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25. November 2009, 20:20 Uhr

Alle haben versagt

Die Proteste der Studenten gegen die neuen Studienabschlüsse Bachelor und Master halten an. Hochschulpolitiker und Professoren machen sich gegenseitig für die verkorkste Reform verantwortlich. Wer trägt wirklich die Schuld? Von Sven Becker

Studenten, Protest, Bildungsstreik, Peer Pasternack, Schavan, Lutz Stratmann, Bologna, Bachelor, Master

Denken verboten? Studentinnen protestieren gegen Bologna© Patrick Sinkel/ddp

Anette Schavan reicht kritische Fragen zur Studienreform gerne an die Universitäten weiter. "Die Hochschulen legen viel Wert auf ihre Autonomie", sagte die Bundesbildungsministerin unlängst in einem Fernsehinterview. "Dann ist jetzt auch zu erwarten, dass sie die Reform gut umsetzen." Auch ihr Kollege Lutz Stratmann, Wissenschaftsminister in Niedersachsen, sieht die Schuld bei den Hochschulen. Sie hätten aus Diplom und Magister einfach einen Bachelor gemacht: "Es kann nicht sein, dass ich versuche, alten Wein in neue Schläuche zu pressen", sagte Stratmann im Deutschlandfunk. "Das ist an vielen Hochschulstandorten geschehen."

Rektoren und Präsidenten spielen den Ball wütend wieder zurück. Bei der Hochschulrektorenkonferenz verabschiedeten sie eine Resolution, in der sie den Bundesländern schwere Vorwürfe machen. Die neuen Studiengänge seien unterfinanziert und überreguliert. Die Länder hätten es versäumt, "an wesentlichen Punkten Rechtssicherheit und Verlässlichkeit zu schaffen".

Wer ist also Schuld an dem Desaster, das Studenten auf die Straße treibt und Hörsäle besetzen lässt? Der Staat oder doch die Hochschulen? Und welche Rolle haben in den vergangenen Jahren eigentlich die Studenten gespielt? Ein Rückblick zeigt, wie alle Seiten zum Scheitern der Bildungsreform beigetragen haben.

Die Hochschulpolitiker warfen die Bologna-Reform wie eine tote Katze über den Zaun

1999 unterzeichneten europäische Bildungsminister die Bologna-Erklärung - und forderten darin die Vereinheitlichung des europäischen Hochschulraumes bis 2010. Für Deutschland unterschieb die damalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn. Viele Länderkollegen, die für die Umsetzung zuständig waren, konnten mit Bachelor und Master zunächst wenig anfangen. "Zu Beginn des Jahrzehnts hat die Politik die Reform wie eine tote Katze über den Zaun geworfen", sagt Thomas Sattelberger, Personalvorstand der Deutschen Telekom.

Aufwind bekamen die neuen Studienabschlüsse erst in der allgemeinen Debatte über die Reformbedürftigkeit Deutschlands in einer globalisierten Welt. "Es kann nicht in Ordnung sein, dass man in Deutschland an den meisten Universitäten 20 Semester kostenlos studieren kann", sagte Guido Westerwelle im Herbst des Jahres 2003. Der Bummelstudent wurde zum Synonym für Trägheit und die verkrusteten Strukturen im Lande. Gerne verwiesen Bachelor-Freunde auf andere europäische Länder, in denen Akademiker schon nach sechs Semestern fertig waren.

Die Mahner hatten Erfolg. In den meisten Hochschulgesetzen wurden Bachelor und Master ab 2005 zu Regelabschlüssen erklärt. Bundesländer wie Bayern knüpften Investitionen an die schnelle Umsetzung der Reform - was viele Hochschulen zur übereilten Abschaffung der etablierten Magister- und Diplomstudiengänge veranlasste.

Bei der Akkreditierung der neuen Studiengänge wollten die Hochschulpolitiker alles neu machen

Auch bei der Qualitätssicherung der neuen Studiengänge entschieden die Bildungsminister, ab jetzt alles anders zu machen: Anstatt die Studiengänge selber zu überwachen, verließen sich die Bundesländer auf ein Netz so genannter Akkreditierungsagenturen. Darin sitzen bis heute Experten und Vertreter der Hochschulen zusammen und entscheiden, ob ein Studiengang gut gemacht ist oder nicht.

Als Entscheidungsgrundlage dienen lose Vorgaben der Bildungsminister, die sich in alle Richtungen interpretieren lassen. Dabei rutschen den Akkreditierungsagenturen immer wieder Studiengänge durch, die von den Studenten kaum zu bewältigen sind. "Es ist ein Skandal, dass Studiengänge akkreditiert wurden, die heute als nicht studierfähig bezeichnet werden", sagt der Hochschulforscher Peer Pasternack von der Universität Halle-Wittenberg. "Da muss man sich die Frage stellen, worauf die eigentlich geachtet haben."

An den Hochschulen verdarben Reformgegner wie Befürworter die Umstellung auf Bachelor und Master

Mit Ausnahme weniger Universitäten ließen sich die meisten deutschen Hochschulen sehr lange Zeit mit Bachelor und Master: Ende 2003 waren gerade mal 23 Prozent aller Studiengänge umgestellt. Die Studienreform war unbeliebt, viele Lehrende empfanden tiefe Abscheu gegen die Verschulung des Systems. Erst als der Druck von der Politik zu groß wurde, setzten sie sich notgedrungen mit den neuen Abschlüssen auseinander. Hast und Unerfahrenheit sorgten dann für ausufernde Stundenpläne und Klausurenstress.

"Bei uns gab es große Abstimmungsprobleme zwischen den einzelnen Fächern", sagt Kristin Bührig, Studiendekanin der Geisteswissenschaftlichen Fakultät an der Uni Hamburg. Manche Studenten ihrer Fakultät müssten jetzt in sechs Wochen fünf Hausarbeiten schreiben. "Eine didaktische Katastrophe", sagt Bührig.

Nicht nur die Reformverweigerer vermasselten die Umstellung. An den Unis gab es ebenso ehrgeizige Reformer, die sich nach volleren Studentenplänen sehnten. Langzeitstudenten, die nach 15 Semestern im Grundstudium verharrten, sollten endlich aussortiert werden.

In ihrem Eifer übertrieben es viele Reformer und entwickelten Studiengänge mit 30 Semesterwochenstunden, Anwesenheitspflicht und unzähligen Prüfungen. Wer das nicht schaffte und schlechte Noten schrieb, sollte keinen Platz in den Master-Programmen bekommen - was den Druck auf die Studenten noch erhöhte. Der Hochschulforscher Peer Pasternack kommt zu einem niederschmetternden Urteil: "Die Hochschulen haben bei der der Belastung der Studenten, dem so genannten Student Workload, versagt."

Die Mehrheit der Studenten hat die Reform einfach über sich ergehen lassen

Auch wenn die Proteste in diesem Herbst von mehr Studenten unterstützt werden als in den letzten Jahren - die Mehrheit verzichtet auf den Streik und geht lieber in die Vorlesungen. Das könnte an der ideologischen Überfrachtung des Bildungsstreiks durch linke Kommilitonen liegen, aber auch an der Bereitschaft vieler Studenten, die Verschulung ihres Studiums hinzunehmen. Das zeigt auch die Erfahrung vieler engagierter Studenten in den Gremien: Nur selten verirrte sich ein Kommilitone freiwillig in die Sitzungen, wenn es um die neuen Studienabschlüsse ging.

Auf die Genügsamkeit der meisten Studenten deutet auch eine repräsentative Studie der Universität Konstanz aus dem vergangenen Jahr hin. Dabei fühlte sich mehr als jeder zweite Student gut betreut. Noch nie seit Einführung der Umfrage im Jahr 1983 waren Deutschlands Nachwuchsakademiker so zufrieden mit ihren Studienbedingungen - trotz Bachelor und Master.

Von Sven Becker
 
 
KOMMENTARE (10 von 17)
 
nightmare_online (26.11.2009, 11:35 Uhr)
Wer bisher noch nicht kapiert hat ...
... der wirds auch nicht mehr lernen. Wozu führt die Verschulung der Unis? Führt dazu, das die Studenten wieder so lernen wie die Schüler. Die Kenntnisse müssen genau bis zu dem Tag vorhanden sein, an dem die Prüfung / Klausur stattfindet. Danach: Mülleimer.
Nebeneffekt: Das eigentlich relevante an Universitäten, nämlich der Erwerb an Kenntnissen bezüglich der Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens und der praktischen Anwendung dieser Kenntnisse, fällt hinten runter.
Anwesenheitspflicht? Lächerlich. Jeder der mal studiert hat, weiss das Profs die Inhalte nicht selten runterbeten in einer Form, die völlig unzumutbar ist. Und das sich die Inhalte nicht selten wortgleich im Uni-Intranet finden.
Hier gehts -. wie immer bei "Reformen" im Sinne der Neoliberalen - um ein Menschenbild. Und das ist in diesem Fall eben der faule Student, der - so man ihn nicht zwingt - den ganzen Tag im Bett liegt, die Vorlesungen schwänzt und abends Party macht.
Auf die Idee, das der durchschnittliche Student SPASS am Studium hat, motiviert ist, freiwillig Seminare, Vorlesungen etc. besucht, kommen diese Leute schlicht nicht. Und tun im Zuge ihrer Reformitis alles, die Studenten zu demotivieren.
Popobawa (26.11.2009, 10:54 Uhr)
@kabelmann
Sicher mehr als bei 4-5 Noten die man in einen Monat für 5 Jahre Studium bekommt, das sagt sicher sehr viel aus über Motivation, Durchhaltewille usw. Es ist nicht verwunderlich das wir zu viele gute Diplome hatten, nach 5 Jahren gibt man eben ungern nen guten Freund eine 3 die 2 macht das auch schon. Stichwort Inflation der Kuschelnoten bei der Sternsuche.
kabelmann (26.11.2009, 10:45 Uhr)
@Popobawa
Sie sind also der Meinung, durch ein Notensystem würde viel mehr Transparenz über die Stärken und Schwächen der Personen herrschen?
Popobawa (26.11.2009, 10:03 Uhr)
Was soll das??
>>In ihrem Eifer übertrieben es viele Reformer und entwickelten Studiengänge mit 30 Semesterwochenstunden,

Was sollen das für Studiengänge eigentlich sein?? Jedes anständiges Studium hatte vor den Ba 30sws. Selber hatte ich fast 34 von bekannten höre ich auch nicht viel anderes sei es Physik, E-technik oder Chemie, von Medizin ganz zu schweigen. In diesen Fächern hat sich auch nicht viel geändert, außer der Anwesenheitspflicht und den Notensystem. Wobei, Leute die nicht an den Vorlesungen teilgenommen haben, haben die Prüfung auch nicht bestanden, von daher ist das ein Nullnummenrspiel. Anders als bei den Geisteswissenschaftlern, wo mein Bekannter aus Hamburg stolz erzählte wie er keine Pädagogik Vorlesung besuchte und trotzdem die Prüfung bestanden hat, ein echtes Genie eben... Verschultes Notensystem? Was spricht dagegen, war doch beim Abitur auch nicht anders, jeder Punkt zählte. Das dient doch viel mehr der Transparenz. Es wird ersichtlicher wo seine eigenen Stärken und Schwächen liegen. Das beugt doch den Betrug vor, erst neulich wurde von der Inflation der Kuschelnoten berichtet..
Lady_Sniper (26.11.2009, 10:01 Uhr)
Ideologische Überfrachtung
@ mein Vorschreiber:
zumindest an meiner Uni stimmt das auch(Bremen). Den Leuten ist es peinlich, bei Demos neben dem AstA- Wagen zu laufen, weil da immer so schöne Sachen wie die Internationale aus den Lautsprechern dröhnt. Außerdem hängen sich auch bei uns immer linke Gruppierungen mit dran und wer kann es Studenten verübeln, die "nur" gegen Studienbedingungen demonstrieren wollen, dass sie nicht gleich den ganzen Kapitalismus abschaffen wollen.
Hinzu kommt bei unserem AstA eine Konzentration auf Kleinscheiß. Beim Bildungsstreik wurde nicht dazu aufgerufen, gegen die Umsetzung des BA/MA zu protestieren - Nein, der AstA wollte gegen die Abschaffung der Mittagspause auf die Straße. Das ist so, als wäre bei Opel jemand auf die Straße gegangen für einen neuen Getränkeautomaten. Jetzt bei der neuen Streikwelle versucht man Leute mit dem GW3 zu mobilisieren. Das ist eine selbstgezimmerte Bretterbude(Freiraum!), die nie jemand nutzt, die aber abgerissen werden soll. Eine Posse. Gleichzeitig schafft es der AstA nicht, eine VV einzurufen, ohne VV keine Beschlüsse über das weitere Vorgehen. Inzwischen gibt es eine ziemlich große Streikgruppe, die alles organisiert, es wird da auch laut über einen gegen-AstA nachgedacht.
RDUKE7777777 (26.11.2009, 09:10 Uhr)
Tolle Analyse
"Das könnte an der ideologischen Überfrachtung des Bildungsstreiks durch linke Kommilitonen liegen, aber auch an der Bereitschaft vieler Studenten, die Verschulung ihres Studiums hinzunehmen"


Oder halt daran, dass man ANWESENHEITSPFLICHT bei einigen Vorlesungen hat, Praktika absolvieren muss und für die Prüfungen lernen muss...

Vielleicht hätte man einfach mal Studenten FRAGEN sollen, statt irgendwelche unsinnigen VErmutungen anzustellen.
VolkerRockel (26.11.2009, 08:43 Uhr)
Poitisches Rumgemurkse, ohne Sinn und Verstand....
Wir wollen global player sein, sehen Bildung als Zukunftthema und versagen beim Thema Bildung völlig!- Egal in welchem schulischem Bereich wir uns mit anderen weltweit vergleichen,- wir finden uns immer dort wieder wo politisches Versagen deutlich macht, dass wir nur zum Mittelmaß im Thema Bildung gehören!

Offensichtlich finden sich die Ursachen bei völlig überforderten Politkern und einer Kleinstaaterei, die offensichtlich ein sinnvolles zukunftsfähiges Bildungskonzept verhindert!

Es kann doch nur noch als Witz angesehen werden, wenn man es nach XX Jahren Diskussion um ein leistungsfahiges Bildungssystem, immer noch nicht geschafft grundsätzliche Kernfragen zu beantworten!

Von der dilletantischen Umsetzung dessen was man politisch beschlossen hat, mal ganz abgesehen!
kabelmann (26.11.2009, 08:21 Uhr)
Ja der Guido...
... typische neoliberale Strategie: Man erklärt den kleinen Prozentsatz wirklich fauler Studenten zum Normalfall, würze diesen Unsinn mit einem bisschen Panikmache vor der Globalisierung, lasse sich ein wenig von Bertelsmanns CHE unterstützen, die Diplom und Magister im völligen Gegensatz zur Realität als weltweit nicht akzeptabel erklärt haben, garniere den Misthaufen mit einem bisschen erdachter Reformbedürftigkeit und fertig ist die Zerstörung der Hochschulen.
Wer hätte gedacht, dass Wechseln zwischen den Unis einfacher wird, wenn sich jede Uni ihre Module selbst zusammenbaut?
Wer hätte gedacht, dass das Abwälzen der gesamten Verwaltung direkt auf die Unis die Bürokratie reduziert?
Wer hätte gedacht, dass die Qualität des Studiums zunimmt, wenn die Studienzeit abnimmt?
Die größte Schuld haben hier wohl Bürger, Professoren und Studenten, die einen so zum Himmel schreienden Unsinn kritiklos akzeptiert haben.
Nana_Xiaojie (26.11.2009, 08:20 Uhr)
Alle haben versagt?
Das verbitte ich mir- ich habe 2005 als Teil der ersten BA-Generation mein Studium mit 2 Hauptfächern pünktlich in 6 Semestern (im 2. HF sogar nach 5 Semestern) mit sehr gut abgeschlossen und bin dabei immer mindestens einem, zeitweise zwei Nebenjobs nachgegangen. Und damals war das BA-Studium noch sehr viel unsicherer als jetzt und Änderungen kamen fast im Wochentakt.
embe (26.11.2009, 08:17 Uhr)
Wer schützt uns vor den Experten?
Als Vater zweier Schhulpflichtiger Kinder sehe ich tagtäglich die "Schulreformen" im kleinen und kann auch hier nur jedesmal den Kopf schütteln. Ich frage mich welche "Fachidioten" für diese ganze Misere verantwortlich sind, die ein Heer von überforderten Heranwachsenden züchten, die von einem Thema zum nächsten springen ohne den Stoff vernünftig verstanden zu haben.
Auch `ne art Reform, staatlich Volksverdummung durch quantität, ist es auch wahnsinn, hat es Methode.
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