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19. Dezember 2008, 07:58 Uhr

Fast gab Steinmeier die Rampensau

Außenminister Frank-Walter Steinmeier nannte es ein "vergiftetes Lob". Wertvolle Informationen sollen deutsche Agenten während des Irak-Kriegs geliefert haben, so ein früherer US-General. Steinmeier, damals für die Kontrolle des BND zuständig, bestreitet dies vehement. Und sein Vorgänger Joschka Fischer tut eh, als ginge ihn das alles nichts an. Hans Peter Schütz, Berlin

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BND, Untersuchungsausschuss, Kriegsbeteiligung, Steinmeier, Joschka Fischer

Häufig genervt: Außenminister Frank-Walter Steinmeier war wieder einmal Zeuge vor dem BND-Untersuchungsausschuss© Fabrizio Bensch/Reuters

Beinahe hätte Frank-Walter Steinmeier ein Debüt gegeben. Den ersten Auftritt als politische Rampensau - eine Rolle, die so viele in der SPD von ihrem Kanzlerkandidaten sehnsüchtig erwarten. Am Ende der dritten Stunde packte er mit der linken Faust den stählernen Träger des Mikrofons vor seinem Gesicht, krümmte ihn wütend, als wolle er ihn knicken, und schimpfte mit rotem Kopf: "Hier wird eine skandalöse Umdeutung von Geschichte versucht."

Aber dann hat er sich noch einigermaßen beherrscht bei seinem jüngsten Auftritt vor dem BND-Untersuchungsausschuss, seinem nunmehr schon fünften in den vergangenen drei Jahren. Zu spüren war natürlich, wie sehr ihn inzwischen das Thema nervt. Wie wenig es ihm in den heraufziehenden Wahlkampf passt. Und für wie unfair er es hält, dass ihm der "Spiegel", der Steinmeier lange Zeit in dieser Affäre stets ohne aggressive Tendenzen publizistisch begleitet hatte, ihn jetzt plötzlich massiv attackiert hat.

Von "unschätzbarem Wert", so zitierte das Magazin den US-General a.D. James Marks, sei die Arbeit zweier Agenten des Bundesnachrichtendiensts (BND) gewesen, die während des Irak-Kriegs in Bagdad ausgeharrt und den US-Militärs von dort Informationen geliefert hätten. Den "beiden mutigen Deutschen" seien die USA "tiefsten Dank schuldig". Denn mit ihrer Arbeit "haben sie amerikanische Leben gerettet".

Das vergiftete US-Lob

Das Dankeswort nervt Steinmeier erkennbar. Wütend nennt er es im Ausschuss ein "vergiftetes Lob". Da werde, von wem auch immer angestiftet, versucht über ehemalige US-Militärs "alte Rechnungen" zu begleichen. Soll heißen: Für den Fehler, der der Irak-Krieg gewesen sei, wolle man jetzt, "die Deutschen nachträglich in Mithaftung nehmen". Und der Außenminister Steinmeier schreckt in seinem Zorn nicht einmal davor zurück, dahinter eine schmutzige Wahlkampagne gegen den Kanzlerkandidaten Steinmeier zu wittern.

Weshalb er sich darüber so erregt, ist schwer verständlich. Dass es seine Kanzlerkandidatur beschädigen könnte, ist nicht sehr wahrscheinlich. Denn längst hat der Ausschuss die politische Kampflage abgeklärt. Und auch der jüngste Schlagabtausch brachte keine neuen Erkenntnisse.

Eindeutig geklärt ist, dass die rot-grüne Bundesregierung Schröder/Fischer, sich dem Irak-Krieg der USA zu Recht verweigert hat. Steinmeier nennt diese Entscheidung "eine der wichtigsten außenpolitischen Entscheidungen" des vergangenen Jahrzehnts. Sie war in der Tat eine politisch bedeutende Aktion, weil sich die Gründe der US-Kriegsaktion gegen den Irak als an den Haaren herbei gezogen herausstellten. Völlig unstrittig ist, was Steinmeier jetzt einmal mehr wiederholte: "Es gab keine Beteiligung an operativen Kampfhandlungen. Es gab keine Überschreitung dieser roten Linie." Statt Kritik an diesem Vorgehen verdienten die Akteure von damals Lob für ihren bewiesenen Mut.

Eindeutig geklärt ist aber andererseits auch, was jetzt im Ausschuss einmal mehr stundenlang durchgemangelt worden ist. Der BND war durch zwei Agenten in Bagdad aktiv den US-Militärs behilflich, konkrete Ziele für ihren Bombenkrieg zu identifizieren. Allerdings, so Steinmeier, sei es doch eine "irrwitzige Vorstellung", die beiden deutschen Schlapphüte hätten die Angriffsplanung einer Armee von 150.000 Mann kriegsentscheidend geleitet. "Kein deutscher Soldat war beteiligt, kein deutscher Soldat ist umgekommen", sagte Steinmeier. Wer jetzt dennoch eine deutsche Kriegsbeteiligung daraus konstruiere, handle absurd.

Weder direkte noch indirekte Beteiligung

Die Schwachstellen dieser Position liegen längst offen: Kanzler Schröder wie auch sein damaliger Kanzleramtschef behaupten bis heute, dass es "weder eine direkte noch einen indirekte Beteiligung" am Krieg gegeben habe. Das lässt sich nicht halten, denn indirekt hat sich die damalige Bundesregierung vielfach für den Nato-Verbündeten engagiert. Das bestreitet sie überhaupt nicht. Aber ein Skandal daraus zu konstruieren, sei unsinnig, schimpfte Steinmeier. Und weil er richtig in Rage war, bürstete er die CDU-Abgeordnete Kristina Köhler mit für seine Verhältnisse überaus grober Polemik ab: "Wenn Sie später an verantwortlicher Stelle sitzen, wünsche ich mir, dass Sie mit ähnlicher Verantwortlichkeit umgehen." Dass er es bis heute nicht für einen Fehler hält, dass weder die Parlamentarische Kontrollkommission noch die Fraktionsführungen über die BND-Aktion informiert worden sind, passt allerdings nicht in dieses Schema des sorgfältigen Umgangs mit der politischen Verantwortung.

Was für den Kanzlerkandidaten eine erkennbar schwere Last war, schulterte sein Koalitionspartner aus rot-grünen Zeiten leicht, locker und lächelnd. Vor dem Ausschuss bot Joschka Fischer eine leichte, launige Show. Schließlich will er politisch nichts mehr werden, Wahlkampf muss er nicht mehr machen. So fläzte er sich mit seinen gut 100 Kilo lässig im Zeugenstuhl, der ziemlich überlastet aussah. Verschränkte die Arme überm sichtbaren Bäuchlein und ließ unübersehbar die Polit-Kollegen von einst in jeder Sekunde wissen: Ihr könnt mir nichts! Ihr könnt mich mal!

"Tote publizistische Flugenten"

Aus der Sicht des Josef Martin Fischer jagt der Ausschuss mal wieder, wie schon so oft zuvor, "tote publizistische Flugenten" und hat mit seiner Person mal wieder "den falschen Mann eingeladen". Fischer motzt immer mal wieder hinüber zum Ausschussvorsitzenden Siegfried Kauder (CDU): "Warum fragen Sie mich das?" Fischer tut dies so lange, bis Kauder schließlich Nerven zeigt und zurückgiftet: "Ich bitte Sie Fragen zu beantworten und keine Seitenhiebe zu verteilen." Gehindert hat das Fischer nicht, immer wieder mal mit dem Wörtchen "Quatsch" zu argumentieren, wenn ihm die Fragen zum Einsatz der beiden BND-Agenten in Bagdad nicht passten. Und "völliger Quatsch" nannte er es, dass er zu Details der Arbeit dieser Geheimdienstler befragt wurde. "Ich weiß nicht, in welcher Welt Sie leben", machte er dabei seinen grünen Parteifeind Hans-Christian Ströbele an. "Ich habe doch nie das operative Geschäft des BND gemacht."

Einen Grund, sich von der Vorgehensweise des BND zu distanzieren habe er nicht. Hätte man ihn jedoch gefragt, ob er dafür sei, die Amerikaner mit Infos zu bedienen, "wäre ich sehr dafür gewesen, um amerikanische Leben zu retten". Vor den früheren Kanzleramtsminister stellte er sich mit breiter Brust. "Steinmeier hat einen hervorragenden Job gemacht." Nur eines bemängelte er: "Leider ist er in der falschen Partei."

"Kriegsbeteiligung ist Entsendung bewaffneter Soldaten"

Die Position des Ex-Außenministers war in ihrer Schlichtheit selbst durch raffiniert formulierte Fragen nicht auszuhebeln: Die Nicht-Beteiligung am Irak-Krieg war eine historische Großtat der rot-grünen Koalition. Was die BND-Leute in Bagdad trieben, habe ihn nicht interessiert, ein Außenminister wie er habe Wichtigeres zu tun gehabt. Und wenn in diesem Ausschuss ständig von deutscher "Kriegsbeteiligung" geredet werde, so wolle er das schon mal genau definieren: "Kriegsbeteiligung ist die Entsendung bewaffneter Soldaten."

Das war Joschka - wie schon oft gehabt. Er nölte noch ein bisschen Richtung Kauder, bei dem man nie wisse, ob er froh oder unfroh sei. Wünschte dennoch allseits einen "Guten Rutsch für 2009". Denn da werde schließlich gewählt und "alle werden ihn nötig haben". Außer ihm natürlich, denn er ist schließlich zufriedener Polit-Rentner.

Hans Peter Schütz, Berlin
KOMMENTARE (10 von 24)
 
AttaTroll (19.12.2008, 23:18 Uhr)
Frank Walter Weißnix
Na ja, alle Untersuchungsausschüsse haben sind bisher zu dem gleichen Ergebnis gekommen: Steinmeier weiß von nix.
Die Frage ist jedoch, warum wir einen Mann der nix weiß, der nicht durchblickt und der auch nicht bemerkt, was um ihn herum vorgeht (als Kanzleramtsminister war er für den Geheimdienst zuständig) - warum wir solch einen Mann zum Bundeskanzler wählen sollten.
Die Alternative wäre, er hat Bescheid gewußt und lügt. Auch dann ist er natürlich nicht wählbar.
vegefranz (19.12.2008, 09:16 Uhr)
genauso unsinnig wie der al Masri Ausschuss
dieser Ausschuss ist genauso unsinnig wie der al Masri-Ausschuss. Haben diese "Abgeordneten" nicht besseres zu tun? Vielleicht sollten Sie sich in ihren Aahlkreisen mal bei den Bürgern erkundigen, was diese WIRKLICH bewegt
Fidi4877 (19.12.2008, 09:14 Uhr)
Um was geht es hier eigentlich
Alle disskutieren und lamentieren - um was ging es noch mal ? - 2 (!) bnd agenten waren im Irak - wahnsinn. Ich hoffe das unsere geheimdienste etwas mehr leute in solchen ländern haben. Vielleicht kappieren hier einige Gutmenschen nicht, was diese Jungs leisten. Das Sprichwort (aus ner Mücke....) trifft hier am besten zu. Die sollten nen Verdienstkreuz erhalten, denn ich glaube kaum, dass sich einer von den hier ständige meckernden Sprücheklopfern zu der Zeit in Bagdad aufgehalten hätte - die wären vor Angst gerannt. Und nun sollte man das Thema endlich mal anhaken ! Manchmal nervt Demokratie wirklich ;)
UThome (19.12.2008, 09:00 Uhr)
Der eigentliche Skandal ist doch,
dass die Unionspolitiker, die jetzt Steinmeier vorwerfen es zugelassen zu haben das g e f i l t e r t e Informationen den US-Amerikanern zugänglich gemacht wurden, damals lieber heute als morgen deutsche Truppen in den Krieg geschickt hätten.
hbbaer (19.12.2008, 07:54 Uhr)
Lügende Amis als Partner,
da fühlen sich die alten "Politprofis" wohl. Man kann ihnen ja nichts - offenbar. Fischer entblödet sich nicht zu behaupten, dass Kriegsbeteiligung erst bei Entsendung von Truppen gegeben sei! Und Steinmeier gibt sich empört, da er einen so guten Job gemacht hat!
Und dann noch die ganzen "Hanseln&Greteln" im Ausschuss: die haben noch nicht einmal die richtigen Fragen parat - oder trauen sich nicht, sie zu stellen, oder zu denken.
Armselig.
traldors (19.12.2008, 07:37 Uhr)
Lügenmeier (...)
auf der nach unten anscheinend offenen Richterskala für Politiker scheint dieser Politclown neue Negativwerte zu finden.
thortimoe (19.12.2008, 07:31 Uhr)
Man möchte brechen....
Ich kann jede kritische Stimme hier verstehen. Der Krieg war falsch und Deutschland hat sich daran beteiligt! Nur denke ich, dass so etwas jeden Tag passiert. Überall. Das ist Politik! Nur geschieht es hinter den Kulissen und man bekommt es in der Regel nicht mit!
Was diesen U-Ausschuss betrifft: er ist, wie schon in einem Kommentar zuvor erwähnt, ein absurdes politisches Theater! Man möchte brechen bei soviel Heuchelei, vor allem aus den Reihen der Union!! Reiner Wahlkampf und nichts anderes!!
Nicht falsch verstehen, der Irak-Krieg war falsch! Aber dieser Ausschuss ist eine Farce!
Schöne Fiertage und Guten Rutsch!!
flyingfree (19.12.2008, 07:02 Uhr)
Steinmeier
Schröder hat deutsche Truppen für den verlogenen und völkerrechtswidrigen Irak-Überfall verweigert, und das wurde auch eingehalten. Natürlich wurden dafür "andere" Dienste geleistet. Auch das war bekannt, oder hat wer geglaubt, dass nur Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten und Botschaften als Nicht-Ziele weitergegeben wurden?
Was Steinmeier betrifft; der hat so viel Dreck am Stecken, dass er es einfach nicht mehr zugeben kann. Er lügt schon zu lange und er ist schon zu tief drin versunken.
flyingfree (19.12.2008, 06:56 Uhr)
jsbach
Nun ja, irgendwer trägt sicher auch im Iran den schönen Namen Hussein, und sicher freuen sich die Bürger Irans auch ganz arg über jeden US Bombenangriff, und jede
US Splitterbombe als Kinderüberraschung. Wer hätte das nicht gern.
vegefranz (19.12.2008, 06:15 Uhr)
wie unsinnig darf ein Untersuchungsausschuss sein?
wie unsinnig darf ein Untersuchungsausschuss sein? mit der zunehmenden Anzahl blödsinniger Ausschüsse (als Masri, der jetzige) wird dieses Instrument weiter entwertet
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