15. Mai 2008, 12:59 Uhr

Mit Toilettenhäuschen in den Nahkampf

Im jüngsten Verfassungsschutzbericht warnt Innenminister Wolfgang Schäuble vor Rechtsextremismus. Doch was tun, wenn sich Neonazis in der Nachbarschaft ausbreiten? Oder Glatzköpfe CDs mit Hetzmusik verteilen? Ein Ratgeber des rheinland-pfälzischen Innenministeriums gibt unkonventionelle Tipps. Von Christoph Schäfer

Noch immer hängen 31.000 Menschen in Deutschland rechtsextremen Organisationen an©

Es ist der Albtraum fast aller Bürgermeister: Funktionäre der rechtsextremen NPD wollen ausgerechnet in ihrer beschaulichen Gemeinde ein neues Vereinsheim gründen. Nicht selten steht den verantwortlichen Stadtoberhäuptern dann der Schweiß auf der Stirn, denn sie wissen nicht, wie sie sich wehren sollen. Konkrete Abhilfe verspricht das rheinland-pfälzische Innenministerium. In der Broschüre "Kommunen gegen Rechtsextremismus" listen die Ministerialen detailliert auf, was im Fall der Fälle zu tun ist.

"Das Heft wird uns förmlich aus den Händen gerissen" erklärt Innenminister Karl Peter Bruch. "Da kommen Anfragen aus dem ganzen Bundesgebiet." Die Nachfrage dürfte in den kommenden Tagen weiter steigen: Laut jüngstem Verfassungsschutzbericht, den Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble an diesem Mittwoch vorgestellt hat, sank die Zahl rechtsextremer Gewalttaten gegenüber dem Vorjahr zwar leicht auf 980, die Zahl der als Neonazis eingestuften Bürger stieg jedoch um 200 auf 4400 Personen.

Schon das erste Kapitel "Versuch des Kaufs einer Immobilie" zeigt allerdings, dass der Kampf gegen den Extremismus auf lokaler Ebene nicht leicht zu gewinnen ist. In dem Abschnitt weist das Innenministerium darauf hin, "dass die NPD zur Verbreiterung ihrer Basis die Präsenz vor Ort sucht". Die Partei fahnde nach Räumlichkeiten, in denen sie Schulungen durchführen und wo sich ihre Mitglieder ungestört treffen könnten. "Ohne eine feste, örtliche Basis ist effektive Parteiarbeit schwer zu leisten", erklärt der Ratgeber. Und verrät, wie sich das Bauprojekt der Rechten wirkungsvoll aufhalten lässt.

Je nach konkreter Lage könnten doch "folgende Punkte überprüft" werden: Wie steht es beispielsweise mit den Bauauflagen? Wenn die Kommune ein paar Toilettenhäuschen mehr fordert, können die Umbaukosten schnell in astronomische Höhen schießen. Was ist mit dem Brandschutz? Mit Parkplätzen? Wurde die Stellplatz-Verordnung berücksichtigt? Ist gar ein teures Lärmgutachten nötig? Schnell wird deutlich, was gestresste Bauherren längst wissen: Das deutsche Baurecht kennt nahezu unbegrenzte Möglichkeiten, bauwillige Bürger zu vergraulen.

Die Tücken der deutschen Gesetzgebung bekommt auch Jürgen Rieger zu spüren. Der Landesvorsitzende der Hamburger NPD sucht seit Jahren in Norddeutschland nach einem Standort für ein braunes Schulungszentrum - bislang ohne durchschlagenden Erfolg.

Riskantes Eingriffsmittel

Vergrätzt werden sollen auch rechtsextreme Demonstranten. Hier allerdings gibt es ein gewaltiges Problem: Demonstrationen fallen unter die vom Grundgesetz garantierte Versammlungsfreiheit. "Dieses Grundrecht ist nur in sehr engem Rahmen beschränkt beziehungsweise beschränkbar", erklärt der Ratgeber - und zeigt dann doch ein paar Möglichkeiten auf.

So sollen die Behörden doch bitte prüfen, ob Paragraph 14 des Versammlungsgesetzes eingehalten wurde. Demnach müssen Demonstrationen 48 Stunden vor Bekanntgabe der Veranstaltung angemeldet werden. Verboten sind auch Aufmärsche an Orten, die an die Opfer der NS-Herrschaft erinnern, oder bei denen konkrete Straftaten zu befürchten sind. Dennoch: "Ein völliges Verbot einer Versammlung bleibt in der Praxis […] ein schwer zu handhabendes und damit riskantes Eingriffsmittel."

Wie schon beim Immobilienkauf können aber auch bei Demonstrationen ein paar Auflagen die rechte Stimmung vermiesen. So sei es manchmal möglich, Ort und Zeit der Veranstaltung zu ändern. Verbieten ließen sich ferner "szenetypische Kleidungsstücke wie Springerstiefel und Bomberjacken, das Mitführen bestimmter Flaggen oder die Benutzung von Trommeln". Nicht zuletzt dürfe die Versammlung bei "kollektiver Unfriedlichkeit" aufgelöst werden.

Bemerkenswerte rhetorische Fähigkeiten

Auch wenn Gesinnungstäter vor dem Schulhof CDs mit rechter Hetzmusik verschenken, müssen die Behörden nicht untätig bleiben. Dann sollen die Verantwortlichen sofort die Polizei verständigen. Die könne dann unverzüglich Ermittlungen einleiten, schlägt das Ministerium vor - beispielsweise wegen des "Anfangsverdachts auf Volksverhetzung".

Besonders gründlich setzt sich der Ratgeber auch mit dem Fall auseinander, dass Rechtsextreme in öffentlichen Veranstaltungen das Wort ergreifen. "Bemerkenswert ist", so schreibt das Innenministerium, "dass sich diejenigen Rechtsextremisten, die sich zu Wort melden, rhetorisch nicht ungeschickt verhalten". Meistens seien die Extremisten "gut informiert" und könnten "auch in Fragen von kommunal- oder landespolitischer Bedeutung mitdiskutieren".

Von der scheinbar einfachsten Lösung - die rechten Wortführer einfach des Saales zu verweisen - rät das Innenministerium indes strikt ab. Die Rechten versuchten dann "gegenüber dem Publikum den Eindruck zu erzeugen, man werde ausgegrenzt und von Staat und Medien 'verfolgt'".

Das Innenministerium empfiehlt daher, die Beiträge der Rechten rigoros zurückzuweisen und ihre Wortführer als Verfassungsfeine zu brandmarken. Komme es dennoch zu einem argumentativen Schlagabtausch, müsse man auf die "fehlende Problemlösungskompetenz" der Rechten abstellen. "Sie sind aufgrund ihrer Weltanschauung 'Vereinfacher' und reduzieren komplexe Probleme in unseriöser Weise, so dass ihre Lösungen oft nur lauten: 'Ausländer raus', 'Wiedereinführung der Todesstrafe' oder 'Boykott ausländischer Waren'. Hierin liegt eine Chance, erfolgreich zu kontern."

Aber auch jenseits aller Rhetorik haben die Ministerialen noch einen Tipp auf Lager: Die Organisatoren sollen das Saalmikrofon keinesfalls direkt ins Publikum geben, sondern stets von einem Ordner halten lassen!

 
 
KOMMENTARE (10 von 55)
 
utospatz (16.05.2008, 22:08 Uhr)
Und so hab ich denn mit
wenig Hirn, im Leben niemals gearbeitet, biete dem Leben die Stirn! Mein Rottenführer hat nun mal das Hirn! Bei kir müsste ein Glatzkopf arbeiten, bis er verliert das Hirn!
Und da er dießes nicht hat, macht er sich und seine Nächsten platt!
aeternitas (16.05.2008, 22:00 Uhr)
Buchtip (Nachtrag)
Das Buch heißt:
Ingo Hasselbach - Die Abrechnung
Wer danach die Rechten immer noch für unschuldige, friedliche Mitbürger hält, die gewaltlos für eine bessere Zukunft kämpfen, dem kann ich nur sagen: die rechten Brain-Bugs sind weit schlauer als du!
aeternitas (16.05.2008, 21:50 Uhr)
Wer hat Angst vorm bösen ...
Linken:
- alle Personen mit Glatze, einschlägigen Kleidern, einschlägiger politischer Gesinnung
Rechten:
- Ausländer
- Frauen und Männer deutscher Abstammung (!)"Eine deutsche Frau raucht nicht"
- Männer mit längeren Haaren als sie in das Weltbild der Rechten passen
- KINDER !!! Vor allem dann, wenn sie nicht blond und blauäugig sind.
Ich hab wirklich schon viel gesehen, aber noch nie, dass ein "Linker" ein Kind hauen wollte, weil ihm seine blonden Haare nicht gefallen haben... Typen mit Bomberjacke, Springerstiefeln etc. die türkische Kinder dumm anmachen dagegen schon.
Klar kann man das in Statistiken so hinbiegen wie man will. Aber wenn das stimmt, dass bei Demos die ganzen bösen die Linken sind, die die armen friedlichen Rechten verdreschen, dann sammeln die an einem Tag recht viele Anzeigen.
Wo bekommen aber die unschuldigen, friedlich demonstrierenden Rechten ihre fast genauso vielen Anzeigen wegen Körperverletzung her?
Mehr Preisfragen:
- Wer von euch begegnete allein einer Gruppe gewaltbereiter Linker und fühlte sich ernsthaft bedroht? (In NORMALER KLEIDUNG)
- Wer von euch begegnete allein einer Gruppe gewaltbereiteter Rechter und fühlte sich ernsthaft bedroht (in normaler Kleidung und mit normaler Frisur)?
- Wie viele Linke habt ihr schon gesehen, die in Gruppen im Zug Frauen mit Kindern anpöbeln?
Soooo unschuldig wie hier viele glauben sind die Rechten gar nicht. Sie sind nur ziemlich schlau. So schlau, dass es den meisten gar nicht auffällt, wie sie auf sie hereinfallen. Hier ein "unabhängiger" Polizist, da ein Tatsachenbericht, gezielt plazierte Informationen für alle, die sich immer schon mal unabhängig vom Mainstream informieren wollten... und schon tanzen ganz viele mehr oder weniger Intellektuelle nach ihrer Pfeife.
Ein kleiner Buchtip an dieser Stelle: Lest mal die Biografie von Ingo Hasselbach. Und vergesst nie, dass die Rechten nicht nur die dumpfen Schläger sind, die wir sehen können, sondern dass dahinter wirklich kluge Köpfe stecken, die nun frohlockend ihre Saat aufgehen sehen...
utospatz (16.05.2008, 20:34 Uhr)
Hat ein einziger
dießer Glatzköpfe schon jemals 1 nen Cent zum Gesellschaftsvermögen beigetragen, oder hirnlose arbeiten sehn?
Unter normalen Verhältnissen müsste das ganze Volk aufstehn, und diese Idioten in die Taklamacan exportieren! So ernährt ein ganzes Volk Idioten, die sogar vom Staat unterstützt, kein Schwein weiß wem das wohl nützt! Ist das nun CDU gewollt, oder ob sich sonst ein anderer Politiker dort trollt?
Jedoch nach 4-5 Jahren schon, tönen Alle, das haben wir doch nicht gewollt!
Alex64 (16.05.2008, 14:23 Uhr)
Immer noch nicht klar?
Die einen werden in den Medien bei jedem berechtigten oder auch nur gehegten Verdacht angeprangert, es gibt Bündnisse, Aktionen und was weiss ich noch alles "gegen Rechts" - und die Fallzahlen sinken.
Die Gegenseite wird entweder verschwiegen oder in ihrem "Kampf gegen Rechts" sogar noch bestärkt - und die Fallzahlen steigen....
Wie nennt sich sowas nochmal - den Teufel mit dem Beelzebub austreiben?
Lou123 (16.05.2008, 14:02 Uhr)
Mag sein
aber auch nur wenn sich die Statistik so weiterentwickelt. 2003 gab es auch schon mal einen Tiefstand (auf beiden Seiten) nach fast so hoher politisch motivierter Kriminalität wie jetzt.
Alex64 (16.05.2008, 12:47 Uhr)
Nicht ich
die zahlen wurden aus einem anderen Artikel des Stern (Terrorgefahr) übernommen.
Macht also bei den genannten Zahlen und Steigerungs/Rückgangsraten in ca. 6 jahren Gleichstand.
Kein Grund zur Sorge? Kann man auch sehen wie man will ...
Lou123 (16.05.2008, 12:19 Uhr)
Schöne Statistik
Du vergisst hier die Anzahl anzugeben:
"Aber für dich gerne nochmal die relevanten Zahlen aus einem anderen Stern-Artikel zusammengefasst:
1. Zahl "links motivierten Straftaten" um 16,7 Prozent gestiegen.
Zahl "rechtsextremistischer Straftaten" um 2,4 (Prozent?) auf 17.176 gesunken."
Anzahl Links motivierte Straftaten=5866
17.176 zu 5866. Das ist nicht schlecht, oder?
Auch:
"Innerhalb der Gewaltdelikte hatten die Körperverletzungen jeweils den größten Anteil. Gleichwohl sind auch hier deutliche Unterschiede zwischen den Phänomenbereichen erkennbar:
PMK-rechts 914 = rd. 86,7 %
PMK-links 569= rd. 45,6 %
PM-Ausländerkriminalität 71= rd. 55,0%
PMK-sonstige 79= rd. 70,5 %"
Kann man jetzt sehen wie man will...
Quelle:
http://www.eu2007.bmi.bund.de/nn_122688/Internet/Content/Nachrichten/Pressemitteilungen/2008/04/Entwicklung__politisch__motivierte__Kriminalitaet.html
Alex64 (16.05.2008, 11:36 Uhr)
Noch was...
"Ich weiss nicht genau, was die millionenhafte Ermordungen von vermeindlichen politischen Gegnern aufgrund von Verschwörungsfantasien unter dem Quasi-Diktator Stalin mit demonstrierenden jungen Menschen zu tun haben? Das hat nun mal gar nichts mit Kommunismus oder linker Orientierung zu tun."
Ach nein?
Na gut - im Umkehrschluß haben dann natürlich die Aufmärsche und Gewaltaktionen des rechten Gesocks rein gar nichts mit Adolf zu tun, nicht wahr?
Warum regen wir uns denn dann soooo darüber auf?
Alex64 (16.05.2008, 11:33 Uhr)
Immer noch dabei, mich in die "rechte Ecke" zu stellen?
Oder einfach nicht umgesetzt, was du da gelesen hast?
Ich "breche keine Lanze" für die "Rechten" - also lass diese dummen und beleidigenden Unterstellungen bitte bleiben.
Ich will darauf hinweisen, das in den Mainstreammedien (und inzwischen wohl auch in den Köpfen der meisten gutmeinenden Deutschen) anscheinend alle Gewalttätigkeit immer von rechts ausgeht - und die linken Dummköpfe bewusst ignoriert werden.
Aber für dich gerne nochmal die relevanten Zahlen aus einem anderen Stern-Artikel zusammengefasst:
1. Zahl "links motivierten Straftaten" um 16,7 Prozent gestiegen.
Zahl "rechtsextremistischer Straftaten" um 2,4 (Prozent?) auf 17.176 gesunken.
2. Zahl "linksextremistischer Gewalttaten" um 3,4 (Prozent?) auf 833 zurück.
Zahl "rechter Gewalttaten" um 6,4 Prozent auf 980 zurück.
3. "linksextremistisches Personenpotenzial" 30.800
"rechtsextremistisches Personenpotenzial" 31.000
4. Rechts gegen Links: 294 Straftaten
Links gegen Rechts: 389 Straftaten
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