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Kauder gegen Kauder

Harmonisch war das Verhältnis nie, nun ist es zerstört: Volker Kauder bejaht den Parteiausschluss seines Bruders Siegfried. Eine Familiengeschichte.

Von Hans Peter Schütz

  Verhältnis zerstört: Volker und Siegfried Kauder

Verhältnis zerstört: Volker und Siegfried Kauder

Vielleicht hat Siegfried Kauder etwas geahnt. Er schenkte seinem Bruder Volker, dem Fraktionschef der Union, zum 60. Geburtstag ein Gedicht. Der Titel: "Bruderliebe – Geschwisterliebe". Und darin steht, was die Mutter ihren beiden Söhnen geraten hat:

"Klärt, was ihr klären müsst zu zweit,
und tragt nach außen keinen Streit.
Tretet nach außen auf wie einer,
wenn das so ist, dann wagt schon keiner,
euch beide wie das Holz zu spalten.
Ihr müsst gut zusammen halten."

Es hat nicht geholfen. Die Brüder sind bis aufs Messer zerstritten, es geht, politisch, um Sein oder Nichtsein. Volker, der ältere, sagt: "Das Verhalten meines Bruders ist nicht akzeptabel. Es muss zum Ausschluss aus der CDU führen." Siegfried lehnt das strikt ab, freiwillig will er nicht gehen.

Volker spielt Skat, Siegfried läuft Marathon

Was war passiert? 2012 weigerte sich die Parteibasis, Siegfried Kauder wieder als Direktkandidaten für seinen Wahlkreis im Schwarzwald aufzustellen. Nun will er als Unabhängiger ins Parlament - in Konkurrenz zum gewählten CDU-Kandidaten. Kauder gegen die CDU. Und Kauder gegen Kauder.

Es war nie einfach im Zusammenleben der Brüder. Die Eltern wurden nach Kriegsende aus Jugoslawien vertrieben und kamen in Baden-Württemberg unter. Dort waren sie halt "Rucksack-Deutsche". Der Vater bleute seinen Söhnen ein: Ihr müsst schaffe, schaffe, sonst werdet ihr nichts.

Volker träumte davon, Zirkusdirektor zu werden. Gelandet ist er in der Politik, seit 2005 ist er der loyalste Mitstreiter von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die spöttische Frage, ob da ein wesentlicher Unterschied festzustellen sei, lässt er gerne zu. Volker ist ein Mannschaftsspieler, ihm ist das Team wichtig, auch die Geselligkeit, privat spielt er Skat. Siegfried neigt zum Einzelkämpfer, der es den anderen zeigen will. Er läuft Marathon, voller Ehrgeiz, absolviert ihn auch schon mal knapp unter drei Stunden.

In der Mensa mit den Schäuble-Brüdern

Das schwierige Verhältnis charakterisierte die Brüder schon in ihren politischen Jugendjahren. Aufgewachsen sind sie in Singen am Hohentwiel, mit 16 trat Volker in die CDU ein, für die der Vater schon in Stadt- und Kreisrat saß. Der Bruder folgte, aber das Engagement fürs politische Geschäft war sehr unterschiedlich. Während der Volker die Nachmittage meist auf der CDU-Geschäftsstelle verbrachte, schwamm "Siggi" lieber im Schwimmbad 50 Bahnen. Manchmal rief Volker beim Bademeister an, weil er Siegfried bei der Jungen Union brauchte: Schick den Bruder mal zum Plakate malen! Der eilte dann herbei und malte mit Filzstiften schnell mal zwei Dutzend Plakate.

Beide haben nach dem Abitur in Freiburg Jura studiert, saßen in der Mensa oft mit den Schäuble-Brüdern zusammen und diskutierten über Politik. Siegfried stieg nach dem Examen aus der Politik aus. Er wollte so schnell wie möglich Anwalt werden. Sein erster Prozess war gleich ein Mordfall. Er liebte das harte Duell in Strafrechtsprozessen. Die Mutter ermahnte Volker Kauder zuweilen: "Du musst auf den Bruder aufpassen, der hat so viel mit Mördern zu tun." Das politische Geschäft vermisste Siegfried nicht. Seinen Bruder Volker nannte er gelegentlich einen "Strippenzieher", und das war nicht unbedingt freundlich gemeint.

Selbstkontrolle und Querschüsse

Typisch für ihr Verhältnis war das Gespräch als Siegfried doch beschloss, auch für den Bundestag zu kandidieren. Abgesprochen zwischen den beiden war nichts. Volker erinnert sich, dass Siegfried ihm nur kurz mitgeteilt habe: "Ich kandidiere!" Er habe kurz und kühl geantwortet: "Hoffentlich weißt du, was du machst. Das ist mehr Arbeit als Du denkst!" Wechselseitigen Zugang zu ihren Gefühlen und Gedanken erlaubten sich die Brüder nur selten. Als sie später im Bundestag saßen, trafen sie sich selten, meistens nur auf den Fluren. Manchmal saßen sie in "Hägeles Antiqua", einem schwäbischen Lokal in Berlin, bei einem Glas Wein zusammen und fragten sich: "Wann hast du zuletzt die Mutter angerufen?"

Der entscheidende Unterschied zwischen den Brüdern ist, dass der zwei Jahre ältere Volker sehr buchhalterisch mit Gefühlen umgeht, seine ausgeprägte Sensibilität nur ungern erkennen lässt. Ein Mann, der seine Selbstkontrolle perfektioniert hat. Sein Bruder stürmte leidenschaftlich ins politische Geschäft, missachtete chronisch die Hierarchien und tat sich immer schwer, seinen Gesprächspartnern zuzubilligen, mit ihm auf Augenhöhe zu sprechen. Und in die Pflicht der Partei nehmen ließ er sich im Gegensatz zu seinem Bruder nur äußerst widerwillig.

Beglückt ist nur die SPD

Das Zerwürfnis wuchs von Jahr zu Jahr. Zuletzt ärgerte Siegfried, inzwischen Vorsitzender des Rechtsausschusses seinen Bruder damit, dass er einen Antrag auf die Frauenquote passieren ließ - obwohl die Fraktion eine Abstimmung gerne vermieden hätte. Endgültig zerbrach die Beziehung, als sich Siegfried mit beim Kampf um das CDU-Direktmandat unbarmherzig mit der Kreisgeschäftsführerin anlegte. Volker Kauder hatte ihn rechtzeitig, aber vergeblich gewarnt: Wenn er so weitermache, werde ihn die Partei nicht wieder nominieren. So geschah es. Siegfried witterte einen "kalten Putsch" und proklamierte sich zum unabhängigen Direktkandidaten. Ohne Krawall scheint es bei ihm nicht zu gehen.

Entzückt ist jetzt vor allem die SPD. Das Kauder-Drama dürfte die Wahlkampfthemen der baden-württembergischen CDU überlagern. "Das ist für uns ein Glück", freut sich Peter Friedrich, Bundesratsminister der grün-roten Landesregierung. Ganz gewiss werde Siegfried Kauder im Kampf gegen den Parteiausschluss durch alle Instanzen ziehen, so dass die Entscheidung erst lange nach der Bundestagswahl fallen werde.

Und die SPD sieht noch ein weiteres Problem für die CDU: Ihr offizieller Kandidat in Kauders vormaligem Wahlkreis ist der populäre Donaueschinger Oberbürgermeister Thorsten Frei, einer der jungen Hoffnungsträger der personell ausgebluteten Christdemokraten im Ländle. Dass er nun seinen kränkelnden Landesverband hinter sich lässt und sich in den Bundestag "absetzt", könnten die Wähler ihm und seiner Partei verübeln.

Schweigen und Gerede

Kauder gegen Kauder, das ist ein Familiendrama, aber auch ein politisches. Derzeit reden sie nicht miteinander, heißt es. Aber es wird viel über sie geredet. Ihre Mutter wusste wohl schon, dass es eines Tages so kommen würde.

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