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19. November 2008, 17:24 Uhr

"Armut macht Bildung schwierig"

Katerstimmung in Bremen: Das Bundesland hat im jüngsten Pisa-Test in allen Disziplinen den letzten Platz belegt. Im Interview mit stern.de ergreift Bildungssenatorin Renate Jürgens-Pieper die Flucht nach vorn. Sie verteidigt die Bremer Schulpolitik - und nennt die ihrer Ansicht nach wahren Ursachen der Misere.

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Bildungssenatorin Renate Jürgens-Pieper verteidigt die Bremer Schulpolitik - trotz des schlechten Abschneidens ihres Stadtstaats© David Hecker/DDP

Frau Senatorin, Bremen ist bei allen Pisa-Studien seit jeher in allen Disziplinen Schlusslicht. Wer ist für dieses Desaster verantwortlich?

Vor allem unsere Situation hier in Bremen. Natürlich sind wir mit unserem Pisa-Ergebnis nicht glücklich, aber wir haben auch besondere Risikolagen, die es in anderen Ländern nicht in dieser Härte gibt. Die Erwerbslosigkeit in Bremen ist mit 27 Prozent sehr hoch. Die Armutslage ist mit 31 Prozent auch nicht klein, und Armut macht Bildung schwierig. Zudem haben fast 30 Prozent der Eltern keinen Berufsschulabschluss. Die Bildungsforscher sagen uns, dass sich das erheblich auf die Sprachförderung der Kinder und vieles mehr auswirkt. In all diesen Punkten stehen wir im Ländervergleich auch an Platz 16.

Das alles weiß man schon seit der ersten Pisa-Studie vor acht Jahren. Warum ist Bremen immer noch auf dem letzten Platz?

Wir haben einen riesigen Abstand zu bewältigen, und die anderen bewegen sich auch nach vorne. Wenn man so einen riesigen Abstand aufholen will, und die anderen strengen sich auch an, dann muss man sehr schnell sein. Und das bei unserer Situation! Das ist nicht einfach.

Was hat die Landesregierung in den letzten Jahren konkret unternommen?

Nach den Ergebnissen der ersten Pisa-Erweiterungsstudie, die 2002 bekannt wurden, haben wir sechs Millionen Euro zusätzlich eingesetzt, um unter anderem die Stundenzahl in der Grundschule zu erhöhen. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf den Lernerfolg.

Wir haben in den Kindertagesstätten mit Sprachförderung begonnen und fördern auch die Kinder neu, die ohne ausreichende Deutschkenntnisse in die Grundschule kommen. Wir haben Quereinsteigerkurse für Migranten eingerichtet, damit sie Deutsch sprechen können, bevor sie an die Schulen kommen. Wir haben Sommercamps eingerichtet, wo wir in den Ferien Schülern mit Sprachproblemen helfen. Und wir haben Ostercamps eingerichtet, um die Sitzenbleiber-Quote zu drücken. Das alles hat dazu geführt, dass wir in den Risikogruppen besser geworden sind. Das ist noch nicht zufriedenstellend, aber es geht langsam bergauf.

Was ist Ihr Ziel? Wie lange brauchen Sie noch, bis Bremen bei den Pisa-Tests das Mittelfeld erreicht?

Eine schwierige Frage. Wir haben sechs Jahre gebraucht, um den Leistungsabstand unserer Schüler um ein Schuljahr zu verkürzen. Allerdings liegen unsere 15-Jährigen immer noch mindestens ein Schuljahr zurück. Wir müssen jetzt auf alle Fälle versuchen, die Motivation zu halten. Wir dürfen nicht die Köpfe hängen lassen und müssen weiter arbeiten. Meine Aufgabe ist es, den Schulen Mut zu machen.

Bremen belegt auch im Schüler-Lehrer-Verhältnis den letzten Platz. Warum stellen Sie nicht endlich mehr Pädagogen ein?

Ich habe in dieser Koalition zumindest erreicht, dass wir bei sinkenden Schülerzahlen keine Lehrerstellen abbauen. In der letzten Regierung mit der CDU mussten wir das ständig machen, das hat die rot-grüne Regierung mittlerweile gestoppt. Jetzt bekommen wir wegen der abnehmenden Schülerzahlen zumindest demografisch eine positive Rendite.

Aber nicht mehr Lehrer.

Schauen Sie sich die Haushaltslage in Bremen doch an! Wir sind unter Beobachtung. Wenn wir jetzt sagen "Wir leisten uns mal was", dann schreien die anderen Bundesländer auf und fordern, dass wir erstmal unseren Haushalt in Ordnung bringen. Das ist eine sehr unfaire Debatte, die in der Republik stattfindet. Einerseits zeigt man wegen der Unterrichtsqualität mit dem Finger auf uns, andererseits sollen wir den Haushalt sanieren. Beides zusammen ist ziemlich schwierig.

Als besonderes Problem haben Sie vor Kurzem männliche Schüler mit türkischen Wurzeln ausgemacht. Wie wollen Sie an diese Gruppe herankommen?

Das sind tatsächlich genau die Schüler, die mir am meisten Sorgen machen. Wir haben beispielsweise beim Lesen einen starken Unterschied zwischen Jungen und Mädchen. Unsere Mädchen lesen täglich am meisten in der ganzen Bundesrepublik. Unsere Jungen - und insbesondere die türkischen Jungen - lesen hingegen ganz wenig. Da müssen wir in den Sommercamps gegensteuern. Außerdem wird die Sprachförderung vor der Grundschule demnächst per Gesetz zur Pflicht gemacht. Ich baue jetzt von unten auf, aber es ist ein dickes Brett.

Zur Person

Zur Person Renate Jürgens-Pieper ist Senatorin für Bildung und Wissenschaft in Bremen. Die SPD-Politikerin leitet die Behörde im Stadtstaat seit Juni 2007. Zuvor hatte sie bereits in ihrem Studium mit Schulen zu tun: Jürgens-Pieper absolvierte ihr 1. Staatsexamen in den Fächern Biologie und Chemie und lehrte 13 Jahre im Schuldienst in Braunschweig.

Interview: Christoph Schäfer
 
 
KOMMENTARE (10 von 21)
 
Maaike (20.11.2008, 15:01 Uhr)
Pisastudie!! Wozu wenn sich nichts änderd!!!
Als Elternteil kann ich nur aus Erfahrung sprechen, dass wenn man Lehrer einstellt, die schon am Elternabend warnt, dass sie oft krank ist da Migränepatient und dadurch jede 2 bis 3 Woche komplett ein Hauptfach ausfällt, dann zuwenig Lehrer da sind, oft bis zu 40% der Wochenstunden ausfallen, wie sollen die Kinder dann bei der Pisastudie noch gut abschneiden. Deutsche Politiker sollten Steuergelder lieber in die Kinder und die Bildung investieren anstelle in Diätenerhöhungen und in Banken die falsch gewirtschaftet haben. Man sollte sich vielleicht Vorbilder suchen bei den Nachbarländern.
Conference (20.11.2008, 13:38 Uhr)
Ein Armutszeugnis
stellt sich die Regierung mit der Argumentation selber aus. Bildung darf ja nach wie vor nichts kosten, Frau Jürgens-Pieper. Oder wie kann es sein, dass im 8. Jahrgang meines Kindes Chemie-, Biologie- und Physikbücher nicht für alle Schüler reichen und deshalb in der Schule verbleiben müssen? Das schont die Bücher ungemein und macht sie lange haltbar. Für Klassenarbeiten lernt man ausschließlich von Arbeitsblättern. Schon in der 7. Klasse wurden die Deutschbücher schon mit der Parallelklasse geteilt. Ach so, ich berichte übrigens vom einem Bremer G8-Jahrgang...
Dirk_37 (20.11.2008, 12:16 Uhr)
Sethus hat Recht....
Ich finde Sethus hat mit seinem Beitrag ins Schwarze getroffen. In meinem Umfeld gibt es einige Deutsche mit türkischer Herkunft, die sehr wohl eine gute Ausbildung als auch das entsprechende Gehalt haben. Leider ist in einem mir konkret bekannten Fall die Situation so, daß zu Hause (fast) nur türkisch gesprochen wird, die Kinder also außer beim Spielen im Kindergarten( 4h an 5 Tagen/Woche) eben türkischsprachig aufwachsen! Da kann das Kind nichts dafür und es ist auch deswegen nicht dümmer als die "deutschen", aber es ist halt so. Und klar ist leider auch: wer es sich leisten kann bringt seine Kids Privat unter oder unterstützt in Form von Nachhilfe etc. Doch wer nun, wie gerne gemacht, wieder auf Merkel& Co schimpft sollte mal überlegen, was der Einzelne machen kann! Es sollte mehr kommunale Aktionen geben die gezielt die Eltern solcher Migrantenkinder (das meine ich keinesfalls abschätzig!)ansprechen. Denn die Saat der Eltern wird die Ernte der Kinder, so ist das nun mal. Da ich selber sehr oft im Ausland tätig bin und um die Problematik der Verständigung weiß, (d.h. die anderen sprechen meine Sprachen nicht oder ich nicht deren)ist mir eines klar: Sprache ist der Einstieg ins gesellschftliche Leben, Bildung und Teilhabe! MfG Dirk
bigdady (20.11.2008, 09:19 Uhr)
nunja...
Anstatt auf Bremen zu schmipfen, sollten man vielleicht diesem Stadt-Staat helfen. Warum Ausländer/Migranten mit wenig oder keine ordentlichen deutsch Kenntnisse in die Schule kommen hat verschiedenlei Gründe. Es gibt nicht nur die Türken oder die Araber, auch wenn für machen unbedarften Bürger alle geilich erscheinen. Manche sind einfach Kriegsfllüchtlinge. Manche sind im Rahmen des Familiennachzugs eingewandert u.s.w.
Die hier geborenen deutsch-"ausländer" haben im Großen und Ganzen, die gleichen Probleme wie es ur-deutsche Bürger auch haben. Nur dass eben diese Gruppe einen höheren Anteil an armen Familien aufweist. Und die Verbindung zw. Armut und Schulerfolg ist einfach Tatsache. Natürlich muss das nicht so sein aber statistisch eindeutig.
Trotzdem kann man dieses Sprachproblem, insbesondere auch für ur-deutsche Kinder, einfach lösen. Gleiche Voraussetzung würde man schon schaffen können. Indem man einfach ein Pflich-Kindergarten ab 3 oder 4 jahren einführt. Kostet natürlich aber man müsste nur umschichten. Man muss, wie z.B. beim Elterngeld geschehe, nicht von unten nach oben das Geld verteilen. Dass schafft Arbeitsplätze und senkt die zukünftigen Risiken. Ich bin überzeugt, sollte so ein Gesetzt umgesetzt werden, dass innerhalb von vier Jahren Deutschland im Iglu-Test die vordesten Plätze belegt.
Warum war Deutschland vor 40 Jahren viel besser im Vergleich - ganz einfach früher waren die Anderen einfach schlechter aufgestellt. Nun muss man seine Eitelkeiten bei Seite legen und von den Anderen lernen. Es gibt hier die besten Vorrausetzungen, man muss nur richtig handeln. Aber solange der "Türke" schuld ist, muss man ja nicht. Man ist ja nicht betroffen! Und das ist der Trugschluss, den man endlich überwinden muss.
pitiplatsch (20.11.2008, 06:34 Uhr)
"Armut macht Bildung schwierig"
dieses ist verlogenund stimmt nicht. Dies ist die Politik der Kriegskanzlerin. Sie steckt das Geld lieber in Kriege die widerwärtig sind, und indem Zivilisten Mütter und Kinder erschossen werden. Dies ist eine Politik indem die Kinder der Armen keiner Chance bekommen, und diese ist gewollt von den Politikern. Die Reichen können sich Privat Schulen leisten. Die Kinder der Arbeiter und Hartz 4 ler werden in einen Raum gesteckt und schlecht bis garnicht unterrichtet, damit sie keinen Schulabschluß bekommen und als Leiharbeiter funktionieren müssen. Das dies ne ganz miese Politik von dieser Sesselfürzermafia in Berlin und den Ländern, dies ist so niederträchtig und fies das es dem Fass den Boden rausschlägt. Dies etablierten Politiker und Parteien zwingen uns Arbeiter geradezu ganz rechts oder ganz links zu wählen, weil sie weder Anstand noch Charakter haben. Von wegen dem deutschen Volke dienen, es müßte heißen, den deutschen Reichen das Geld sonstwo reinschieben, die Arbeiter ausbeuten und erniedrigen, dies währe wenigstens ehrlich. Aber diese Wort kennen die Politiker nicht.
UweBerlin (19.11.2008, 23:41 Uhr)
Schreckensbilanz des Versagens
Entweder umschichten zugunsten der Bildung oder die verantwortlichen Politiker eben abwählen.
Schlimme Zahlen in Bremen. Wie kann man da noch etwas rechtfertigen?
n8g8 (19.11.2008, 22:43 Uhr)
@Gleichmann
Ich stimme Ihnen ja zu, was das Theoretische betrifft, praktisch haben wir Merkel. Ich habe sie nicht gewählt, also machen Sie bitte nicht mich für das derzeitige praktizierte, unterirdische Niveau in diesem Land verantwortlich.
Auch dieses System wurde und wird HEUTE (G8 oder sonst wie genannt) gesteuert, wie jedes "System" gesteuert wird.
Ich bin eben erst für die Schaffung der Basis für Chancengleichheit und menschlicher Lebensbedingungen (Freiheit = Minimum an gleichen Lebensumständen) - und wenn das realisiert ist, lassen Sie uns nochmal über plurales oder zentrales System diskutieren, ok?
Bei der Ausgangslage Ost-West bringt es wenig, sich die Köpfe zu zerbrechen oder sinnlos gegenseitig als die "Besseren" einzuschlagen.-
L.Gleichmann (19.11.2008, 21:50 Uhr)
@n8g8
Guten Abend
Wenn die DDR in vielen Dingen suboptimal war, in einem ganz gewiss nicht: Im Bildungswesen! Das finnische System ist exakt die Kopie des DDR Systems was Lehrpläne, Pädagokik etc angeht, allerdings, ohne den DDR typischen ieologischen Ballast. Viele von den DDR bürgerechtlichen Deppen aus ihren Stellungen vetriebene Intelligenzler haben insbesondere in dan alten Ländern an vielen Stellen in vielen namhaften Unternehmen bewiesen was sie können. Der Gegenbeweis vieler sogennanter Wessis hier im Osten hat sehr oft das Gegenteil von guter Ausbildung dieser Leute bewiesen.Oft war es so: Im Westen nichts geworden, im Osten vor allem ein grosses, und noch schlimmer, zumeist dummes Maul. Und dann in Führungspositionen....
n8g8 (19.11.2008, 20:20 Uhr)
@Gleichmann - Nomen est omen
Ich bin strikt dagegen, das Bildungssystem zentral zu regeln, denn dann haben die Schulen deutschlandweit Merkel-Niveau. :-)
Die Aufgabe des Bundes ist es - zu Recht - für gleiche Lebenschancen in Ost und West zu sorgen. Solange das nicht geschehen ist, gibt es gar keine Vergleichsbasis für ein "zentrales" Modell wie Ihres.
Bildung muss sich entwickeln und da habe ich nichts gegen viele verschiedene Modelle, die auf Länderebene auch mal andere, neue Wege ausprobieren. Privatschulen (staatlich anerkannt) machen das übrigens schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts...
Allerdings: Solange die "Basis" (Lebensgrundlage + Chancengleichheit) nicht stimmt, hilft auch kein Pluralismus.
Und erst recht kein bildungspolitischer Zentralismus.
L.Gleichmann (19.11.2008, 20:04 Uhr)
Katzenjammer
Auch wenns in Sachsen oder Thueringen besser läuft,es gibt leider den grossen Unterschied in der naturwissenschaftlich technischern Kompetenz zwischen Ost und West, leider immer noch.
Es gibt eigentlich nur einen Ausweg: Bildung zentral dem Bund zuweisen,das DDR Bildungssystem ideologisch entrümpelt insgesamt gesamtdeutsch einführen. Alles andere ist Politmukrs
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