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4. April 2008, 19:58 Uhr

Ohne Strategie in die Ölknappheit

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hat die umstrittene Verordnung zur erhöhten Bemischung von Bioethanol gestoppt. Er wolle damit die Fahrer kleiner und alter Autos schützen, sagt er. Die Wahrheit ist: Die gesamte Regierung fährt ohne einheitliches Konzept in die Ölknappheit. Ein Kommentar von Christoph M. Schwarzer

Biosprit in Deutschlands Zapfsäulen: Die geplante Verordnung wurde gekippt.© Michael Urban/ddp

Der Verstand hat eingesetzt. Beinahe hätte Umweltminister Sigmar Gabriel die Autofahrer aufgeteilt: In die, welche als Besitzer von alten und billigen Wagen plötzlich auf Super Plus umsteigen müssten. Und in die, die an der Zapfsäule sowieso mehr zahlen müssten, weil der Biosprit E10 ebenfalls teurer wäre als die aktuellen Gemische. Es wären alle zur Kasse gebeten worden. Jetzt hat SPD-Hoffnung Gabriel die geplante Verordnung gekippt. Der Verstand hat eingesetzt? Nein, es war eher der Instinkt eines Mannes, der politisch zu überleben weiß.

Das eigentlich Spannende ist die Begründung, mit der Sigmar Gabriel heute früh den Stopp der Biokraftstoff-Verordnung bekannt gab. Neben seinem Beschützergefühl für die betroffenen Fahrer meist älterer Autos behauptete er, die Verdoppelung der Bioethanolquote sei nie eine umweltpolitische Maßnahme gewesen. Vielmehr sei sie eine Schutzmaßnahme für die deutsche Autoindustrie gewesen, die dafür einen Rabatt im Flottenverbrauch bekommen hätte.

Damit hat Gabriel klar gesagt, was noch immer die Politik der gesamten Bundesregierung ist: Statt sich der Realität von teurer werdendem Rohöl und schwindender Kaufkraft zu stellen, wird die Protektion der Autoindustrie betrieben mit dem immer gleichen Totschlagargument, den Arbeitsplätzen.

Industrieprotektion zu Lasten des Volkes

Da bastelt das Umweltministerium seit Jahren am Biokraftstoffquotengesetz, obwohl die Frage der Herkunft des Sprits und der Konkurrenz von Spritpflanze und Nahrungsmitteln nicht geklärt ist. Zugleich plant das CSU-geführte Wirtschaftsministerium ein Energielabel für Neufahrzeuge, ähnlich wie es bei Kühlschränken der Fall ist. Anders als bei unseren europäischen Nachbarn soll bei uns aber nicht der Spritverbrauch und der damit verbundene CO2-Ausstoß maßgeblich für die Klassifizierung sein. Bei uns wird ein völlig intransparenter Gewichtsfaktor mit eingebaut. Vereinfacht gesagt: Fette Autos dürfen mehr verbrauchen.

Und auch aus dem Finanzministerium ist nichts Gutes zu erwarten. Die geplante CO2-Steuer kommt und kommt nicht, obwohl sie ein Supermittel wäre, den Verkauf der Neuwagenflotte, die dann über 15 Jahre gefahren wird, in Richtung sparsam zu drängen. Nein, hinter den Kulissen geht es wieder nur darum, ob die Kohle aus dieser reformierten Kfz-Steuer in ausreichender Höhe an die Länder fließt, selbst wenn das eine Mehrbelastung für 20 Millionen Fahrer bedeutet. Und nicht zuletzt gibt es weiter die unverständlichen Steuergeschenke beim Kauf sehr teurer und im Regelfall spritfressender Dienstwagen. Was soll das, liebe Bundesregierung?

Zurück zu Herrn Gabriel: Glauben wir ihm doch ausnahmsweise mal, dass er sich gegen die Autohersteller auf die Seite des kleinen Mannes geschlagen hat. Dann fehlt immer noch der große Wurf, eine konsequente, nachhaltige und einheitliche Politik, die den bundesdeutschen Fuhrpark ölkrisenfest, klimaschonend und erschwinglich macht. Das könnte Arbeitsplätze kosten? Wenn es wirklich hart auf hart an der Ressourcenfront kommt, kostet das noch mehr Arbeitsplätze: Bei den deutschen Herstellern, die zu wenig Druck von der Politik bekommen haben, um ihr Verhalten zu ändern und sich auf den Bau sparsamer Autos zu konzentrieren.

Und das Volk schlägt sich mit den abgelegten Dienst-, Miet- und Leasingwagen rum, die immer noch viel zu selten wegen ihres niedrigen Verbrauchs ausgewählt werden.

Ein Kommentar von Christoph M. Schwarzer
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
gmathol (07.04.2008, 10:55 Uhr)
@Hannes73
"Freiheit ist die Freiheit der Anderen".
Richtig! Einige Menschen scheinen was begriffen zu haben.
BrummBrumm ist out! BMW, Audi, Mercedes und V6 Golfs ebenso!
gmathol (07.04.2008, 10:51 Uhr)
Die Zukunft gehoert der Brennstoffzelle und dem Elektromotor.
Tschuldigung, ist so. Schon jetzt bieten japanische Hersteller Komplettloesungen inklusive Tankstelle und Brennstoffzellen getriebenen Fahrzeugen an.
Deutsche Automobil-Hersteller koennen es wohl nicht oder wollen es nicht. Speziell BMW bietet hier den hanebuechenen PS Unsinn an.
Was ist wichtig? Der Transport oder das BrummBrumm?
Mensch wollt ihr wirklich eines Tages aufwachen und Nichts geht mehr?
Leseratte79 (05.04.2008, 17:03 Uhr)
Ampelwahnsinn
Es gibt in Lünen eine Strasse auf der 70 gefahren werden darf. Nachts zwischen 24 und 5 Uhr herrscht dort kein Verkehr (obwohl Hauptstraße und Umgehungsstraße). Trotzdem springen die Ampeln für sagenhafte 5 Sekunden !!! auf rot. Will heißen: man komm angefahren Ampel wird rot, man bremst und Ampel wird sofort wieder grün. Spitzen Sache, wirklich und grüne Welle- ja die gibt es auch, wenn man konstant 90 fährt. Und das ist in der Gegend kein Einzelfall.
bob-der-meister (05.04.2008, 14:00 Uhr)
Re: Erdgas
Erdgas kann nur vorübergehend und begrenzt eine Alternative sein. Auch darin sind die Vorräte begrenzt, auch Erdgas setzt CO2 frei, auch Erdgas wird teurer. Wenn massenhaft PKW Fahrer auf Erdgas umstiegen, hätten wir auch wieder ein Problem.
Der Brennstoff, der unsere gegenwärtigen Bedürfnisse erfüllt, existiert einfach (noch) nicht und ihn wird es wohl nie wirklich geben. Deshalb geht an der Energieeinsparung da wo es geht, kein vernünftiger Weg vorbei.
sunny16v (05.04.2008, 13:06 Uhr)
Erdgas
Habe heute auf DSF einen Bericht über Erdgas betriebene Autos gesehen. Erdgas ist billiger, effizienter und umweltverträglicher als Benzin und Diesel. Selbst Rennwagen hatten mit Erdgas noch mehr Power. Sollte man vielleicht mal drüber nachdenken.
MfG
sunny16v
bob-der-meister (05.04.2008, 12:11 Uhr)
Lobbyismus
Wer in der letzten Monitor-Sendung gesehen hat, wie viele lobbyisten vin der Industrie bezahlt werden und in den Ministerien Gesetze formulieren, der braucht sich über diesen Eiertanz nicht wundern.
Ob Klimaschutz, Arbeitsplätze Feinstaub oder Ressourcenverbrauch: Irgendein Alibi findet sich immer, nur das Naheliegendste wird unterlassen.
goofy4 (05.04.2008, 12:06 Uhr)
Die Politik schläft
Das Problem wäre längst gelöst, wenn die Politik langfristige Obergrenzen für den Spritverbrauch festlegen würde. Mein erstes Auto -ein Kombi 1982 gekauft- hat 7l Normalbenzin verbraucht. Heute schafft das mancher Diesel nicht. Hallo?? Über 20 Jahre technische Entwicklung und nichts passiert?? Statt dessen wird der kleine Bürger geschröpft. Ich kaufe mir heute ein neues Auto und schwupps wird eine neue Abgas- oder Feinstaubnorm aus dem Hut gezaubert und schon ist mein Auto eine Drecksau. Ist ja auch viel leichter als bei den Lobbykonzernen anzusetzten.
Hannes73 (05.04.2008, 11:42 Uhr)
Der Globus leidet unter überflüssigen Luxus
Die großmotorigen Spritschleudern werden weiterhin nachgefragt werden, und die Wirtschaft wird weiterhin diese Nachfrage bedienen. Das Bedürfnis vieler Menschen, sich selbst durch solche Äußerlichkeiten als "Wert" darzustellen, überdeckt bei ihnen nur andere Persönlichkeits-Mankos.
Dieses Darstellungs-Gehabe kann nicht das Ergebnis angewandter Intelligenz sein. Die Begründung ist somit meistens auch die folgende: Es ist ein Teil meiner wertvollen persönlichen Freiheit. Dabei wird dann verschwiegen, dass diese persönliche Freiheit jener
"Geldmenschen" ein wesentlicher Faktor für die Zerstörung unserer Umwelt ist.
Abhilfe kann man da nur schaffen, wenn man den Begriff "persönliche Freiheit" neu definiert. Das ist sehr einfach: Wenn der Einsatz meiner "persönlichen Freiheit" zwecks Erfüllung meiner Spass- und Selbstdarstellungskomplexe die Lebensqualität anderer auf diesem Globus zerstört, dann gehört diese Art von "persönlicher Freiheit" per Gesetz verboten.
bob-der-meister (05.04.2008, 11:24 Uhr)
Der tiefere Sinn eines Tempolimits...
... ist nicht die Senkung der Durchschnittsgeschwindigkeit. Das würde in der Tat nicht viel bringen.
Wichtiger wäre ein Anreiz an die Industrie, endlich serienreife Autos zu bauen, die gar nicht auf höhere Geschwindigkeiten ausgelegt sind als 130km/h. Also z.B. weniger Hubraum haben und viel weniger verbrauchen.
Wenn ich sowieso im Endeffekt kaum schneller als 130 fahren kann, kann ich dieses Tempo mit kleinerem Motor wenigstens wesentlich sparsamer fahren!
Was die Staus angeht, wären diese auch seltener, wenn die Fahrzeuge alle annähernd gleich schnell unterwegs wären.
Was die Ampeln angeht, haben Sie ja Recht. Da gibt es ja schon mancherorts Induktionsschleifen und Kreisverkehre. Auch mehr Ortsumgehungen könnten vielerorts entlasten.
susanne_bonn (05.04.2008, 10:42 Uhr)
Tempolimit ab 300 vielleicht...aber die Killerampeln machen es
Mal im Ernst nicht das Tempolimit macht es. Kaum einer mehr ist in Deutschland mit Durchschnittsgeschwindigkeiten über 130kmh unterwegs.
Das Problem sind verstopfte Straßen in den Städten und umweltschädliche Ampelschaltungen.
Mal ein Beispiel (Wechselblinkanlage in BN): Diese Ampel wird alle par sekunden rot, auch nachts um 4. Ein 40 Tonnen LKW fährt darauf zu, mit 50 bremst und nachdem er fast Steht wird diese CO2-Killerampel wieder grün. Das Schadet der Umwelt mehr als die Frage, ob 5 Protent der Autofahrer schneller als 120 fahren.
Mein Vorschlag, Schaltet diese Teufelsdinger ab und spart viele Tonnen CO2
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