HOME

"Nicht das Establishment wählt Sie"

Bestsellerautor Frederick Forsyth schreibt im stern an Gerhard Schröder. Er rät ihm den Euro abzuschaffen, mehr direkte Demokratie zu wagen und nicht länger nach der Pfeife von Paris und Brüssel zu tanzen.

Lieber Herr Bundeskanzler,

vergeht die Zeit nicht im Flug, wenn man so viel Spaß hat? Als wär's erst gestern gewesen, dass Sie erstmals deutscher Bundeskanzler wurden und der Euro das Licht der Welt erblickte. Die Sonne lachte, und überall herrschte eitel Freude. Na ja, nicht überall. Helmut Kohl wirkte wie ein drei Zentner schwerer Fallschirmspringer im freien Fall, nur ohne Fallschirm. Acht Jahre nach der Wiedervereinigung sah die ehemalige DDR immer noch aus wie Vietnam nach Agent Orange - von den "blühenden Landschaften", die er versprochen hatte, keine Spur. Sie aber machten eine erstaunlich scharfsinnige Bemerkung. Sie bezeichneten den neuen Euro als "kränkelnde Frühgeburt". Das war wahrscheinlich das Klügste, was Sie jemals gesagt haben.

Ich glaube, ich schrieb Ihnen im stern ein paar Zeilen. Ich gab Ihnen vollkommen Recht und sagte: Wenn Sie die Mode nicht mitmachen und an der D-Mark festhalten, gelten Sie in acht Jahren als der hellste Kopf von Europa. Aber nein. Kaum im Amt, waren Sie von all den spitzohrigen Beratern umgeben. Die steckten Sie und Doris sofort in die Elefantenwaschmaschine, die man auch Kanzleramt nennt, vom Checkpoint Charlie nur die Straße runter. (Ach, Checkpoint Charlie. Komm zurück, alles ist vergeben.) Die Spitzohren rieten Ihnen, den Euro zu ehren und immer auf Jacques Chirac zu hören, der euch Deutsche, nebenbei bemerkt, nicht ausstehen kann, aber eure Subventionen braucht.

Sie haben noch einmal weiß der Himmel wie viele Milliarden D-Mark (ich ziehe immer noch die gute alte D-Mark vor) in die ehemalige DDR gepumpt, und alles, was Sie dafür bekamen, war Mutter Merkel. Sie haben ganz Europa südlich des Bodensees mit deutschen Steuergeldern subventioniert und darüber vergessen, dass es nicht die Wählerstimmen der Griechen und Italiener sind, die Ihnen den Verbleib in der Waschmaschine sichern. Jedes Mal, wenn Chirac in Richtung England knurrte, machten Sie einen Kniefall in Richtung Paris, und er behandelt Sie immer noch wie einen Fußabstreifer.

Schön, ich gebe zu, Sie haben auch die letzte Wahl gewonnen,

aber mal ehrlich: Zwei unerhörte Glücksfälle kamen Ihnen zu Hilfe. Kurz vor der Wahl öffnete der Himmel seine Schleusen, und innerhalb einer Woche hieß es in halb Deutschland Land unter. Und Sie konnten in Gummistiefeln herumlaufen und jedem, der nasse Füße bekommen hatte, versprechen, er hätte ein für allemal ausgesorgt. Das hat eine Menge Wählerstimmen gebracht.

Dann kam George Bush und wollte in den Irak einmarschieren. Das gab Ihnen die Chance, ihn und die Invasion anzuprangen, was noch mehr Stimmen einbrachte, und der arme alte Stoiber musste frustriert an die Isar zurückkehren. Aber so viel Glück hat man nur einmal, und das wissen Sie.

Also lassen Sie uns in aller Ruhe und Nüchternheit die Lage sondieren und überlegen, was getan werden kann. Erstens: Die Wirtschaft ihres Landes liegt am Boden. Sie haben ein paar ziemlich laue Reformen in Gang gebracht, und wie haben es Ihnen die Wähler in Nordrhein-Westfalen gedankt? Wahlchancenmäßig erinnert mich die SPD an einen Igel, den ich mal auf dem Avus-Ring sah, kurz nachdem ihn ein Hanomag platt gefahren hatte. Zweitens, Sie können nicht länger deutsches Geld in ganz Europa verteilen, nur weil Sie den Idioten in Brüssel gefallen und noch ein schmieriges Grinsen vom Kollegen Chirac ernten wollen.

Und schließlich können Sie nicht länger so tun, als sei der Euro die beste Währung, die die Welt je gesehen hat, wo doch selbst mein Jack-Russell-Terrier weiß, dass er Ihnen so viel nützt wie das Kamasutra einem Eunuchen und in spätestens fünf Jahren zusammenbrechen wird. Der deutsche Steuerzahler ist kein ewig sprudelnder Subventionsquell für nichtexistente italienische Weinberge und ungenießbaren griechischen Tabak. Sie sollten sich wirklich langsam fragen: Wer wählt mich eigentlich und sorgt dafür, dass ich in der Waschmaschine bleiben darf? Chirac jedenfalls nicht, ebenso wenig der Vielfraß in Brüssel oder geriebene Griechen. Die Deutschen wählen Sie - oder auch nicht, je nachdem. Also überlegen Sie sich, was sie wollen.

Wollen Sie wirklich Giscard d'Estaings aberwitzige Verfassung? Wohl nicht. Und bitte kommen Sie mir jetzt nicht damit, dass alles den Bundestag passiert hat. Wir beide wissen, dass diese Diätenempfänger mit Pensionsanspruch alles abnicken, selbst wenn Brüssel morgen die Erde zur Scheibe erklärt. Wollen Sie die nächste Wahl also wirklich und wahrhaftig gewinnen und Doris noch einmal über die Lukenschwelle der Waschmaschine tragen, wollen Sie Müntefering wirklich sagen, dass er in der Versenkung verschwinden soll, wollen Sie Mutti Merkel wirklich in die Forschung zurückschicken, dann müssen Sie folgendes tun. Drei einfache Dinge, in dieser Reihenfolge.

Erstens. Geben Sie zu, dass Sie sieben Jahre lang

Paris und Brüssel nach der Pfeife getanzt haben - alles, was es Deutschland eingebracht hat, sind zwei verstauchte Knöchel und großes Ungemach. Geben Sie zu, dass man das Recht der Deutschen, sich selbst zu regieren, zu lange exportiert hat und dass Sie deshalb beabsichtigen, es wieder nach Hause zu holen.

Zweitens. Im Falle Ihrer Wiederwahl gedenken Sie von den Richtern in Karlsruhe eine Grundgesetzänderung zu verlangen, damit künftig in Fragen, die das Schicksal des deutschen Volkes betreffen, Referenden durchgeführt werden können. (Bitte tun Sie jetzt nicht so, als sei das unmöglich, schließlich ist die Luftwaffe nur dank einer Grundgesetzänderung an der Seite der Royal Air Force über dem Kosovo geflogen.)

Drittens. Im Falle Ihrer Wiederwahl leiten Sie als erstes ein Referendum in die Wege und fragen die Deutschen, ob sie ihre D-Mark wirklich wiederhaben wollen. Nun wissen wir beide, dass das deutsche Establishment vor Entsetzen aufschreien wird. Das Volk befragen? Unmöglich. Aber denken Sie daran, lieber Herr Bundeskanzler, nicht das Establishment wählt Sie, sondern der Mann auf der Straße. Und dem Mann auf der Straße wird das gefallen.

Mit freundlichen Grüßen Frederick Forsyth

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools