semester. Doch ob sie einen Platz in einem Master-Studiengang ergattern werden, wissen die Studenten nicht. Denn nur die Besten sollen an der Uni bleiben dürfen. Deshalb wird es wohl eine Quote für den Master geben. Ursprünglich sollte die bei 30 Prozent liegen. CB

Von Sebastian Christ
 
 
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