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Wie die AfD mit Rechthaberei und Hetze auf die Anschläge reagiert

Wenn es einen Mann gibt, der in der AfD isoliert ist, dann scheint es der bedächtige Co-Vorsitzende Jörg Meuthen zu sein. Er kommentiert Brüssel umsichtig - seine Kollegen Petry, Pretzell und von Storch hauen drauf, dass es kracht.

Von Karoline Böhme

Jörg Meuthen

Der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen drückte den Opfern und ihren Angehörigen auf Facebook sein Mitgefühl aus.

Ginge es in der AfD zu wie in jeder anderen Partei, hätten deren Kritiker derzeit nicht viel zu beanstanden. Immerhin hat Jörg Meuthen, der Co-Vorsitzende, auf der Homepage des Bundesverbandes einen respektablen, bedächtigen Kommentar zu den Terror-Anschlägen in Brüssel veröffentlicht. "Die Bilder, die uns erreichen, sind erschütternd ", schreibt Meuthen. "Unsere Gedanken und unser Mitgefühl sind bei den vielen Opfern, ihren Angehörigen und Freunden." Es gelte nun, die Hintergründe aufzuklären und weitere Anschläge zu verhindern.

Fünf Sätze nur umfasst Meuthens Mitteilung. Fünf Sätze, die getragen sind von Trauer und Abscheu vor den Terroristen. Das ist der Ton, der auch viele Kommentare anderer Politiker quer durch die etablierten Parteien kennzeichnet. Ein Ton, von dem Meuthen vielleicht hoffte, er wäre tonangebend für das Führungspersonal der AfD. Doch Meuthen ist damit ziemlich allein. Um ihn herum spritzt es Rechthaberei, Zynismus und Hetze.

Petry schreibt von "Heuchelei"

Da ist zum Beispiel Frauke Petry, Meuthens Partnerin in der Parteiführung. Völlig ungeniert verhöhnt sie alle Trauernden als Heuchler. Auf Facebook schreibt sie: "Es geht um unsere Identität als freiheitlich aufgeklärte Europäer! Wir sind fest entschlossen, diesem Treiben ein Ende zu setzen! Jetzt werden Sie nämlich wieder irgendetwas sein. Sie waren Charlie, sie waren Paris, jetzt sind alle Brüssel oder gar Belgien. [...] Damit Sie Ihre nutzlosen Bilder nicht immer austauschen müssen, ein kleiner Tip: #IchBinWelt. Das passt immer und vor allem immer öfter, ihr Heuchler [...]." Dazu hat Petry ein Bild gestellt, das die Aufschrift trägt: "Wir schüren keine Angst, wir warnen vor Gefahren." Es soll wohl die Botschaft transportieren, dass es die AfD schon immer besser gewusst habe.

Petrys Lebensgefährte Markus Pretzell, Chef des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen, ließ sich von Meuthens Kommentar offenkundig auch nicht beeindrucken. Er holzte auf Twitter seine Wut heraus und ranzte Bundesinnenminister Thomas de Maizière an. Seine Botschaft: Macht die deutschen Grenzen dicht. Ein Wort des Mitgefühls für die Opfer hat Pretzell nicht.

Einen Shitstorm hatte zuvor die AfD-Europaabgeordnete Beatrix von Storch ausgelöst. "Widerlich", "abscheulich", "erbärmlich" oder auch "beschämend" nannten User den Tweet, den sie kurz nach den Anschlägen abgesetzt hatte.

Von Storch scheint gleichwohl kein Bewusstsein dafür entwickelt zu haben, dass ihr Sarkasmus völlig deplatziert gewirkt hatte. Sie schaltete sich wenig später wieder in die Debatte ein mit dem Hinweis: "Ich schrieb es heute früh schon: ich bin in Sicherheit und konnte Grüße schicken. Danke für die vielen Nachfragen."

Die Postings der AfD-Landesverbände

Unterschiedlich sind die Reaktionen aus den Landesverbänden. Während es die AfD-Hessen bei einer Mitteilung beließ, die Beileid mit den Opfern ausdrückt, schlugen die Bayern auf ihrer Facebookseite in bester Agit-Prop-Manier zu. Der Verband postete ein Bild mit düsterem Hintergrund, auf dem einige Blutflecken zu sehen sind, und titelte darauf: "Welchen Preis wollen wir eigentlich für die Gesellschaftsexperimente bezahlen? Hat man uns das schon mal gefragt?" Ähnlich hielt es die AfD Schleswig-Holstein. Sie postete auf Facebook ein Bild mit einem blutigen Handabdruck und dem Satz: "Toleranz kann tödlich sein."

Noch rabiater gingen die Landesverbände in Ostdeutschland vor. Sie nahmen Brüssel zum Anlass, um deutsche Spitzepolitiker direkt zu attackieren - oder auch zu verhöhnen.

Die AfD Mecklenburg-Vorpommern veröffentlichte auf Facebook eine Checkliste, die Politiker angeblich nach jedem Terroranschlag abarbeiten. Angefertigt hatte die Liste offenkundig die "Junge Alternative", die Jugendorganisation der AfD.

Nach den schrecklichen Terroranschlägen in Brüssel zücken Politiker wieder ihren Merkzettel...

Posted by Alternative für Deutschland Mecklenburg-Vorpommern - AfD MV on Dienstag, 22. März 2016

Die AfD in Sachsen-Anhalt hat die Schuldige für die gesamte Misere mit islamistischen Attentätern bereits ausgemacht: Kanzlerin Angela Merkel. Auf Facebook schreibt der Verband: "Terror bahnt sich seinen Weg! Und es stellt sich die Frage, wann er in dieser Form auch Deutschland erreicht. Diese Entwicklung in Europa war vorher zu sehen und das größte Verschulden daran trägt wohl Noch-Kanzlerin Merkel mit ihrer unverantwortlichen totalen Grenzöffnung."

Der schnelle politische Profit

So versucht die Partei, schnellen politischen Profit aus den Anschlägen von Brüssel zu ziehen. Ihre Kritik richtet sich nicht an die Attentäter, sondern an deutsche Politiker. Ihr Mitgefühl gehört nicht den Opfern in Belgien, sondern sich selbst. Vorschläge für den politischen Umgang mit der Situation liefert sie nicht, sondern schreit Wut und Angst heraus.

Wie der Co-Vorsitzende Jörg Meuthen das mit seinem Kommentar zu Brüssel vereinbaren kann, bleibt sein Geheimnis.

Mitarbeit: Lutz Kinkel

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